Vorsichtig betritt die Frau den Behandlungsraum. Ihr Baby trägt sie auf dem Rücken – befestigt mit einem Tuch. Sie ist ein wenig unsicher. Denn es ist ihr unangenehm, dass sie herkommen muss. Sie kann ihr Baby nicht ausreichend ernähren. Es weist deutliche Anzeichen von Unterernährung auf. Nach Angaben des World Food Programmes leiden 76 Prozent der Bevölkerung im westafrikanischen Niger Hunger. Nur in Afghanistan und Somalia ist die Zahl höher. Gab es zwischenzeitlich eine leichte Verbesserung der Situation, spitzt sie sich aktuell wieder zu. Grund ist unter anderem der Krieg in der Ukraine.

Siebeneinhalb Kinder hat eine Frau im Niger im Durchschnitt. Zu viele, um sie alle angemessen zu ernähren. Denn Niger ist eines der ärmsten Länder der Welt. Kinder gelten als Statussymbol und Alterssicherung. Ein Sozialsystem gibt es nicht. Wer nicht mehr arbeiten kann, ist darauf angewiesen, von seiner Familie versorgt zu werden. Doch viele Kinder schaffen es gar nicht bis ins Erwachsenenalter. Auch bei der Kindersterblichkeit belegt Niger einen traurigen Spitzenplatz.

In der Klinik des humedica-Partners HIS werden Kinder und ihre Mütter behandelt.
In der Klinik des humedica-Partners HIS werden Kinder und ihre Mütter behandelt. Foto: HIS

Dr. Abdallah ist Arzt in der von unserem lokalen Partner HIS Niger betriebenen Klinik in Kollo. Unterernährte Kinder behandelt er jeden Tag. Sie erhalten eine spezielle Nahrung, die besonders viele Kalorien aufweist. So kommen die Kinder über einen bestimmten Zeitraum langsam wieder zu Kräften. Damit sie nicht gleich wieder abnehmen, erklären die Mitarbeiter der Klinik den Müttern, wie sie auch mit wenigen Mitteln ihre Kinder ausgewogen ernähren können.

Auch in diesem Fall hört die Mutter aufmerksam zu. Sie hat einen weiten Weg zurückgelegt, um hier her zu kommen. Sie wohnt in einem kleinen Dorf weit außerhalb. Ihre Familie lebt von dem, was der Boden hergibt und das wird immer weniger. Auch in Niger ist der Klimawandel deutlich zu spüren. Hinzu kommt der Ukrainekrieg, der die Lebensmittelpreise ins Unerschwingliche steigen lässt. Die Not der Menschen nimmt zu.  

Mit diesen Bändchen kann das Klinikpersonal festsellen, ob ein Kind unterernährt ist oder nicht. Es gibt die Farben grün, gelb und rot. Bei rot besteht akuter Handlunsgbedarf. Foto: humedica

Gemeinsam mit HIS Niger verteilt humedica deshalb Lebensmittelpakete an die Familien, für die es nicht mehr zum Überleben reicht. Außerdem erhalten die Landwirte besseres Saatgut, das in diesen schwierigen klimatischen Bedingungen langfristig mehr Ertrag bringt. Ziegen sollen durch ihre Milch und ihr Fleisch zusätzlich zu einer ausgewogenen Ernährung der Menschen beitragen.

Es dauert lange bis der Krankenwagen kommt – wenn er überhaupt kommt. Die Region rund um die südostäthiopische Stadt Dollo ist weitläufig. Etwa 170.000 Menschen sind in den letzten Jahren vor dem Krieg im nahen Somalia hierher geflohen. Sie haben dafür gesorgt, dass sich die Bevölkerung in der Somaliregion mehr als verdoppelt hat. Die Strukturen sind nicht mitgewachsen. Die Ausstattung der Gesundheitsstationen in den Dörfern ist noch immer nicht auf so viele Menschen ausgelegt. Doch es wird besser – auch dank der Hilfe durch humedica.

Fünf Stunden war Ahmed mit seinem kranken Vater unterwegs, damit der 88-jährige im Klinikum Dollo behandelt werden kann.
Fünf Stunden war Ahmed mit seinem kranken Vater unterwegs, damit der 88-jährige im Klinikum Dollo behandelt werden kann. Foto: Maheder Haileselassie Tadese, Fairpicture

„Früher mussten die Menschen hilflos sterben, wenn sie krank waren“, erzählt Ahmed. Der 64-jährige ist Landwirt und lebt sein ganzes Leben schon in der Region. „Medizinische Versorgung gab es hier kaum.“ Fünf Stunden war Ahmed mit seinem kranken Vater unterwegs, um ins Krankenhaus nach Dollo zu kommen.

In den letzten zwei Jahren hat humedica die vorhandene Klinik stetig ausgebaut. Dank Spenden aus Deutschland konnten Ärzte eingestellt und neue Geräte wie Ultraschall angeschafft werden. Das diese dringend benötigt werden, zeigen die in Warteschlangen stehenden Patienten. Sie schätzen die besseren Untersuchungen sehr.

