10 Jahre Flüchtlings­hilfe Melkadida

Sandra Oefele war für humedica ein Jahr im Flüchtlingscamp Melkadida tätig

07.10.2021

Sandra Oefele war ein Jahr lang in Melkadida. Foto: humedica

Zehn Jahre war humedica in Melkadida und einem weiteren Flüchtlingscamp tätig. Jetzt haben die örtlichen Behörden und die umliegenden Gesundheitsstationen die medizinische Versorgung der Geflüchteten übernommen. Das Engagement für die Region ist aber noch lange nicht zu Ende. Wie humedica jetzt hilft und was in Zukunft geplant ist, verrät Sandra Oefele im Interview.

humedica: Die Flüchtlingscamps in der Dollo-Ado Region an der äthiopischen Grenze nach Somalia beherbergen etwa 220.000 Menschen. Viele leben seit vielen Jahren dort. Wie ist ihre Situation?

Sandra Oefele: Im Allgemeinen kann man sagen, dass sich die Situation gewissermaßen stabilisiert hat. Es ist über die Jahre zu einer Art „Camp-Routine“ gekommen. Die Hilfsorganisationen und die äthiopischen Behörden bemühen sich, die Versorgung der Menschen aufrecht zu erhalten. Gleichzeitig versuchen die Geflüchteten, alles im Rahmen des Möglichen zu tun, um ihre eigene Lebenssituation zu verbessern. Die jetzige Situation kann kein Dauerzustand sein, das wissen alle Beteiligten. Allerdings bleibt die Lebens- und Sicherheitssituation in Somalia weiterhin prekär und so fällt es schwer, langfristige Lösungen zu finden. Die Abhängigkeit von Hilfe durch Nichtregierungsorganisationen (NRO) wie uns dauert also an und die Zukunft ist ungewiss.

Die Menschen stehen vor der Anmeldung Schlange, um behandelt zu werden. Foto: humedica

Du warst in den Jahren 2016/2017 als Koordinatorin vor Ort: Was ist dir aus dieser Zeit besonders in Erinnerung geblieben?

Besonders blieb mir die Aufgeschlossenheit und Aufmerksamkeit der Menschen in Erinnerung, die mir und unserem Team entgegengebracht wurde. Die Menschen waren freundlich und neugierig. Das finde ich erst Recht besonders, weil wir uns aufgrund der Sprachhürde ja nur eingeschränkt miteinander unterhalten konnten. Die Gegend ist sehr entlegen – man braucht Stunden mit dem Auto oder einem kleinen Eselskarren, um dorthin zu kommen. Gleichzeitig stehen an der Grenze zu Somalia seit vielen Jahrzehnten verschiedene Milizen in Konflikt miteinander. Dennoch habe ich mich kaum unsicher gefühlt. Dies hing sehr mit den Menschen zusammen, die einen unmittelbar umgeben und mit denen man arbeitet.

Die meisten, die hier leben, haben dennoch die Hoffnung, irgendwann zurück in ihre Heimat zu können. Bis dahin versuchen die Menschen, das Beste aus der Situation und dem was sie haben zu machen. Sie sind dankbar, wenn zumindest die bestehenden Verhältnisse stabil bleiben und sie auch nach den vielen Jahren, die sie bereits in den Camps leben, nicht vergessen werden.

Die Flüchtlingslager liegen mitten im Nirgendwo. Foto: humedica

Die Flüchtlingslager liegen mitten im Nirgendwo – was macht man da den ganzen Tag, wenn man mal Freizeit hat?

Nun, Freizeit im klassischen Sinn gab es eigentlich kaum. Natürlich hatten wir auch Wochenenden, aber irgendetwas gab es immer zu tun. Entweder musste an den Geländewagen etwas repariert werden, damit sie für die kommende Woche wieder funktionierten oder es gab etwas an unseren Unterkünften und Gemeinschaftsbereichen zu tun, um das Leben in dem Lager aus Blechhütten, in dem wir lebten etwas angenehmer zu gestalten.

Ansonsten traf man sich auch gerne mit Mitarbeitenden anderer Organisationen, um sich auszutauschen. Wenn es die Sicherheitssituation und die Temperaturen erlaubten, nutzten wir die freie Zeit für einen Spaziergang an den nahe gelegenen Fluss Ganale. Für eine Runde Volleyball am Abend waren auch viele Kollegen und Kolleginnen gerne zu haben.

Nachdem humedica zehn Jahre mit den Gesundheitsstationen in den Camps präsent war, werden diese jetzt von öffentlichen Gesundheitszentren übernommen. Hat sich die Situation der Menschen im letzten Jahrzehnt verbessert?

Vor mehr als zehn Jahren, als eine große Hungerskrise in der Region losbrach, kamen in sehr kurzer Zeit extrem viele Menschen in die Camps, um ihr Überleben zu sichern. Auch innerhalb der vergangenen zehn Jahre kam es wiederholt zu Krisensituation in der Region, welche zu einem Anstieg der Geflüchteten führte. So wurden beispielsweise im Jemen lebende Somalis aufgrund des Bürgerkriegs nach Melkadida umgesiedelt. Die Dürrekrise von 2017 am Horn von Afrika trug ebenfalls zu einem Anstieg der in den Camps lebenden Menschen bei.

Die meisten Menschen können aufgrund des andauernden Konflikts in ihrem Heimatland Somalia nicht dorthin zurückkehren. Und auch sich in diesem Teil Äthiopiens ein Leben aufzubauen, ist nicht möglich. Es handelt sich um eine Einöde, in der es nicht ansatzweise genügend Entwicklungsmöglichkeiten für alle gibt. Woanders hin könne sie oft aus finanziellen Gründen nicht.

Man spricht von einer anhaltenden Krise, wie es in vielen Flüchtlingscamps weltweit leider zur Realität wurde. Das bedeutet, dass die Menschen weiterhin auf Unterstützung angewiesen sind. Allerdings befinden wir uns nicht mehr in einer akuten Notlage, in der es um Leben und Tod geht. Der internationalen Gemeinschaft ist die Flüchtlingssituation in Äthiopien durchaus bewusst. Sie unterstützt die äthiopischen Behörden, damit das Land selbst die Infrastruktur und Hilfeleistungen in den Camps halten kann, so auch unsere Gesundheitsstationen in Melkadida und Kobe Camp.

Ein Zelt in Melkadida – hier ist kaum Platz für Perönliches oder Privatsphäre.

humedica hat zwar die Gesundheitsstation übergeben, bleibt aber in der Region präsent – wie sieht das aktuelle Engagement dort aus und wie geht es weiter?

humedica möchte weiterhin einen Beitrag leisten, die Gesundheitsversorgung in der Region langfristig zu verbessern. Daher haben wir in den vergangenen Monaten eine Klinik in der Grenzstadt Dollo unterstützt, in welcher sowohl aus Somalia geflüchtete Menschen versorgt werden als auch die lokale Bevölkerung. Der Bereich Mutter-Kind-Versorgung im Grenzgebiet zu Somalia war uns dabei sehr wichtig.

Zudem wird sich humedica in den kommenden Jahren in den Bezirken Bokolomayo und Melkadida im Gesundheitsbereich engagieren, in welchen auch die beiden Flüchtlingscamps Melkadida und Kobe liegen. Wir planen zusammen mit einer lokalen NRO vor Ort die dortigen staatlichen Gesundheitseinrichtungen in den Bezirken zu stärken. Ziel ist, dass die Menschen in dieser Region künftig deutlich besser medizinisch betreut werden können.

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