Zwischen Katastrophen und Hoffnung – Eine Reise durch Nepal

Vor allem durch Gipfel wie den Mount Everest bekannt, bietet Nepals Natur auch abseits sportlicher Aktivitäten große Herausforderungen. Naturkatastrophen gehören hier zum Leben dazu. Wie die Nepalesen gelernt haben, damit umzugehen.

Langsam und stetig, beinahe rhythmisch kämpfen sich die Fahrzeuge, Menschen und Tiere auf Nepals Straßen voran. Rund sechs Stunden brauchen wir für die 160 Kilometer von Nepalgunj, das im Westen Nepals liegt, nach Chaurjahari, wo wir das Krankenhaus besichtigen wollen, das humedica unterstützt.

Auf unserem Weg fahren wir an bunten Häusern in Kastenform vorbei, gelb pinkrosa und grün wechseln sich ab. Teilweise kann man auch die roten Ziegel sehen, aus denen sie gebaut sind. Je ländlicher es wird, desto einfacher werden auch die Hütten, manche scheinen ganz aus Lehm zu sein. Irgendwann hört dann die Straße auf, zumindest das, was wir als Straße bezeichnen. Stattdessen: Festgefahrener hellbraun-gelblicher Boden.

Wobei das „fest“ von der Jahreszeit abhängt. „In der Regenzeit fahren die Menschen halt soweit sie kommen“, erzählt Thomas Meier, Partnership und Communications Manager beim Partner Human Development and Community Services (HDCS) und für humedica koordinierend in Nepal tätig. Als wir einen Blick aus dem Fenster werfen, sehen wir eine Autorikscha, die sich gerade durch ein etwa 40 Zentimeter tiefes Schlagloch kämpft.

Das Krankenhaus in Chaurjahari ist abgelegen. Die Straße wird immer abenteuerlicher: Auf der einen Seite des Weges wird der Abhang immer steiler, auf der anderen Seite die Berge immer höher, sodass man das Gefühl bekommt, nördlich des Krankenhauses könne nicht mehr viel kommen. Trotzdem ist es zentraler Anlaufpunkt für viele Menschen aus der Umgebung. Manche tragen ihre Angehörigen und Freunde bis zu drei Tage auf einer Trage dorthin, damit ihnen geholfen wird.

Binisha mit ihrem Mann und ihrem neugeborenen Sohn.

Eine von ihnen ist Binisha*. Die 22-Jährige war schwanger und hat sich auf den Weg gemacht, als ihre Wehen einsetzten. Vier Stunden Fußweg sind es von ihrem Zuhause bis nach Chaurjahari. Ihr Mann hat sie getragen, ihre Mutter kam mit. „Ich kannte das Krankenhaus schon vorher und wollte deshalb auch unbedingt zur Geburt herkommen“, erzählt Binisha. Eine gute Entscheidung, wie sich herausstellte: Sie hatte wenig Fruchtwasser und benötigte einen Kaiserschnitt. „Jetzt bin ich überglücklich“, lacht die frisch gebackene Mutter während sie ihren kleinen Sohn präsentiert.

Wie wir erfahren, sind viele Geschichten hier im Krankenhaus aber nicht mit so einem freudigen Ereignis verbunden. Viele der Patienten leiden an Verbrennungen, weil in Nepal oft noch an einer offenen Feuerstelle gekocht wird. Die häufigsten Verletzungen sind allerdings orthopädischer Natur: Bauern rutschen im steilen und während der Regenzeit schlammigen Gelände aus; Frauen, die im Wald auf Bäume klettern, um Futter für das Vieh zu sammeln, fallen herunter; schlecht gewartete Busse kommen von den unebenen Straßen ab und stürzen im schlimmsten Fall den Abhang hinunter. Gründe für Brüche gibt es in Nepal viele.

