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Die Situation der Menschen in der Ukraine ist schwierig

Eindrücke des humedica Teams von der ukrainischen Grenze

von Carolin Gißibl/Sebastian Zausch,  09.03.2022

Mit Kinderwagen und Koffern starten zwei junge Mütter und ihre drei Kinder von der Ukraine in eine ungewisse Zukunft. Die Ehemänner mussten sie zurücklassen – diese halten statt ihrer Kinder nun Waffen in den Armen. Das humedica-Assessment-Team berichtet von dem tragischen Schicksal – nur eines von vielen, das der Krieg verursacht.

Diese zwei Mütter haben mit ihren Kindern die Flucht geschafft, aber mussten ihre Männer im Krieg zurücklassen. Foto - Carolin Gißibl, humedica

Das Leben von ihrem Sohn Illya und sich hat Yana in einen lila Koffer gepresst. Es musste schnell gehen. Bevor die Panzer der russischen Armee einrollen, sind die 30-Jährige und der Zweijährige zusammen mit Freundin Natalia und deren beiden Kindern vom Nordwesten der Ukraine nach Polen geflohen. Die beiden Mütter haben schon vieles gemeinsam erlebt: Studium, Hochzeit, Hausbau – nun der Krieg.

Zwei Wochen nach dem russischen Angriff sind nach Angaben des UNHCR mehr als 1,5 Millionen Menschen aus der Ukraine geflüchtet. Der größte Teil überquerten die Grenze nach Polen. Meist sind es Frauen mit Kindern, ältere Menschen und Menschen mit Behinderung, wie ein Sanitäter vor Ort dem Assessment-Team von humedica erzählt. Kampffähige Männer zwischen 18 und 60 Jahren kommen nicht mehr aus dem Land.

Die Ehemänner von Yana und Natalia müssen sich der russischen Armee stellen. Für die sogenannte „Territorial Defense Force“ verteidigen sie das Gebiet. Denn selbst der Einkauf im Supermarkt sei nicht mehr sicher. „Vor dem Supermarkt wurde geschossen – auch auf Kinder.“ Den beiden Frauen kommen die Tränen, als sie humedica-Koordinatorin Dr. Christiane Bähr vom Abschied ohne Gewissheit auf ein Wiedersehen erzählen.

Autos stehen am Grenzübergang. Foto - Carolin Gißibl, humedica

Tausende Menschen passieren täglich die Grenzübergänge nach Polen – in Autos, Bussen oder zu Fuß. Gregor Jarosiewirz ist einer der freiwilligen Sanitäter, die an der Grenze Medyka Erstversorgung für das polnische Rote Kreuz leisten. Dort tummeln sich in den Abendstunden Geflüchtete, Reporter, Polizisten und Helferinnen und Helfer. In Blechtonnen lodert Feuer zum Aufwärmen, dunkler Rauch zieht über das provisorische Camp. Autos stauen sich auch auf der polnischen Seite in einer scheinbar nicht enden wollenden Schlange – mit Kennzeichen aus Polen, Litauen, Deutschland.

„Ich bin aus Berlin gekommen, um meine Schwiegermutter abzuholen“, sagt ein Mann. „Wir sind nach Polen gefahren, um Flüchtlinge, die nicht wissen wohin, aufzunehmen“, sagt ein anderer Helfer. Laut dem Roten Kreuz hätten manche der Geflüchteten Angst, in fremde Autos zu steigen und verschleppt zu werden. Für Menschen, die nicht wüssten, wohin sie gehen sollen, stehen Busse bereit, die sie in verschiedene Auffanglager in Polen bringen. Dort können sie auf Feldbetten ruhen.

