„Immer mehr Menschen werden auf Hilfe angewiesen sein“

humedica-Vorstand Johannes Peter im Interview

07.10.2021

„Der Mensch steht immer im Mittelpunkt”, sagt humedica-Vorstand Johannes Peter, wenn man ihn fragt, was humedica antreibt. „Zu sehen, wie wir mit unserer Arbeit das Leben vieler Menschen zum Positiven wandeln können, ist immer wieder eine Bestätigung.“ Dennoch ist die Arbeit von humedica selbst aktuell vielen Veränderungen unterworfen – weil sich auch die Anforderungen an humanitäre Hilfe rapide verändern.

die Corona-Pandemie entriss vielen die Lebensgrundlage: In Indien verteilte humedica u.a. Lebensmittel. Foto: humedica

humedica: COVID-19 hat unsere Welt in den letzten eineinhalb Jahren zum Teil nachhaltig verändert. Wirkt sich das auch auf die Anforderungen humanitärer Hilfe aus?

COVID-19 führt in erster Linie dazu, dass immer mehr Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen sind. Durch die Pandemie und die damit einhergehenden Beschränkungen gingen 2020 im Vergleich zu 2019 wohl 114 Millionen Jobs weltweit verloren, schätzt die Weltarbeitsorganisation ILO . Viele der Arbeitslosen sind Kleinverdiener, Tagelöhner oder arbeiten im informellen Sektor. Hier gibt es keine sozialen Absicherungen und die Menschen stehen oft allein da und sind angewiesen auf Hilfe, selbst für die Grundversorgung mit Lebensmitteln. Der Leiter des World Food Programme (WFP) David Beasley warnte davor, dass 270 Millionen Menschen durch die Kombination von Konflikten, der Pandemie und des Klimawandels akut von Hunger bedroht sind. Die Anforderung liegt nun darin, unter Beachtung der Einschränkungen, mit Partnern noch mehr Menschen zu erreichen, die in Not sind.

Mit Partnern vor Ort kann humedica weltweit schnelle Hilfe leisten. Foto: humedica

Die Globalisierung hat dazu beigetragen, dass sich COVID-19 weltweit ausbreitete. Sehen Sie in der Globalisierung eine Herausforderung für die humanitäre Hilfe?

Sicher hat die Globalisierung auch dazu beigetragen, dass sich ein Virus wie der SARS.CoV-2 so leicht überall verbreiten konnte, was zu all den humanitären Nöten führte, die die Pandemie mit sich bringt. Gleichzeitig haben wir weltweit auch die Möglichkeit zum Wissensaustausch und Transfer, der Not massiv lindern kann, weil wir vernetzt lernen können.

Durch die vernetzte Welt und die Kommunikation in Echtzeit, etwa im Internet, wird die Situation der Menschen in anderen Teilen dieser Erde sichtbarer. Globalisierung ist also eine Art “Bewusstmacher” humanitärer Nöte, die aber schon vorher existierten und immer öfter übermäßigem Wohlstand als krasser Kontrapunkt gegenüberstehen. Die besondere Herausforderung liegt darin, Prioritäten zu setzen und koordiniert als Hilfsorganisationen dort zu arbeiten, wo wir den Menschen am besten helfen können. Wenn jeder das tut, was er am besten kann, leisten wir gemeinsam den größten Mehrwert für Menschen in Not.

Eine besondere Herausforderung ist es, in einer globalisierten Welt lokaler zu arbeiten. Das heißt, dass, wo möglich, die Projekte und Maßnahmen vor Ort von eigenständigen Organisationen gestaltet und durchgeführt werden. Es ist bedeutend, in die Kapazitäten vor Ort zu investieren. Das heißt auch, Entscheidungen so lokal wie möglich unter Einbezug der Betroffenen zu fällen. Direkte lokale Hilfe vor Ort kann deutlich schneller, gezielter und ressourcenschonender sein und fördert die Strukturen vor Ort, wenn sie prinzipientreu und professionell umgesetzt wird.

Wenn von globalen Herausforderungen die Rede ist, rückt immer öfter die Klimakrise in den Fokus. Macht sich der Klimawandel auch für humedica als Hilfsorganisation bemerkbar?