Ulusey verkauft Obst und Gemüse und kümmert sich um die Gesundheit der Menschen in ihrem Dorf.
Ulusey verkauft Obst und Gemüse und kümmert sich um die Gesundheit der Menschen in ihrem Dorf. Foto: Maheder Haileselassie Tadese, Fairpicture

Auch Ulusey ist froh, dass das Krankenhaus dem tatsächlichen Bedarf angepasst wurde. Die 35-jährige ist für die Gesundheit der Menschen in ihrem Dorf verantwortlich. Wenn eine Schwangere ihr Kind bekommt, wird sie gerufen und auch bei allen anderen Notfällen ist sie gefragt. Sie ruft den Krankenwagen und verwaltet das Medikamentenlager des Dorfes. „Leider bekommen wir oft nicht ausreichend Medizin,“ beklagt sie. „Und auch der Krankenwagen braucht meist deutlich zu lange. Wir benötigen hier bessere Strukturen, um wirklich Hilfe leisten zu können, wenn es darauf ankommt,“ sagt Ulusey.

Diese Strukturen will humedica schaffen – über das Krankenhaus in Dollo hinaus – in jedes einzelne Dorf hinein. „Wir kennen die Region rund um Dollo sehr gut,“ berichtet humedica-Geschäftsführer Johannes Peter. „Wir haben in den letzten zehn Jahren in den Flüchtlingslagern medizinische Hilfe geleistet. Jetzt wollen wir unsere Hilfe auch darüber hinaus auf die ganze Region ausweiten“ führt er weiter aus.

Die Dörfer sollen dauerhaft ausreichend Medikamente erhalten. Und auch das Wissen von Gesundheitsmitarbeitenden und der Bevölkerung soll deutlich verbessert werden. „Meine Kinder sind alle geimpft“, berichtet Ulusey stolz. Doch damit sind sie die Ausnahme.

Möglich wird diese Hilfe durch Ihre Spende. Danke, dass Sie Menschen wie Ulusey und Ahmed unterstützen.

Mehr als 30 Millionen Menschen leben in Afghanistan – ein großer Teil davon war bereits vor der Machtübernahme im August arm, viele waren bereits vorher auf der Flucht und leben seither unter zunehmend prekären Bedingungen in Kabul und anderen Städten. Die Kaufbeurer Hilfsorganisation humedica unterstützt sie mit Hilfe, die bleibt, wenn die öffentliche Aufmerksamkeit schwindet.

Die Kaufbeurer Hilfsorganisation humedica unterstützt die Menschen in Afghanistan. Nach dem Abzug der Nato-Truppen aus dem asiatischen Land und der kürzlichen Machtübernahme durch die Taliban ist die politische Lage dort sehr instabil. Die Taliban nahmen immer mehr Provinzen ein – und rückten auch in die Hauptstadt Kabul vor.

humedica ist langfristig in Afghanistan engagiert. „Wir werden einige Tageskliniken in Kabul unterstützen. Dabei geht es aktuell vor allem darum, die medizinische Versorgung der Menschen aufrecht zu erhalten, sie auf lange Sicht aber auch zu verbessern. Hierfür sind unter anderem Schulungen geplant“, erklärt humedica-Geschäftsführer Johannes Peter.

Im Einzugsgebiet der Kliniken leben viele Menschen in provisorischen Siedlungen, die in ihre zerstörte Heimat nicht zurückkehren können, in besonders prekären Verhältnissen. Die Kliniken sollen besonders den schwächsten der Gesellschaft helfen und zumindest ihre medizinischen Bedürfnisse soweit wie möglich stillen.

In dem Land, das nun weitestgehend isoliert ist, könnte die Armut drastisch steigen. Deshalb ist langfristige Hilfe für die Menschen in Afghanistan bereits jetzt ein wichtiges Thema.

„Die Lage ist unübersichtlich“, berichtet Peter, der sich vor ein paar Wochen selbst ein Bild von der Situation vor Ort gemacht hat. „Doch wir wollen den Menschen auch mit akuter Hilfe in dieser schwierigen Lage helfen.“ humedica bemüht sich daher in Koordination mit weiteren nationalen und internationalen Organisationen darum, insbesondere Binnenflüchtlingen Zugang zu grundlegender medizinischer Versorgung zu ermöglichen.

Viele Menschen in der Tigrayregion sind traumatisiert. Gemeinsam mit dem Partner MCMDO kümmert sich humedica vor allem um die Gesundheit von Frauen und Kindern. Foto: MCMDO

Nur spärlich drangen die schrecklichen Meldungen aus der nordäthiopischen Tigrayregion in die Welt. Und wer sie übermittelte, musste um sein Leben fürchten. Seit Beginn der Kriegshandlungen im November ist unser lokaler Partner „Mothers and Children Multisectoral Development Organization (MCMDO)“ vor Ort tätig. MCMDO ist eine der wenigen Organisationen, die zu dieser Zeit überhaupt im Krisengebiet erste Hilfe leisten konnte. Möglich ist das Dank Ihrer Spenden.