Feuer zum Wärmen für die Geflüchteten, die zum Teil mehrere Tage bei klirrender Kälte in ihren Autos ausharren. Foto - Carolin Gißibl, humedica

An diesem Tag arbeitete Jarosiewirz nach eigenen Angaben 24 Stunden am Stück. „Am ersten Samstag nach Kriegsbeginn waren es 30 Stunden“, erzählt er. Es gebe kaum Kriegsverletzungen, eher seien die Menschen erschöpft – von der eisigen Kälte und langen Wartezeit. „Bis zu -15 Grad und Schnee hatte es am Wochenende“, erzählt er. „Die Menschen haben bis zu 90 Stunden gewartet.“ Das bestätigt auch Maciej Maruszak, der Direktor des polnischen Roten Kreuzes in Rzeszow: „Die Schlangen haben sich in den vergangenen Tagen aber verkürzt.“ Man warte „nur“ noch 40 Stunden . „Es kamen Frauen, die eine Woche gelaufen sind“, erzählt der Sanitäter. Zwei plötzliche Herztote habe er bereits miterleben müssen. „Die Arbeit ist taff!“, sagt er. „Heute kam zu uns ein fünfjähriges Kind, das gesehen hat, wie die Eltern ermordet wurden.“ Mit Oma und Tante sucht es in Polen nach einem sicheren Ort.

Ein zweites humedica Assesment-Team ist in Rumänien und Moldawien unterwegs. Immer an der ukrainischen Grenze entlang. Die Einsatzkräfte hier machen ähnliche Erfahrungen. „Auf dieser Seite der Grenze gibt es viel Hilfsbereitschaft. Aktuell scheint vieles gut organisiert. Doch wie lange halten die Helfer das durch?“ fragt sich humedica Einsatzkraft Alastair Scott. „Außerdem könnte es sein, dass die Kampfhandlungen auch im westlichen Teil der Ukraine schlimmer werden. Dann werden hier noch viel mehr Flüchtlingen über die Grenze wollen.“

Alastair Scott und Dr. Liesel Ruff waren Teil des Teams, welches an der ukrainisch-rumänischen Grenze unterwegs war. Foto: humedica

Auch Alastair Scott und sein Team beobachten kilometerlange Autoschlangen auf ukrainischer Seite. „Die Menschen harren zum Teil tagelang in ihren Autos aus – in klirrender Kälte.“ Nur ist die Hilfe auf ukrainischer Seite aufgrund der Situation bei weitem nicht so gut organisiert wie in Rumänien oder Polen.

humedica entsendet deshalb ein weiteres Team direkt in die Ukraine. Die Ärzte, Pfleger und Koordinatoren sollen auf ukrainischer Seite Menschen behandeln. „Die medizinische Versorgung in der Ukraine ist am Anschlag,“ berichtet Alastair Scott. „hier wollen wir unterstützen.“

Sasha (3) ist mit ihrem einjährigen Bruder und ihrer Mutter geflüchtet. Das Gepäck Ein Kinderwagen und ein Koffer. Der Vater musste zurückbleiben, um im Krieg zu kämpfen. Foto - Carolin Gißibl, humedica

Für Yana, Natalia und die Kinder verlief die Grenzüberquerung ins polnische Budomierz problemlos. Natalia hat ein Baby dabei, weshalb sie die Grenze schnell passieren durften. Hinter ihnen seien 16 Busse angekommen. Die dreijährige Tochter Sasha ist das Patenkind von Yana. Eingepackt steht sie mit Mütze und Schneeanzug im Trubel am Grenzübergang. Ihre Augen folgen freiwilligen Helfern, dem Sicherheitspersonal in gelben Westen, anderen Kindern. Offenbar versucht sie zu verstehen, was hier passiert. Warum ist ihr Vater nicht dabei? Nur ein Koffer und ein Kinderwagen für ihren einjährigen Bruder begleitet die junge Familie.

„Wir sind der polnischen Bevölkerung sehr dankbar, dass sie uns mit gutem Essen, warmem Tee, freundlichen Worten und einem Lächeln empfangen“, sagt Yana. Mit den drei Kindern und ihrer Freundin wartet sie auf einen Bekannten aus Polen, der sie abholt. Danach werden sie nach Italien gehen, wo die Schwiegermutter wartet. Für Yana steht fest: „Wenn sich die Lage beruhigt, gehen wir in die Ukraine zurück.“ Sie ist zuversichtlich: „Ich hoffe, das wird in ein bis zwei Wochen sein.“

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