Heimatlos im Nirgendwo

Es ist die Zeit der Rückblicke in diesen Tagen, medial, überhaupt in der Öffentlichkeit und auch Sie persönlich hatten sicher die Chance, inne zu halten und die vergangenen Monate Revue passieren zu lassen. Was wird bleiben von 2015? In unserem Leben, im Alltag unseres Umfelds und was bleibt für unser Land?

Die zurückliegende Zeit hat für uns Deutsche das Potenzial zu nachhaltiger gesellschaftlicher Veränderung, in jedem Fall führte sie uns an eine wichtige Weggabelung. Für welche Richtung wir uns entscheiden, ist längst nicht klar.

Rund eine Million Flüchtlinge suchen Schutz in unserem Land. In vielerlei Hinsicht eine Herausforderung; für alle Beteiligten. Viel wurde demonstriert, öffentlich und nichtöffentlich gedacht, geschrieben, gehetzt, beschützt, geholfen, analysiert, gewarnt, geschaffen, begrüßt. Wir wissen noch nicht, ob dieser Riss, der sich sehr offensichtlich durch unsere Gesellschaft zieht, tieferer Natur ist oder leicht zu kitten. Kühne Optimisten sehen eine spannende Aufgabe und sind bereit. Die mutmaßlich von Angst getriebenen Pessimisten mobilisieren alle Kräfte.

Es ist sicher davon auszugehen, dass sich kontroverse Meinungen auch durch den Kreis unserer Förderer ziehen. Als hauptberufliche Helfer sehen wir beide Seiten und wissen aus Erfahrung, dass Gott auch "auf krummen Wegen gerade schreiben kann". Wir sind voller Vertrauen, Zuversicht und großer Bereitschaft, alles in unserer Macht und unseren Möglichkeiten stehende zu tun, um unserer Berufung nachzukommen: zu helfen, außerhalb und innerhalb unserer Heimat Deutschland.

Jenseits öffentlicher Polemik

Warum fliehen 60 Millionen Menschen?

Es wurde tatsächlich bereits viel journalistisch aufbereitet zum Thema. Leider erreicht die Qualität der Berichterstattung oft nicht deren Quantität, das Bemühen der Medien, die Situation offen zu thematisieren, ist aber deutlich spürbar. Natürlich wurde gefragt, warum die Menschen ihre Heimat verlassen, was sind Auslöser, Probleme, Motivationen?

Gerne wird dann von Fassbomben und Krieg gesprochen, von Häuserkampf, Giftgas, vor allem im Kontext der Flüchtlinge und Vertriebenen aus Syrien, dem Irak oder auch Afghanistan. Immer wieder erwähnt werden auch Faktoren wie Armut, Perspektivlosigkeit, Krankheiten. Wir können diese Gründe aus unserer Erfahrung nur ausdrücklich bestätigen; die beschriebenen Szenarien sind Ursachen für einen Schritt, der keinem Menschen leicht fällt: Die geliebte Heimat aufzugeben, die so wichtigen Freunde, das eigene Haus, den hart erarbeiteten Besitz, im Grunde, ein gutes Stück der eigenen Identität zu verlieren.

Ja, wir wissen darum. Ja, wir bedauern das, versuchen über persönliches oder unterstütztes Engagement mitzutragen. Aber verstehen wir wirklich diese Gründe? Können wir sie emotional fassen? Können wir diese Ursachen fühlen? Wie schmecken die Tränen eines Menschen, der all diese schrecklichen Dinge erleben musste. Immer und immer wieder.

Auch als Helfer, die jeden Tag so viel mehr erfahren und über andere Quellen wissen aus dem Leben von 60 Millionen Flüchtlingen weltweit, können wir dieses ganzheitliche Verständnis nur selten wirklich leisten. Manchmal allerdings, da trifft es uns mit Wucht. Wir verstehen, rational sowieso, aber auch emotional. Für einen langen, schmerzhaften Moment ist es so, als gehörten wir zu ihnen, trügen ihr Schicksal.

Mehr als jedes Wort

Die Waage zeigt 35,6 Kilogramm

Einen solchen intensiven Moment unbesiegbarer Empathie hat uns soeben unsere Einsatzkraft Dr. Wolfgang Heide beschert. Mehrere Wochen arbeitete der erfahrene Heidelberger Gynäkologe in unserer Gesundheitsstation im Flüchtlingscamp Melkadida an der äthiopisch-somalischen Grenze mit. Immer wieder begegneten ihm Frauen, die sich sehr ein Kind wünschten, aber nicht schwanger wurden.

"Obwohl ich ihr Körpergewicht durch die weiten Gewänder nicht einschätzen konnte, hatte ich diesbezüglich eine schlimme Vermutung", schrieb Dr. Heide. "Auf der Waage bestätigte sich mein Verdacht: 35 Kilogramm bei einer Größe von 1,65 Meter. Nach Definition der WHO handelt es sich um eine massiv fortgeschrittene Unterernährung, die eine ernsthafte Lebensgefahr darstellt. Eine ausbleibende Schwangerschaft ist die logische Folge."

Bei welchem Körpergewicht würden wir wohl aufbrechen, um das Leben unserer Kinder, um unser Leben zu retten? Wie viele Bomben, wie viele Schreie, wie viel Leid, wie viel Tod würden wir ertragen, bevor wir fliehen, an einen uns fremden Ort vielleicht, aber auch einen Ort, an dem wir Sicherheit vermuten, Frieden, Hoffnung, Zukunft, Liebe?

Liebe Freunde, es war ein schwieriges Jahr und die Suche nach Lösungen wird uns noch lange begleiten, in Deutschland, Europa und an den vielen Orten, von denen Menschen geflohen sind. Wir wünschen Ihnen, wir wünschen uns im neuen Jahr den freundlichen Blick eines liebenden Menschen, das große Herz eines fühlenden Menschen, die offenen Arme eines helfenden Menschen.

Bitte begleiten Sie uns bei unserer Hilfe für tausende Flüchtlinge im Libanon, Italien und auf der Westbalkanroute. Und bitte haben Sie Mut zu Schritten eigener Hilfe. Möge Gott Sie im neuen Jahr reich segnen und schützen.

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