Was Augenzeugen aus der äthiopischen Region Tigray berichten, ist an Grausamkeit kaum zu überbieten. Menschen wurden regelrecht exekutiert, Frauen vergewaltigt, ganze Dörfer ethnisch gereinigt. Die Gesundheitsversorgung kam nahezu zum Erliegen, die meisten Krankenhäuser wurden geplündert und zerstört. „Das Gesundheitspersonal wurde dann oft getötet oder musste fliehen“, berichten unsere Helfer vor Ort. „Medizinische Geräte gibt es oft nicht mehr, Medikamente sind nicht vorrätig und Nachschub nicht zu bekommen, auch Krankenwagen sind Mangelware.“

Viele Krankenhäuser in der äthiopischen Tigrayregion wurden geplündert und zerstört. Die Gesundheitsversorgung in der Krisenregion kommt deshalb nahezu zum Erliegen. Foto: MCMDO

MCMDO kümmert sich um diejenigen, die am meisten unter den Folgen des Konfliktes leiden: Frauen und Kinder. Laut UN sind 4,5 Millionen Menschen in Tigray vom Hungertod bedroht, das sind drei viertel der Bevölkerung. Und das, obwohl das Land sehr fruchtbar ist. Im Zuge der Kriegshandlungen konnte die Ernte allerdings nicht eingeholt werden oder wurde bewusst zerstört.

„Unser Team ist jeden Tag mit lebensbedrohlichen Situationen konfrontiert und arbeitete zeitweise auch direkt an der Kriegsfront,“ berichtet unser Partner von vor Ort. Die Helfer haben vor allem mit Müttern zu tun, die aufgrund von Mangelernährung nicht in der Lage sind, ihre Kinder ausreichend zu versorgen. Dank Ihrer Unterstützung ist humedica in der Lage, mangelernährte Frauen und Kinder zu finden und zu behandeln. So können sie mit hochkalorischer Zusatznahrung versorgt und ihr Leben gerettet werden. Außerdem schulen wir das Gesundheitspersonal und die Mütter, wie sie sich verhalten können, um die Kindersterblichkeit zu verringern.

Mit Kinderwagen und Koffern starten zwei junge Mütter und ihre drei Kinder von der Ukraine in eine ungewisse Zukunft. Die Ehemänner mussten sie zurücklassen – diese halten statt ihrer Kinder nun Waffen in den Armen. Das humedica-Assessment-Team berichtet von dem tragischen Schicksal – nur eines von vielen, das der Krieg verursacht.

Diese zwei Mütter haben mit ihren Kindern die Flucht geschafft, aber mussten ihre Männer im Krieg zurücklassen. Foto – Carolin Gißibl, humedica

Das Leben von ihrem Sohn Illya und sich hat Yana in einen lila Koffer gepresst. Es musste schnell gehen. Bevor die Panzer der russischen Armee einrollen, sind die 30-Jährige und der Zweijährige zusammen mit Freundin Natalia und deren beiden Kindern vom Nordwesten der Ukraine nach Polen geflohen. Die beiden Mütter haben schon vieles gemeinsam erlebt: Studium, Hochzeit, Hausbau – nun der Krieg.

Zwei Wochen nach dem russischen Angriff sind nach Angaben des UNHCR mehr als 1,5 Millionen Menschen aus der Ukraine geflüchtet. Der größte Teil überquerten die Grenze nach Polen. Meist sind es Frauen mit Kindern, ältere Menschen und Menschen mit Behinderung, wie ein Sanitäter vor Ort dem Assessment-Team von humedica erzählt. Kampffähige Männer zwischen 18 und 60 Jahren kommen nicht mehr aus dem Land.

Die Ehemänner von Yana und Natalia müssen sich der russischen Armee stellen. Für die sogenannte „Territorial Defense Force“ verteidigen sie das Gebiet. Denn selbst der Einkauf im Supermarkt sei nicht mehr sicher. „Vor dem Supermarkt wurde geschossen – auch auf Kinder.“ Den beiden Frauen kommen die Tränen, als sie humedica-Koordinatorin Dr. Christiane Bähr vom Abschied ohne Gewissheit auf ein Wiedersehen erzählen.

Autos stehen am Grenzübergang. Foto – Carolin Gißibl, humedica

Tausende Menschen passieren täglich die Grenzübergänge nach Polen – in Autos, Bussen oder zu Fuß. Gregor Jarosiewirz ist einer der freiwilligen Sanitäter, die an der Grenze Medyka Erstversorgung für das polnische Rote Kreuz leisten. Dort tummeln sich in den Abendstunden Geflüchtete, Reporter, Polizisten und Helferinnen und Helfer. In Blechtonnen lodert Feuer zum Aufwärmen, dunkler Rauch zieht über das provisorische Camp. Autos stauen sich auch auf der polnischen Seite in einer scheinbar nicht enden wollenden Schlange – mit Kennzeichen aus Polen, Litauen, Deutschland.

„Ich bin aus Berlin gekommen, um meine Schwiegermutter abzuholen“, sagt ein Mann. „Wir sind nach Polen gefahren, um Flüchtlinge, die nicht wissen wohin, aufzunehmen“, sagt ein anderer Helfer. Laut dem Roten Kreuz hätten manche der Geflüchteten Angst, in fremde Autos zu steigen und verschleppt zu werden. Für Menschen, die nicht wüssten, wohin sie gehen sollen, stehen Busse bereit, die sie in verschiedene Auffanglager in Polen bringen. Dort können sie auf Feldbetten ruhen.