In den letzten Jahren stellen wir fest, dass Notlagen klima- und wetterbedingte Notlagen zunehmen, die auf das Klima oder das Wetter zurückzuführen sind. Klimaveränderungen und Konflikte stehen hierbei oft in einer tragischen, die Not verschlimmernden Wechselwirkung. Die Knappheit von Ressourcen wie Wasser ist ein Grund zum Konflikt. Dieser wiederum verschlimmert die Situation von Menschen, die bereits auf Hilfe angewiesen sind und treibt sie damit weiter in die Not. Das wiederum führt nicht selten dazu, dass Menschen fliehen müssen. Am Horn von Afrika und auch in Madagaskar können diese Zusammenhänge beobachtet werden.

Extremwetterlagen führen auch in Gegenden ohne Konflikt zu großer Not. 2020 haben wir in so vielen einzelnen Projekten geholfen wie nie zuvor. Dies kam zustande durch die vielen, wenn auch teils im Ausmaß begrenzteren, Naturkatastrophen und der Corona-Pandemie.

Der Klimawandel führt weltweit zu immer mehr Dürren. Foto: Zwanzger

Der Klimawandel stellt die Weltgemeinschaft also vor große Herausforderungen. Was bedeutet das für die Zukunft der humanitären Hilfe?

Wir wollen Partner und potenzielle Betroffene unterstützen, sich auf Notlagen vorzubereiten, also auch vorauszudenken. Wir wollen sie widerstandsfähiger gegen Notlagen machen. Hierzu muss man wissen, dass eine Naturkatastrophe dann zum Problem für Menschen wird, wenn sie dieser unvorbereitet und schutzlos ausgeliefert sind. Bei Taifunen beispielsweise kann man Schutzmaßnahmen ergreifen und so die Auswirkungen auf die Menschen und potentielle Schäden verringern. Ein wichtiger Teil unserer Arbeit ist also auf Vorhersagen zu reagieren und möglichst nicht nur während einer Notlage, sondern auch davor und danach, Menschen zu befähigen, sich vorzubereiten, sie bei Bedarf zu unterstützen und ihnen beim Wiederaufbau beizustehen.

Zusammenfassend müssen wir fokussiert sein und lokaler, vorausschauender und schlagkräftiger werden. Das sind die Anforderungen.

Welche Veränderungen bedeutet all das für die Arbeit von humedica?

Wir stärken unsere Auslandsstrukturen und werden künftig noch viel mehr Hilfe direkt aus unseren Länderbüros leisten, etwa in Äthiopien und Südasien, besonders in Indien und Sri Lanka. Weiterhin intensivieren wir die Bindung und den Austausch mit unseren Partnerorganisationen. Dadurch bauen wir unser Netzwerk aus und machen unsere Hilfe noch effizienter. Unsere Vernetzungstreffen sind eine Plattform, durch die unterschiedliche Partner Erfahrungen und Bedarfe teilen und voneinander lernen. Wir planen gemeinsam vorausschauend und haben verschiedene Pilotprojekte gestartet, um neue Projektansätze zu testen und auszuweiten.

Gemeinsam arbeiten wir an einer Strategie für die nächsten Jahre. Wir wollen weltweite Nöte noch besser verstehen, um unsere Stärken zusammen mit Unterstützern zu fokussieren. Nur so können wir den neuen Ansprüchen an uns gerecht werden.

Die Anforderungen in der Akuthilfe bei Katastrophen sind enorm gestiegen. Einmal durch die Professionalisierung der letzten Jahre, aber auch akut durch die Pandemie. Wir bringen uns weiterhin als Emergency Medical Team ein und verbessern unsere Strukturen, um weiterhin weltweit schnelle Hilfe zu Menschen in Not zu bringen: lokal und immer wenn nötig auch mit unseren Einsatzteams.

Gemeinsam mit dem Partner AO Care hilft humedica in Indonesien. Foto: AO Care

Welchen Anteil hat COVID 19 an den Veränderungen?

COVID-19 hat einen erheblichen Anteil an den Veränderungen, weil es für viele Entwicklungen wie ein Beschleuniger wirkt. Einmal haben wegen der weltweiten Einschränkungen lokale Organisationen eine größere Rolle gespielt, weil internationale NGOs auch wegen des oft erheblichen Anteils ausländischen Personals weniger Zugang hatten. Auch wenn sich das bereits jetzt wieder verändert hat, ist die Bedeutung lokaler und direkter Hilfe deutlich geworden. humedica hat nur wenige nicht einheimische Mitarbeiter in Projekten und legt auch großen Wert auf die Umsetzung mit Partnerorganisationen.

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