Flucht oder Tod

Beinahe 90 Millionen Menschen waren Ende 2021 auf der Flucht. Was das für sie bedeutet? Das kann man sich gar nicht richtig vorstellen. Drei Menschen erzählen ihre Geschichte. Davon, wie es ist, flüchten zu müssen.

„Entweder du fliehst oder du stirbst“, fasst Tihomir Lipohar, Abteilungsleiter Internationale Projekte und Zusammenarbeit bei humedica, seine Entscheidung zusammen. 1991 brach im ehemaligen Jugoslawien Krieg aus und stellte den gebürtigen und muttersprachlichen Kroaten vor die Wahl: Bleibe ich und riskiere mein Leben oder gehe ich?

Vor diese Entscheidung wurden bereits viele Menschen gestellt. Allein Ende 2021 waren laut UNHCR knapp 90 Millionen Menschen auf der Flucht, Tendenz steigend. Die Gründe dafür sind vielfältig. Neben Krieg ist es vor allem der Hunger, der Menschen dazu bringt, ihre Heimat zu verlassen. Die grundsätzliche Entscheidung „Flucht oder Tod“ bleibt dabei die Gleiche.

Dass diese Entscheidung nicht leichtfällt, merkt man Lipohar an, wenn er von seinen eigenen Erfahrungen berichtet. „Niemand möchte auf der Flucht sein. Das ist kein normaler Zustand“, erklärt er. „Du lässt in so einer Situation ja auch die Zukunft zurück. Ich habe mir Gedanken gemacht, was die anderen sagen, wenn ich zurückkommen möchte. Ob sie dann fragen, wo ich gewesen bin, als es brenzlig war, als es wichtig war.“ Flüchten und nicht mehr zurückkehren war keine Option für ihn – ebenso wie das Leben seiner Familie sowie sein eigenes aufs Spiel zu setzen.

Also beschloss er, erst einmal seine Frau und seine sieben und neun Jahre alten Mädchen in Sicherheit zu bringen. „Wenn man flieht, überlegt man sich, wo kann ich hin? Wo habe ich einen Bezugspunkt?“, erzählt Lipohar. Erste Station war daher die Heimat seiner Frau im Norden des heutigen Kroatiens. Als er sich daran zurückerinnert, muss er kurz lachen. „Ich habe damals zu meiner Frau gesagt: Ich ziehe meinen besten Anzug an. Ich werde doch nicht in irgendwelchen Klamotten flüchten. Ich ziehe mich an!“, fällt es ihm wieder ein.

Obwohl alle heil bei den Schwiegereltern ankommen, überschattet die Belastung, der die Kinder ausgesetzt waren die Wiedersehensfreude. Denn auf dem Weg kommt die Familie an mehreren Kontrollpunkten serbischer Aufständischer vorbei. Der Vater verhandelt die Durchfahrt, während Gewehre auf ihn gerichtet sind. „Als mir meine jüngere Tochter hinterher beschrieben hat, wie sie sich gefühlt hat, habe ich verstanden: Sie hatte das erste Mal in ihrem Leben Angst. Es hat mich wütend gemacht, dass Menschen ein Kind in so einen Zustand versetzen“, erzählt er, während sich seine Stimme selbst heute noch leicht aufgebracht hebt.

Als es schließlich auch im Norden Kroatiens zu unsicher wird, flüchtet die Familie weiter nach Deutschland, wo Lipohar einen Teil seiner Jugend verbracht hat. Er selbst kehrt als humanitärer Helfer immer wieder für mehrere Monate zurück nach Kroatien.

Manchmal ist er 16 Stunden am Tag unterwegs, um zu helfen. Die Arbeit hält in beschäftigt. „Das ist wie bei einer frischen Wunde – alles ist noch warm und frisch und du fühlst es noch gar nicht richtig. Das Emotionale, das Verarbeiten dieses Traumas kommt viel später“, beschreibt der heutige Abteilungsleiter den Zustand, in dem er sich damals befunden hat.