Feuer zum Wärmen für die Geflüchteten, die zum Teil mehrere Tage bei klirrender Kälte in ihren Autos ausharren. Foto – Carolin Gißibl, humedica

An diesem Tag arbeitete Jarosiewirz nach eigenen Angaben 24 Stunden am Stück. „Am ersten Samstag nach Kriegsbeginn waren es 30 Stunden“, erzählt er. Es gebe kaum Kriegsverletzungen, eher seien die Menschen erschöpft – von der eisigen Kälte und langen Wartezeit. „Bis zu -15 Grad und Schnee hatte es am Wochenende“, erzählt er. „Die Menschen haben bis zu 90 Stunden gewartet.“ Das bestätigt auch Maciej Maruszak, der Direktor des polnischen Roten Kreuzes in Rzeszow: „Die Schlangen haben sich in den vergangenen Tagen aber verkürzt.“ Man warte „nur“ noch 40 Stunden . „Es kamen Frauen, die eine Woche gelaufen sind“, erzählt der Sanitäter. Zwei plötzliche Herztote habe er bereits miterleben müssen. „Die Arbeit ist taff!“, sagt er. „Heute kam zu uns ein fünfjähriges Kind, das gesehen hat, wie die Eltern ermordet wurden.“ Mit Oma und Tante sucht es in Polen nach einem sicheren Ort.

Ein zweites humedica Assesment-Team ist in Rumänien und Moldawien unterwegs. Immer an der ukrainischen Grenze entlang. Die Einsatzkräfte hier machen ähnliche Erfahrungen. „Auf dieser Seite der Grenze gibt es viel Hilfsbereitschaft. Aktuell scheint vieles gut organisiert. Doch wie lange halten die Helfer das durch?“ fragt sich humedica Einsatzkraft Alastair Scott. „Außerdem könnte es sein, dass die Kampfhandlungen auch im westlichen Teil der Ukraine schlimmer werden. Dann werden hier noch viel mehr Flüchtlingen über die Grenze wollen.“

Alastair Scott und Dr. Liesel Ruff waren Teil des Teams, welches an der ukrainisch-rumänischen Grenze unterwegs war. Foto: humedica

Auch Alastair Scott und sein Team beobachten kilometerlange Autoschlangen auf ukrainischer Seite. „Die Menschen harren zum Teil tagelang in ihren Autos aus – in klirrender Kälte.“ Nur ist die Hilfe auf ukrainischer Seite aufgrund der Situation bei weitem nicht so gut organisiert wie in Rumänien oder Polen.

humedica entsendet deshalb ein weiteres Team direkt in die Ukraine. Die Ärzte, Pfleger und Koordinatoren sollen auf ukrainischer Seite Menschen behandeln. „Die medizinische Versorgung in der Ukraine ist am Anschlag,“ berichtet Alastair Scott. „hier wollen wir unterstützen.“

Sasha (3) ist mit ihrem einjährigen Bruder und ihrer Mutter geflüchtet. Das Gepäck Ein Kinderwagen und ein Koffer. Der Vater musste zurückbleiben, um im Krieg zu kämpfen. Foto – Carolin Gißibl, humedica

Für Yana, Natalia und die Kinder verlief die Grenzüberquerung ins polnische Budomierz problemlos. Natalia hat ein Baby dabei, weshalb sie die Grenze schnell passieren durften. Hinter ihnen seien 16 Busse angekommen. Die dreijährige Tochter Sasha ist das Patenkind von Yana. Eingepackt steht sie mit Mütze und Schneeanzug im Trubel am Grenzübergang. Ihre Augen folgen freiwilligen Helfern, dem Sicherheitspersonal in gelben Westen, anderen Kindern. Offenbar versucht sie zu verstehen, was hier passiert. Warum ist ihr Vater nicht dabei? Nur ein Koffer und ein Kinderwagen für ihren einjährigen Bruder begleitet die junge Familie.

„Wir sind der polnischen Bevölkerung sehr dankbar, dass sie uns mit gutem Essen, warmem Tee, freundlichen Worten und einem Lächeln empfangen“, sagt Yana. Mit den drei Kindern und ihrer Freundin wartet sie auf einen Bekannten aus Polen, der sie abholt. Danach werden sie nach Italien gehen, wo die Schwiegermutter wartet. Für Yana steht fest: „Wenn sich die Lage beruhigt, gehen wir in die Ukraine zurück.“ Sie ist zuversichtlich: „Ich hoffe, das wird in ein bis zwei Wochen sein.“

Die Kaufbeurer Hilfsorganisation humedica beobachtet die Situation in der Ukraine mit großer Sorge und bereitet Hilfsmaßnahmen vor. Nach den Angriffen auf weite Teile des Landes ist die Lage unübersichtlich. Die Menschen haben Angst. Viele versuchen in Nachbarländer wie Polen, Moldawien oder Rumänien zu fliehen.