Welche dramatischen Auswirkungen so ein Sturz haben kann, hören wir von Bikram, den wir im Parbat-Gebiet treffen. Nachdem wir eine der sich ewig windenden Bergstraßen entlanggefahren sind, halten wir nahe eines Abhangs. Von dort geht es zu Fuß einen schmalen langen Weg zu Bikrams Haus, das malerisch gelegen ist. Doch so schön die Gegend in der Trockenzeit auch wirkt, so gefährlich ist sie während der Regenzeit. Das musste Bikram am eigenen Leib erfahren, als er vor zehn Jahren ausrutschte. Die Folge: Eine Querschnittslähmung.

Bikram und seine Frau präsentieren die Handwerksarbeiten, die Bikram selbst herstellt.

„Ich bin hier dank meiner Familie und unseren Nachbarn. Sie haben für den Transport ins Krankenhaus zusammengelegt, sodass ich sofort operiert werden konnte. Hier im Dorf beschimpft mich auch niemand als behindert, Sie unterstützen mich alle“, erzählt Bikram gerührt. Diese Unterstützung machte ihm Mut, weiterzumachen. Er lernte, wie er kleine Hocker selbst herstellen kann, die er dann auf dem Markt verkauft. Und auch kleinere Reparaturen an dem Rollstuhl, den er durch humedica und den Partner International Nepal Fellowship (INF) erhalten hat, führt er selbst durch. „Durch meinen Unfall habe ich gelernt, wie wichtig es ist, den Mut und das Vertrauen in sich selbst nicht zu verlieren. Man muss weiter etwas tun. Ich gebe nach wie vor, was ich kann. Das hat mir geholfen, meinen Frieden mit dieser Sache zu machen“, verrät Bikram.

Den Menschen in Nepal machen aber nicht nur Knochenbrüche zu schaffen. Wie gewaltig die Natur ist, welche Kraft sie hat, merkt man hier deutlicher als in Deutschland. „Wenn durch einen Erdrutsch die Straße versperrt ist oder sogar weggespült wurde, wird einfach drumherum gebaut. Je weiter man ins Gebirge kommt, desto eher ist das dann aber nicht mehr möglich“, erzählt uns Meier, als wir an eine solche Abbruchkante kommen. Erdbeben, Erdrutsche und Sturzfluten: Mehrere Tausend solcher kleinen Katastrophen gibt es in Nepal jährlich.

Auch Gita lebt in so einem Gebiet, das die Natur fest im Griff hat: Überflutungen sind in Raptisonari nichts Ungewöhnliches. Ein Großteil der Bevölkerung lebt dadurch am Existenzminimum, denn jedes Mal, wenn der nahe liegende Fluss auf ein Vielfaches seiner normalen Größe anschwillt, ist alles verloren, was vor den Wassermassen nicht gerettet werden kann. Viele Menschen haben deshalb nichts mehr. Sie müssen jedes Mal wieder von Null anfangen. humedica hat deshalb mit dem Partner INF Nepal ein Projekt gestartet, durch das sich die Menschen langfristig etwas aufbauen können, das ihnen niemand nehmen kann.

Gita zeigt ihr neu erworbenes Wissen an der Nähmaschine.

So hat Gita einen Nähkurs besucht. Gerade einmal vier Monate später hat sie schon so viele Aufträge, dass sie damit ihre Familie versorgen kann. Als wir sie besuchen, näht sie gerade ein Nachthemd für eine Kundin. Traditionelle Kleidung ist in der ländlichen Gegend besonders gefragt. „Ich interessiere mich aber mehr für moderne Kleidung, auch wenn die Nachfrage nicht so hoch ist. Da würde ich gern noch mehr lernen und ausprobieren. Am liebsten würde ich irgendwann auch selbst Kurse geben“, verrät sie schüchtern lächelnd.

Gitas Zukunftspläne, Bikrams Mut, Binishas Freude: Es sind die Menschen, die die Reise durch Nepal so besonders gemacht haben – und in einer Welt voller Katastrophen auch mir Hoffnung gegeben haben.