Projektgeschichten:

Gefängniseinsatz im Sudan

Erfahrungsbericht von humedica-Ärztin Ruth Weber

von Ruth Weber, 22.11.2018

Eine unbekannte Packliste liegt vor mir. Ich wäge ab, ob ich gut ausgerüstet bin, ob ich an alles gedacht habe, was nützlich sein könnte. Dann sticht mir etwas ins Auge: „Einmalunterhose“. Auf der Packliste mit einem Schrägstrich von einer herkömmlichen Unterhose getrennt und doch wie ein Synonym verwendet. Ich habe noch nie von Einmalunterwäsche gehört, geschweige denn darüber nachgedacht. Die Internetrecherchen ergeben erschwingliche Preise und meine Lust, es auszuprobieren, ist geweckt. Gekauft, eingepackt, abgereist.

Beim Zwischenstopp in Istanbul trifft das humedica-Team planmäßig erstmals zusammen. Eine Teilnehmerin kenne ich bereits: Maria Britzger und ich sind zusammen im humedica-Einsatztraining 2013 gewesen und der Gefängniseinsatz im Sudan wird unser beider erster, geplanter Einsatz. Gefunden und zusammengeschweißt auch in der Team-Unterkunft, kann es bei einer Gynäkologin und einer Urologin doch gar nicht schlecht laufen.

humedica-Team beim Gefängniseinsatz 2018 im Sudan

Unser Sudan-Team 2018, hier am Roten Meer. Vorne: Alicia Lamlé, Niamat Yassa (Mama Niamat) von Prison Fellowship International Sudan, Annerose Blessing, Marietta Strümpfler, Dr. Ruth Weber. Hinten: Dr. Claudia Künneth-Schmutz, Stefanie Heckenberger, Dr. Johannes Höß, Maria Britzger, Jacqueline Colin. Foto: humedica/Alicia Lamlé

Ankunft im Sudan

Der Sudan ist anders als die Länder, die ich bisher kennenlernen durfte. Er ist arabisch und afrikanisch zugleich, der Staat, mit den meisten binnenvertriebenen Menschen weltweit.

Außerordentlich höflich, höchst offiziell und gar überschwänglich gastfreundlich werden wir von Niamat Yassa, besser bekannt als „Mama Niamat“, von unserem lokalen Partner Prison Fellowship International Sudan empfangen. In sieben ausgewählten Gefängnissen dürfen wir unsere Arbeit unter Begleitung von Mitarbeitern der Regierung und laufenden Smartphone-Videokameras durchführen. Wir treffen und behandeln nicht nur Gefangene, sondern auch Wärter und deren Familien.

Mitarbeiter von humedica gemeinsam mit Mitarbeitern eines Einsatzgefängnisses im Sudan

Mitarbeiter von humedica beim Gefängniseinsatz im Sudan (v.l.n.r): Dr. Claudia Künneth-Schmutz, Dr. Johannes Höß, Dr. Ruth Weber, Jacqueline Colin, Alicia Lamlé, Stefanie Heckenberger, Marietta Strümpfler, Annerose Blessing und Maria Britzger mit dem Direktor des Al Huda Prisons in Khartoum (Mitte), seinen Mitarbeitern und Angehörigen der christlichen Kirche im Gefängnis sowie Mama Niamat. Foto: humedica/Alicia Lamlé

Das Wissen darum, dass jede meiner Aktionen Konsequenzen für mich, meine Helfer oder meine potentiellen Patienten haben könnten ist zwar präsent, Berührungsängste kommen dennoch beiderseitig gar nicht erst auf: Wir sind hier um zu helfen. So können wir, wenn es nötig ist und die Zustimmung des Patienten oder der Patientin vorliegt, auch in einem muslimischen Land wichtige urologische oder gynäkologische Untersuchungen vornehmen.

Auch wenn es scheint, dass die Patienten vorselektiert worden sind, treffen wir auf schreckliche und seltene Krankheiten. Und auch so manche Wickeltechniken beeindrucken mich. Unsere Ausrüstung durch mitgebrachte und organisierte Medikamente kann Schmerzen lindern und Infektionen eindämmen. Und die Tatsache, dass wir da hinschauen, wo es weh tut, hilft auch. Die jetzt schon fast regelmäßigen Einsätze von humedica im Sudan führen merklich zu einer Verbesserung der Situation in den Gefängnissen. Es gibt teilweise Zugang zu Hygienemaßnahmen und medizinischer Versorgung.

humedica-Einsatzkraft Alicia Lamle bei einer Behandlung im Sudan

humedica-Einsatzkräfte besuchen regelmäßig Gefängnisse in Afrika, wie auch Alicia Lamlé, die im Sudan in die Untersuchungen vertieft ist. Foto: humedica/Ruth Weber

Mir wird wieder einmal bewusst, wie facettenreich unsere Arbeit doch ist, wie persönlichkeitsbildend. Und vor allem: wie hilfreich! Mag es auf den ersten Blick vielleicht nur der sprichwörtliche Tropfen auf den heißen Stein sein, kann es für den einzelnen Patienten doch eine große Wirkung haben. Die Tatsache, dass er sich wahrgenommen, geschätzt und in einer verlorenen Umgebung würdevoll behandelt fühlt, bedeutet hier die Welt. Und das ist es wert! Jederzeit.

humedica-Ärztin Ruth Weber bei einer Behandlung im Sudan

humedica-Ärztin Dr. Ruth Weber mit einem Patienten bei der Untersuchung im Sudan. Foto: humedica/Ruth Weber

Das haben viele von uns auch vor diesem Gefängniseinsatz im Sudan schon intensiv erleben dürfen. Die Geschichten von unseren erfahrenen und weitgereisten Teammitgliedern bereichern uns alle. Unser Teamleiter Dr. Johannes Höß erzählt uns von einer Begegnung mit einem jungen Mann in einem Gefängnis, der nichts an Kleidung besessen hat, als sein T-Shirt. Johannes hat ihm alles geschenkt, was er ausziehen und damit entbehren konnte. Das beinhaltete auch seine Unterhose. Diese und andere Geschichten zeigen mir einmal mehr, dass ich hier mit Menschen im Einsatz bin, die Empathie haben und bereit sind, ihre Motivation einzusetzen, um Gutes zu tun. Und, dass wir als Team gut funktionieren und einander das letzte Hemd geben würden – sicherheitshalber habe ich Johannes dann eine frisch gefaltete, neue Einmalunterhose in die Hand gedrückt. Man weiß ja nie, wohin das Leben einen als nächstes führt…

Ich danke Prison Fellowship International Sudan und humedica, trotz oder gerade wegen kleiner Stolpersteine, für die einmalige Möglichkeit der Arbeit am Menschen und für einen menschlich wie medizinisch sinnvollen Einsatz.

Wollen auch Sie mit humedica im Ausland Hilfe leisten? Informieren Sie sich hier über unser humedica-Einsatztraining oder geplante Hilfseinsätze im Ausland. Wir freuen uns von Ihnen zu hören!
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