Zum zweiten Mal auf der Flucht

Aus dem Alltag in der Ukraine

von Tihomir Lipohar,  14.04.2022

Es sind vor allem die persönlichen Geschichten, die uns bei unserer Arbeit bewegen – egal ob in der Ukraine oder anderswo. Im folgenden Blogeintrag gibt der Leiter der humedica Projektabteilung Tihomir Lipohar einen Einblick in die Lebensrealität vieler Menschen in der Ukraine. Die Familie von Denis* hat er im Westen der Ukraine getroffen:

Wir haben uns heute Morgen bei Denis* und seiner Familie telefonisch angekündigt. Er wartet schon vor dem Eingangstor zum Hof. Es ist Sonntag, der 3. April 2022. Es ist nicht sein Haus, in dem Oleg, der humedica-Koordinator in der Ukraine und ich ihn besuchen. Und auch in der Stadt, in der wir ihn treffen, sind er und seine Familie erst seit wenigen Wochen. Er ist aus der Hauptstadt Kiew hierher geflohen. Eigentlich stammt er aber von der Krim. Als dort 2014 die Kriegshandlungen begannen, floh er zum ersten Mal – baute sich in Kiew eine neue Existenz auf. Nun also schon wieder – das Nötigste packen und weg.

Vor den zentralen Verteilzentren überall in der Ukraine bilden sich lange Schlangen. Es werden vor allem Lebensmittel und medizinische Güter benötigt. Foto: humedica.

Denis wartet. Er hat sich daran gewöhnt. In den letzten Wochen treffen andere die Entscheidungen. Er wartet und folgt. Denis begrüßt uns herzlich. Seine Frau Ana* ist mit ihrer Mutter zur Kirche. Denis und Oleg kennen sich bereits. Oleg hat seine Familie und andere Bewohner des Hauses mit Matratzen versorgt. Davor stand das Haus leer.

Wir parken vor dem Haus und treten in den Hof. Denis Mutter begrüßt uns herzlich. Wir beginnen das Gespräch. Draußen. Auf dem Hof. Die Familie hat ein Zimmer in diesem Haus belegt. Eine lokale Hilfsorganisation versorgt Geflüchtete aus dem Norden und Osten des Landes. Im Vorzimmer, das sehe ich später als wir eingetreten sind, wohnen zwei Männer. Wir gehen weiter in ein größeres Zimmer.

Hier sind Denis (33), seine Frau Ana (43), seine Mutter Tanja* (65), Alexandras Mutter Sofija* (72) und Igors Großmutter Kateryna* (93) untergebracht. Sie schlafen auf Matratzen, die auf Holzpaletten stehen. Ein kleiner Tisch, zwei Stühle und eine enge Sitzbank sind das weitere Mobiliar. Kleidung und Einkaufstüten hängen am Brett an der Wand an Nägeln.

humedica-Mitarbeiter Tihomir Lipohar bei Denis und seiner Familie. Foto: humedica

Vielleicht war dieses Provisorium der Grund, warum wir am Anfang lange auf dem Hof geblieben sind – vielleicht aber auch die Hoffnung, dass der Krieg bald endet und sie schnell zurückkehren werden. Ich weiss es nicht. Mein Eindruck während des gesamten Besuches bleibt: Unterbewusst warten alle auf den Bescheid von offizieller Stelle: Der Krieg ist zu Ende. Ihr dürft zurück. Diese Hoffnung hält sie wachsam, aber auch bedächtig.

Tanja hat schon Pläne, wie sie ihren Garten dieses Jahr bestellen wird. Letztes Jahr hat der Frost vieles dort vernichtet… dieses Jahr könnte es besser werden, sinniert sie.

Die Familie hat Kiew am 3. März verlassen müssen. Das ist gefühlt schon eine Ewigkeit her. So gegen 15 Uhr sind sie zu fünf in dem kleinen Wagen losgefahren. Nach fünf Stunden haben sie dann 120 Kilometer zurückgelegt. In einer Kleinstadt hielt sie die Polizei an – es war Sperrstunde. Die Beamten brachten sie in einer Kirche unter.

Am nächsten Tag schafften sie dann weitere 150 Kilometer Richtung Westen. Die Nacht verbrachten sie in einer Schule. Am dritten Tag kamen sie dann schließlich dort an, wo wir sie treffen. Die erste Nacht schliefen sie in einer Gemeinschaftsunterkunft – dann durften sie das Zimmer beziehen, in dem sie jetzt seit fast einem Monat leben.

Vor allem älteren Menschen fallen die Beschwerden der Flucht schwer. Foto: PFR

Der Ort im Westen der Ukraine ist zu diesem Zeitpunkt relativ sicher. Sollte sich das ändern, wollen die Frauen Richtung Polen fliehen. Denis kann nicht mit – er darf nicht über die Grenze – muss in der Ukraine bleiben. Er hilft gelegentlich in den Gemeinschaftsunterkünften den neu angekommenen Geflüchteten. Mittlerweile weiss er, wo welche Hilfe möglich ist. Er hilft gern, weiß was es bedeutet das eigene Heim verlassen zu müssen… doch die Hoffnung auf eine baldige Rückkehr hält sie alle, merklich zurückhaltend, optimistisch.

Wir verabschieden uns von Denis und seiner Familie. Herzlich. Mit dem Wunsch, dass der Krieg bald ein Ende hat. Doch wir machen gleich Pläne, wie humedica diese Menschen weiter unterstützen kann. Sie brauchen dringend eine medizinische Grundversorgung und jemanden, mit dem sie über das Erlebte sprechen können. Denn viele Flüchtlinge sind traumatisiert. humedica bietet dieses Gespräch an. Gemeinsam mit einem Partner bauen wir eine Traumahotline auf. Die Hilfsgütertransporte mit Lebensmitteln, Hygieneartikeln und medizinischen Gütern bleiben bestehen. Meine Gedanken schweifen weiter. Ich bete für die Menschen in der Ukraine – und nehme gleich Kontakt zu weiteren humedica-Partnern auf. Denn ich weiss – nur gemeinsam können wir etwas für die Menschen in der Ukraine – so wie Denis – bewirken.

*Name geändert

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