Wenn er doch einmal etwas Zeit zum Nachdenken hatte, packte ihn die Wut. Die Wut darüber, dass jemand anderes sich das Recht nimmt, sein Leben normal weiterzuleben, während man selbst zum Spielball wird und fliehen muss. „Ich glaube an Gott und habe deshalb in der Bibel nach ähnlichen Situationen wie meiner gesucht. Das hat mir für mein Mindset wirklich geholfen“, erklärt er, wie er es geschafft hat, weiterzumachen. „Speziell eine Stelle in den Sprüchen des Salomo war für mich wichtig. Dort heißt es: ‚Der Kluge sieht das Unglück kommen und verbirgt sich; die Unverständigen laufen weiter und leiden Schaden.‘ Fliehen bedeutet für mich dadurch nicht, dass ich meine Eigenwertschätzung verliere. Es heißt nur, dass ich nicht dumm bin. Dieser Gedanke hat mir am meisten geholfen. Zu erkennen: Ich kann jetzt nichts tun als auszuweichen.“

Anderen, die helfen wollen rät er, einfach zuzuhören. „Wenn jemand mit sich hadert, was er in so einer Situation tun soll, hat er oft 90 Prozent der Lösung schon parat. Dann ist es wichtig, jemanden zu haben, der einem das bestätigt. Man sieht ja an der Situation mit der Ukraine, wie schwierig so eine Entscheidung sein kann“, rät Lipohar.

Von der Ukraine nach Deutschland und zurück

Einer, der erst vor kurzem solche Überlegungen anstellen musste, ist Jed Johnson von unserer Partnerorganisation „Wide Awake International“ in der Ukraine. Er und seine Frau stammen aus den USA und haben sich 2013 entschlossen, in die Ukraine zu ziehen, um dort Menschen und speziell Kindern mit Behinderung ein Zuhause zu geben. Am 7. März 2022 mussten sie fliehen. „Wir haben 36 Menschen nach Kaufbeuren ins Allgäu gebracht. Menschen mit Behinderung sowie deren Familien und unser Team, um sie zu unterstützen“, erzählt Johnson.

Ankunft der Jugendlichen in Kaufbeuren

Trotz der risikoreichen Lage in der Ukraine fiel die Entscheidung nicht leicht. Einige Familien blieben in der Ukraine. „Für manche ist es unvorstellbar, alles zurückzulassen“, erklärt Johnson die Beweggründe. „Manche haben aber auch schlicht Angst, ihre Kinder an einem anderen Ort nicht versorgen zu können. Sie denken, sie können nirgendwo sonst überleben und sprechen auch keine anderen Sprachen.“

Auch für die Familien, die nach Deutschland gekommen sind, ist es nicht leicht. „Unsere ganze Arbeit dreht sich um Familien und deren Zuhause. Hier müssen die Kinder, um die wir uns kümmern wieder in Einrichtungen leben. Viele der Kids haben auch Traumata aus ihrer Zeit in Einrichtungen. Jetzt, da sie wieder in einer leben, kommen diese Dinge wieder hoch, auch wenn es schön ist und die Menschen so freundlich sind“, gibt der Initiator der Initiative zu bedenken. Er und sein Team beschlossen deshalb im Juli in die Ukraine zurückzukehren.

Für manche hier kein leicht nachzuvollziehender Gedanke – schließlich herrscht in dem Land nach wie vor Krieg. Doch Sicherheit, so Johnson, sei heute nicht das, was wir dachten, dass es sei: „Egal, ob du an COVID, wegen Bomben, an Krebs oder Altersschwäche stirbst, es geht darum: Wie hast du dein Leben gelebt? Hier leben wir nicht, hier überleben wir. Wenn du Flüchtling bist, bist du immer auf die Freundlichkeit, die Hilfe von anderen angewiesen. Das ist nett, aber man weiß nicht, was man selbst tun kann, speziell, wenn man die Sprache nicht spricht und die sozialen Normen nicht kennt.“