„Unsere Gedanken sind bei den Menschen in der Ukraine, die in diesen Stunden um Leib und Leben, Verwandte und Freunde und ihre Zukunft bangen,“ so humedica Geschäftsführer Johannes Peter. Er rechnet mit Versorgungsengpässen in der Ukraine selbst, aber auch den Grenzgebieten von Rumänien, Polen oder Moldawien.

„Wir sind deshalb in ständigem Kontakt mit unseren Partnern vor Ort,“ so Peter weiter. „Am dringendsten benötigen die Menschen vermutlich Lebensmittel und Hygieneartikel. Aber auch medizinische Güter wie Verbandsstoffe werden Mangelware sein.“

humedica bereitet deshalb Hilfsgütertransporte in die Ukraine und die umliegenden Länder vor. „Wir sind seit vielen Jahren mit lokalen Partnern in der Ukraine eng verbunden,“ erklärt Johannes Peter und ergänzt: „Regelmäßig unterstützen wir sie im Rahmen unserer Versorgungshilfe mit Hilfsgütern. In diesen schweren Zeiten ist unsere Hilfe für die durch den Konflikt Heimatlose in der Ukraine so wichtig wie nie zuvor.“

Zwei große, braune Augenpaare blicken Manju erwartungsvoll an – hungrig. Schon zum Frühstück gab es nichts. Das Essen, das Manju ihren beiden Kindern gleich servieren wird, wird heute auch ihre einzige Mahlzeit bleiben. Das Abendessen muss ausfallen – schon wieder.

Vor ein paar Tagen konnte Manju mit dem Mann, dem das Lebensmittelgeschäft um die Ecke gehört, noch handeln: Lebensmittel gegen das Versprechen, dass sie die Schulden so bald wie möglich zahlen würde. Doch sie konnte nicht zahlen, obwohl sie es sich fest vorgenommen hatte. Corona hatte sie jeglicher Arbeit beraubt. Morgen würde sie ihren Kindern kein Essen mehr zubereiten können. Der Kredit war aufgebraucht.

Manju und ihre zwei Kinder hatten nichts mehr zu Essen als sie die Lebensmittelpakete von humedica erhielten. Foto: humedica

Manju und ihre Kinder erlebten einen echten Albtraum während Corona. „Mein Mann hatte uns erst ein Jahr zuvor verlassen“, erzählt die zweifache Mutter. „Ich habe mir danach Arbeit gesucht. Aber es hat einfach nicht gereicht.“ 150 Indische Rupien erhält sie als Tagelöhnerin im Schnitt. Das sind umgerechnet nicht einmal zwei Euro täglich, von denen sie nun ihre Familie ernähren muss. Ihre Lebensmittelkarte, mit der sie von der Regierung Trockennahrung erhält, war zu diesem Zeitpunkt ebenfalls abgelaufen.

Corona machte weltweit Millionen Menschen auf einmal arbeitslos – und damit auch zu Hungernden. Bereits vor der Pandemie litt jeder Zehnte an chronischem Hunger. Das bedeutet wie bei Manju maximal eine Mahlzeit pro Tag – und das langfristig! 160 Millionen Menschen sind seitdem zusätzlich in die Armut abgerutscht. Zusätzlich belastend für die Familien: Wer arm ist, hat oft nicht genug Geld, um sich Essen zu kaufen.

Endlich keine Angst mehr vor dem Verhungern

„Es gibt keine Worte, um die Situation zu beschreiben“, richtete sich Jeannette Kern, Mitarbeiterin bei humedica India, während der schlimmsten Phase der Pandemie an die Öffentlichkeit. „Die Menschen brauchen ihr tägliches Einkommen. Viele Menschen haben Angst vor Corona. Aber noch mehr Angst haben sie davor, hungern zu müssen, weil sie arbeitslos sind.“ humedica India, die Emmanuel Hospital Association (EHA) und weitere Partner von humedica verteilten deswegen Pakete mit Nahrung an Familien wie die von Manju. Reis, Mehl, Hülsenfrüchte, Öl und Kekse waren darin – genug Essen für insgesamt zwei Wochen.

Manju und ihre Familie erreichte solch ein Lebensmittelpaket in einer schlimmen Zeit – als sie bereits hungern mussten. ­humedica-Partner EHA half der 25-Jährigen außerdem, eine neue Lebensmittelkarte zu beantragen. So hat Manju jetzt eine große Sorge weniger, eine der existenziellsten, die ein Mensch empfinden kann: Die Angst vor dem Verhungern.

Wenn genug Essen Bildung ermöglicht

Auch Sabir erhielt in dieser Zeit ein Lebensmittelpaket. Der 40-Jährige ist gehbehindert und versucht seine Familie so gut wie möglich durchzubringen. Einige Monate vor der Pandemie nahm er einen Kredit auf und eröffnete damit einen Gemischtwarenladen. Es lief gut und Sabir konnte nicht nur den Kredit mit Zinsen zurückzahlen. Es blieb sogar etwas übrig für das Schulgeld seines Sohnes. Und so freute er sich nicht allein über das Essenspaket. Als er die Lebensmittel in Händen hielt rief er freudestrahlend: „Jetzt werde ich meinen Sohn in die Schule schicken!“

Sabir kämpfte trotz seiner Gehbehinderung hart, um das Schulgeld für seinen Sohn zu bezahlen. Foto: humedica

Armut gilt als einer der Hauptgründe für Hunger und setzt einen Kreislauf in Gang, aus man kaum entkommen kann: Wer arm ist, kann sich nichts zu Essen kaufen. Wer hungert, ist zu schwach zum Arbeiten und verdient weniger. Kinder trifft es in dieser Situation doppelt: Sie müssen, mitten in ihrer körperlichen Entwicklung, hungern. Für ihre Schulbildung ist oft ebenfalls kein Geld übrig – ihre Chancen sinken, später einen besser bezahlten Job zu finden. Auf diese Weise wird Hunger „weitervererbt“.