Aber nicht nur die psychische Verfassung der Kinder und die Sehnsucht nach dem Zuhause lassen eine Rückkehr zu. Als das Team im März nach Deutschland kam, war das russische Militär gerade einmal 75 Kilometer von ihrem Zuhause entfernt. Jetzt ist es am anderen Ende des Landes. Drei Tage vor der Rückkehr erzählt Johnson, wie sich das für ihn anfühlt: „Ich bin aufgeregt, zurückzukehren, glücklich, dass wir alle zusammen sein werden. Und ich fühle das Gewicht der Verantwortung, dann wieder in einer Kriegszone zu leben. Aber ich weiß, dass es der Ort ist, an dem wir sein sollten und helfen wollen.“

Nach wie vor sind grundlegende Bedürfnisse für die Menschen in der Ukraine entscheidender Schlüssel zur Hilfe. Einfache Dinge, wie Nahrung, Unterkunft und körperliche Gesundheit. Bald wird aber vor allem auch psychische Hilfe nötig sein. „Die Menschen, mit denen wir gesprochen haben, sind im Überlebensmodus. Manche haben kein Zuhause mehr und sorgen sich um ihre Unterkunft, manche sorgen sich darum, woher sie Essen bekommen. Daran zu denken, wie es ihnen geht, fühlt sich unsicher an“, berichtet Johnson seine Erfahrungen im Frühjahr und Sommer 2022.

Er selbst, der die Ukraine inzwischen als Heimat empfindet, sieht sich vor ähnliche Herausforderungen gestellt: „Zu helfen, während man selbst ein Flüchtling ist, ist hart. Ich weiß, es wird der Zeitpunkt kommen, an dem ich an meinem Trauma arbeiten muss. Aber jetzt habe ich keine Zeit dafür. Eines Tages werde ich mich darum kümmern“, stellt er nüchtern fest.

Von Tigray in den Sudan – Flucht mit einer Behinderung

Auch die Familie von Melkyes sorgt sich momentan erst einmal um Grundlegendes, denn der sechs Jahre alte Junge ist querschnittsgelähmt. Seine beiden Eltern Abraha und Salamaweit mussten mit ihren drei kleinen Kindern aus Tigray fliehen, wo 2019 ein politischer Konflikt entbrannte. Seitdem ist es dort nicht mehr sicher und auch Privatpersonen sind vor Angriffen der sich bekriegenden Parteien nicht geschützt.

In Tigray hatte die Familie ein Restaurant, das für ihr Auskommen sorgte. Der Schritt, in den Sudan zu flüchten und alles zurückzulassen, war für sie besonders schwer, denn jetzt stehen sie vor dem Nichts. „Wir stehen vor Herausforderungen, da sowohl mein Mann als auch ich arbeitslos sind. Daher sind wir auf die Hilfe und die finanziellen Mittel von Hilfsorganisationen angewiesen“, berichtet Mutter Salamaweit von der schwierigen Situation, in der selbst tägliche Mahlzeiten keine Selbstverständlichkeit mehr sind.

Melkyes und seine Familie mussten aus Tigray fliehen – für Melkyes besonders schwer, denn er kann nicht laufen.

Zusätzlich zur Flucht belastet die Familie, dass sich Melkyes im Flüchtlingslager nicht frei bewegen kann. Ein Tumor schädigte sein Rückenmark und lähmte ihn. Nun kann er nur noch sitzen oder auf dem Bett liegen. Salamaweit ist dankbar, dass der Junge in dieser belastenden Situation unterstützt wird. „Die Hilfe von humedica ist besonders erwähnenswert, da sie uns mit Medikamenten versorgen“, erzählt die dreifache Mutter.

Denn Flucht bedeutet nicht, dass es einem plötzlich gut geht. Flucht bedeutet aus der gewohnten Umgebung gerissen zu werden, einfach alles zurückzulassen. Flucht bedeuten existenzielle Ängste und psychische Belastung. Weltweit waren Ende 2021 knapp 90 Millionen Menschen in dieser furchtbaren Situation. Wir sind dankbar, dass wir gemeinsam mit unseren Spendern und Partnern wenigsten einem Teil von ihnen helfen können.