Das Baby in den Armen der jungen Frau war auf dem Foto erst 20 Tage alt – und hatte mit einer hungernden Mutter denkbar schlechte Startbedingungen.

Warum Frauen besonders oft hungern

Neben Kindern hungern auch Frauen besonders häufig. Sie haben in vielen Teilen der Welt seltener Zugang zu Bildung und übernehmen überdurchschnittlich oft unentgeltliche Aufgaben wie die Versorgung von Angehörigen oder Hausarbeit. Dadurch verdienen sie zu wenig, um sich vor Armut und Hunger schützen zu können. Gleichzeitig ist der Nährstoffbedarf von Frauen durch Schwangerschaften und Stillen besonders hoch.

Kern, die bei fast allen Verteilungen von humedica India dabei war, ist ein Fall besonders im Gedächtnis geblieben. „Als wir die Lebensmittelpakete verteilt haben, trafen wir auf eine junge Frau, die gerade erst vor 20 Tagen ein Kind bekommen hatte. Sie war Nomadin und hatte nicht die erforderlichen Unterlagen, um ins Krankenhaus zu gehen. Zu Essen hatte sie auch nichts mehr“, erzählt die humedica India Mitarbeiterin.

Trauer in Hoffnung verwandeln: Perspektiven schenken

Kern hat während der Lebensmittelverteilungen das Leid vieler Menschen gesehen. „Wenn man die Menschen sieht und ihre Geschichten hört, prägt sich das ein. Das hat mich sehr traurig gemacht“, erinnert sie sich. Trotzdem ist sie dankbar: „Es war sehr bewegend zu sehen, wie viele Menschen helfen möchten und uns in Zeiten der Not zur Seite stehen. Wir spüren das, das macht uns Hoffnung.“

Tagelöhner, Nomaden, Frauen, Kinder und Menschen mit Behinderung: Während der Pandemie mussten vor allem sie hungern. Aber auch Ältere, die niemanden haben, der sich um sie kümmert und Menschen, die bereits in krisengeschüttelten Regionen leben, traf es hart. Auch ohne Corona sind sie weltweit besonders oft von Hunger und Armut bedroht. humedica unterstützt Betroffene nicht nur durch Lebensmittelverteilungen, sondern nachhaltig auch durch gezielte Projekte. So erhalten im Norden Indiens beispielsweise rund 200 Familien Nähmaschinen, Webstühle und Tiere zur Tierzucht. Die Familien haben so abseits vom Tagelohn eine Einkommensquelle, die ihnen eine Zukunftsperspektive schenkt.

Melyes kann aufgrund seiner Erkrankung nur sitzen oder liegen. Dank der Unterstützung von humedica hat er wieder eine Perspektive, in die Schule zu gehen. Foto: Wedco

Melyes ist sechs Jahre alt und querschnittsgelähmt. Ein Tumor sorgte dafür, dass sein Rückenmark geschädigt wurde. Er kann nicht gehen – nur sitzen oder auf dem Bett liegen. Melyes lebt in einem Flüchtlingslager im Sudan. Seine Familie ist vor dem Krieg in der äthiopischen Tigrayregion hierher geflohen und deshalb mittellos. Dank der Unterstützung durch humedica hat er wieder eine Perspektive. Denn Ihre Spenden aus Deutschland ermöglichen ihm, in einer Klinik in Khartoum behandelt zu werden, der sudanesischen Hauptstadt. Es ist der einzige Ort im weiten Umkreis, der die richtigen Medikamente und Behandlungsmethoden hat, die Melyes helfen können. Nur hier bekommt Melyes eine Chance, wieder ein eigenverantwortliches Leben in Würde zu führen.

In Äthiopien hatten Melyes Eltern ein Restaurant. Die Familie war nicht reich. Aber das Geld reichte, dass die fünfköpfige Familie überleben konnte. Dann kam der Krieg in die Tigrayregion und änderte alles. Was die Menschen im Norden Äthiopiens seitdem erleiden mussten – für Außenstehende wie uns ist das unvorstellbar. Von Gräueltaten gegen die Zivilbevölkerung ist die Rede, auch wenn beide Kriegsparteien das stets abstreiten. Die Menschen seien als Faustpfand genutzt worden, berichten Beobachter. Tod, Angst und Gewalt sind an der Tagesordnung.

Alltägliche medizinische Behandlungen können in den Flüchtlingslagern selbst durchgeführt werden. Für schwerere Fälle übernimmt humedica die Überweisung zu weiteren Ärzten. Foto: Wedco

Auch die Ernten sollen zerstört worden sein, um eine Hungernot hervorzurufen. Humanitäre Helfer hatten lange Zeit keinen Zugang. Und somit kamen auch viele Lebensmittellieferungen nicht durch. Über lokale Partner hilft humedica seit gut einem Jahr direkt in der Region mit basisgesundheitlicher Versorgung so gut es geht. Vor einiger Zeit haben wir unsere Hilfe auch auf die angrenzenden Regionen Afar und Amhara und den Sudan ausgeweitet. Über die medizinische Grundversorgung hinaus helfen wir mit der Verteilung von Lebensmitteln. Außerdem kann humedica als eine der wenigen Hilfsorganisationen auch in schweren Fällen helfen.

Die Menschen, die aus der Tigrayregion flüchten müssen, landen oft in solchen Flüchtlingscamps. Foto: WedCo

So wie Melyes. Er wünscht sich nichts mehr, als Laufen zu können. Er ist im richtigen Alter, um in die Schule zu gehen. Seine Krankheit hindert ihn derzeit daran. Deswegen ist seine Behandlung so wichtig für ihn.

Danke, dass Sie mit Ihrer Spende Melyes und vielen anderen Menschen aus der Tigrayregion eine Perspektive bieten. „Nur in der Klinik in Khartoum hat Melyes eine Chance, wieder gesund zu werden“, sagt sein Arzt Dr. Mohammed Ismael. „Danke, dass Sie das möglich machen.“

humedica Mitarbeiter Tihomir Lipohar mit Kateryna und ihrer Familie. Foto: humedica

Kateryna* ist 93. Sie schläft auf einer Matratze, die notdürftig auf Holzpaletten gelegt wurde. Eigentlich stammt sie von der Krim. Wir treffen sie in einer Stadt im Westen der Ukraine. Ihr provisorisches Zuhause teilt sie sich mit ihrer Tochter und ihrem Enkel sowie dessen Familie. Insgesamt wohnen fünf Menschen in diesem kleinen Raum.

Kateryna und ihre Familie sind nicht zum ersten Mal auf der Flucht. 2014 machten sie sich schon einmal auf den Weg– damals flohen sie vor den Kriegshandlungen auf der Krim nach Kiev – jetzt mussten sie auch dort alles zurücklassen, was sie besitzen. Wie ihnen geht es vielen Ukrainern.

Auch Jed berichtet Schlimmes aus seiner Heimat. Er hilft in Schytomyr Kindern mit Behinderung in Pflegefamilien zu leben um eine bessere Perspektive als ein Kinderheim zu haben. Bomben schlugen in der Nähe seiner Einrichtung ein. Schnell war deshalb klar: Die Kinder müssen in Sicherheit gebracht werden – raus aus der Ukraine. Über Kontakte kann humedica einen Bus organisieren. Dieser holt die Kinder nach Deutschland – und bringt im Gegenzug Hilfsgüter in die Ukraine.

Regelmäßig verlassen Hilfsgüter das humedica-Lager in Kaufbeuren in Richtung Ukraine. Sie haben vor allem Medizin, Hygieneartikel und Lebensmittel geladen. Foto: humedica

Das humedica Logistikteam ist seit jenem 24. Februar als der Ukrainekrieg begann im Dauereinsatz. Permanent werden Medikamente, haltbare Lebensmittel, Hygieneartikel und Decken erfasst, konfektioniert und auf LKW verladen.

Doch nicht alle Hilfstransporte starten in Kaufbeuren. Lebensmittel zum Beispiel versendet humedica auch von Rumänien aus. Dank der Unterstützung vieler Spender ist es möglich, die Waren über einen Partner dort zu kaufen und dann auf kurzem Weg in die Ukraine zu bringen – passgenau auf die Bedürfnisse zugeschnitten. Über Verteilzentren gehen die Hilfsgüter weiter an Krankenhäuser und andere soziale Einrichtungen – auch an Geflüchtete.

Die meisten Menschen sind froh, in Flüchtlingsunterkünften unterzukommen. Foto: humedica

In der moldawischen Stadt Balti kommen unterdessen neue Menschen aus der Ukraine an. Viele sind auf der Durchreise, einige möchten aber auch erstmal hierbleiben. Sie alle eint die Hoffnung auf ein schnelles Ende des Krieges – und das Bedürfnis zu schlafen. Moldawien ist eines der ärmsten Länder Europas. Die Kosten für Energie und Lebensmittel sind auch hier ins Unermessliche gestiegen. humedica unterstützt Menschen, die Flüchtenden eine Unterkunft stellen, deshalb mit den zusätzlichen Energiekosten. Außerdem versorgen wir die ukrainischen Familien mit Lebensmitteln und Hygieneartikeln. Ohne diese Hilfe wäre es vielen Moldawiern nicht möglich, Gastfreundschaft zu zeigen.

*Name geändert

Nach dem Rückzug des Westens aus Afghanistan und der Machtübernahme durch die Taliban war für viele Menschen im Westen klar: Alle Hilfsmaßnahmen müssen eingestellt werden, dieses System darf man nicht unterstützen. Dabei sind die Menschen in Afghanistan auf Hilfe angewiesen. Projektmanager Andreas Dürr erklärt, warum sich humedica jetzt erst recht in dem zerfallenen Land engagiert.

humedica: Letztes Jahr gingen die Bilder der Machtübernahme der Taliban durch die Medien. Andreas, Du warst wenige Wochen zuvor in Afghanistan. Wie hat sich die Lage seitdem verändert?

Andreas Dürr: Die Straßen sind mittlerweile voll mit Kindern, die von ihren Eltern zum Betteln geschickt werden. Waren es früher ein oder zwei Kinder, so sind es heute zehn oder 20 – Tendenz steigend. Die Kinder können nicht zur Schule gehen, weil sie zum Lebensunterhalt der Familie beitragen müssen. Dabei bringt auch Betteln nicht wirklich etwas ein, denn die Menschen haben nichts abzugeben. Es gibt zwar alles zu kaufen, aber niemand kann es sich mehr leisten – es sei denn man verkauft sein Hab und Gut oder spart in anderen Bereichen – zum Beispiel an der eigenen Gesundheit. Und so leiden viele Hunger und werden krank.

Laut UN-Berichten hatten Ende letzten Jahres nur noch fünf Prozent der afghanischen Bevölkerung ausreichend Nahrung. Am schlimmsten trifft das den Teil der Bevölkerung, der durch die vergangenen Konflikte vertrieben wurde und nun unter prekären Bedingungen in den Dörfern und Slums um die großen Städte herum lebt. Sie stehen jetzt vor dem Nichts: Kein Einkommen, keine Nahrung, kein Feuerholz im Winter. Sie werden krank und finden nirgendwo Hilfe.

Was tut humedica gegen diese dramatischen Zustände?

Wir verteilen Lebensmittel, Decken und manchmal auch Bargeld an besonders bedürftige Familien. Außerdem wollen wir speziell den Binnenvertriebenen Zugang zu medizinischer Versorgung ermöglichen. Die könnten sie sich sonst nicht leisten. Wir finanzieren beispielsweise zusätzliches Personal und die Anschaffung von medizinischen Geräten in zwei Tageskliniken. Außerdem übernehmen wir in geprüften Härtefällen Behandlungskosten. In einer der Kliniken müssen die Patienten im Winter in den engen Fluren kauern und hundert Meter zur nächsten Toilette außerhalb der Klinik gehen. Gerade für Frauen ist das eine Zumutung. Wir finanzieren deshalb die Umbaumaßnahmen.

Nachhaltigkeit ist uns sehr wichtig. Das Wissen muss im Land bleiben. Wir fördern deshalb Fortbildungen für das Klinikpersonal, aber auch die Aufklärung der Bevölkerung zu gängigen Krankheiten. Einer unserer Partner publiziert in Kooperation mit afghanischen Universitätsprofessoren aktuelle medizinische Handbücher in den Landessprachen Paschto und Farsi.

Wird eine christlich geprägte Hilfsorganisation wie humedica von den Taliban in ihrer Arbeit beeinträchtigt?

Bisher nicht. Wir waren vor der Machtübernahme äußerst vorsichtig und haben nirgendwo unser Logo gezeigt, um unsere Partner oder Begünstigte nicht in Gefahr zu bringen. Mittlerweile tun wir das aber ziemlich offen. Die Taliban sind wie alle Afghanen dringend auf internationale Hilfe angewiesen. Die meisten internationalen Hilfsorganisationen sind zumindest nicht muslimisch geprägt und gelten für die Taliban daher als christlich. In der Vergangenheit haben andere Organisationen und vor allem lokale Mitarbeiter deshalb immer wieder Probleme bekommen, manche mussten nun das Land verlassen.

humedica steht glücklicherweise auf keiner schwarzen Liste. Wir bauen auf ein langjähriges Netzwerk und vertrauensvolle Partner und haben einen einheimischen Koordinator. Er und unsere Partner pflegen zu den Taliban ein funktionierendes Arbeitsverhältnis, ohne sich anzubiedern. Wir setzen dabei auf größtmögliche Transparenz: Hilfe soll bei den Bedürftigen ankommen, christliche Mission schließen wir ausdrücklich aus, denn es widerspricht den Richtlinien des Internationalen Roten Kreuzes, denen wir uns verpflichten.

Ist Unterstützung der Menschen in Afghanistan nicht auch gleichzeitig eine Unterstützung des herrschenden Regimes?

Nein. Die Hilfe kommt direkt den Bedürftigen zugute, es fließen keine Gelder an staatliche Institutionen. Als humanitäre Organisation sind wir zu Neutralität verpflichtet, wir helfen Menschen in Not unabhängig von ihrer politischen Zugehörigkeit. Freilich stützen wir mit unserer Hilfe zu einem gewissen Grad das Gesundheitssystem, das in der Verantwortung des Regimes liegen sollte. Aktuell geht es aber um akute Hilfe, um Menschen vor schlimmer Krankheit oder Tod zu bewahren. Wenn wir eine humanitäre Katastrophe verhindern wollen, müssen wir hier eingreifen.