Projektgeschichten:

„Die Summe unzähliger Einzelschicksale“

Ein Rückblick von Einsatzkraft Dr. Elmar Kreisel

von Dr. Elmar Kreisel/LKO, 21.01.2017

Ein Hilfseinsatz für humedica birgt für unsere ehrenamtlichen Einsatzkräfte auch immer konkrete Einblicke in die Sorgen und Ängste der Menschen, denen sie durch ihre selbstlose Hilfe zur Seite stehen. Der Mülheimer Arzt Dr. Elmar Kreisel hat durch seinen Hilfseinsatz in Griechenland hautnah erlebt, welche Spuren die Flucht vor Gewalt, Krieg und Armut auf Körper und Geist hinterlassen. In seinem persönlichen Rückblick hat er seine Erfahrungen für Sie festgehalten:

„Vor drei Jahren entschloss ich mich Teil von humedica zu werden, um Menschen zu helfen, die ungewollt in Not und Katastrophen geraten sind. Nach einem erfolgreichen Training konnte ich Ende 2016 endlich als ärztliche Urlaubsvertretung in meinen ersten Einsatz in zwei Flüchtlingslager nahe der griechischen Stadt Thessaloniki gehen.

Als operativ tätiger Unfall- und Handchirurg mit Routineerfahrungen in der täglichen Krankenhaus-Notfallambulanz, eigener Handsprechstunde und regelmäßigen Notrufdiensten, deckte ich im Feld medizinisch ein relativ großes Spektrum ab. Allerdings ging es mir bei diesem Einsatz um weit mehr: Mit meiner ganzen Kraft wollte ich insbesondere bei den Flüchtlingskindern Dämme des Mutes gegen die Mauern der Furcht errichten.

„Wir müssen immerfort Deiche des Mutes bauen gegen die Flut der Furcht.“

Martin Luther King

Bereits am zweiten Tag lernte ich das abseits von Thessaloniki gelegene Flüchtlingscamp in Vagiohori kennen, wo humedica etwa 60 nicht registrierte Flüchtlinge medizinisch betreute. Auch mindestens 20 Kinder gab es hier. Alle campierten auf einem eingezäunten und vom Militär überwachten Areal, auf dem etwa 50 trostlose Zelte auf kargem Boden, völlig ungeschützt in Reihen aufgestellt waren. Die Flüchtlinge hatten keinen Strom, keine Heizungen, nicht einmal warmes Wasser. Auch meine ärztlichen Sprechstunden hielt ich in einem unbeheizten Zelt ab.

Ein Leben unter prekären Bedingungen: Das karge Flüchtlingslager Vagiohori. Foto: humedica

Aber gerade diese spartanischen Bedingungen spornten mich an, alles zu geben. So war ich mutig und führte mit unserer mobilen Ambulanz sogar kleinere chirurgische Eingriffe durch. Ich spaltete Abszesse oder entfernte einem ehemaligen Polizeikommissar aus Pakistan einen störenden Hauttumor an der Nase. Das verschaffte mir weiteres Vertrauen bei den Familien. Doch auch einfache Umarmungen, aufmunternde Worte sowie gemeinsames Fußballspielen, brachen das Eis zu den Kindern und ließen die Atmosphäre fröhlicher werden.

Das harmonische Zusammenarbeiten unseres serbisch-kroatisch-mazedonisch-syrisch-deutschen Teams beflügelte zu spontanen Sondereinsätzen: Als es an meinem dritten Abend heftig zu schneien begann, musste ich sofort an die ungeschützte Lage der Flüchtlinge im Camp Vagiohori denken. Ich erklärte meinem Koordinator die drohende Lebensgefahr der Flüchtlinge und kurze Zeit später befand sich unser Team bereits auf dem Weg zum Camp. Die 40-minütige Autofahrt wurde durch dichtes Schneetreiben erschwert.

Schon bei unserer Ankunft sah ich von weitem, einige in Decken gewickelte Flüchtlinge draußen im Schneeregen sitzen. Es war dunkel, etwa 22 Uhr und es gab nur spärliches Licht. Ich rief in eines der dunklen und kalten Zelte hinein. Ein Vater kam heraus und erklärte mir, dass er vom Militär genügend Decken bekommen hatte, um seine fünf Kinder einzuwickeln. Er erklärte, dass die Kinder zwar schliefen, aber ihre Füße trotzdem kalt waren. Wir überzeugten uns so gut es ging, dass keiner ernsthaft unter der Kälte litt.

Dann bekamen wir doch noch einen großen Schrecken, als wir einen Flüchtling aus einem Zelt holten, der sich darin ein offenes Feuer entzündet hatte. Vielleicht retteten wir ihn damit sogar vor einer Verbrennung oder Kohlenmonoxid-Vergiftung. Nach unserer nächtlichen Begutachtung nahmen wir uns für den nächsten Tag vor, diese seit Monaten bekannten Missstände weiter zu beheben. Unser Koordinator gab alles und Steine kamen ins Rollen. Schnell wurden warme Kinderschlafsäcke organisiert und eine zusätzliche warme Mahlzeit ausgeteilt. Zuvor hatte ich ein Schreiben an das Militär verfasst, in dem ich die zusätzliche warme Mahlzeit medizinisch begründete.

Mein zweites Arbeitsfeld war das größere Flüchtlingscamp in Sinatex, das etwa 250 syrisch-kurdische Personen beherbergte. Dicht gedrängt, reihten sich die Zelte dort anfangs noch auf nacktem Fußboden in einer ehemaligen, unbeheizten Fabrikhalle aneinander. Dazwischen ragten schier endlos vollgehängte Wäscheleinen mit viel zerschlissener Kinderwäsche hervor. Ich musste mit den Tränen kämpfen, als ich diese ärmlichen Habseligkeiten zum ersten Mal das morgendliche Halbdunkel durchbrechen sah.

Bei alldem war ich froh, dass ich in diesem Camp den Luxus bekam, meine vielen, insbesondere kleinen Patienten, in einem beheizten Container untersuchen und behandeln zu können. Dabei ging es in meinen täglichen Sprechstunden zu wie in einem Taubenschlag. Es war ständig etwas los und einige Patienten kamen sogar mehrmals am Tag. Schnell stellte sich heraus, dass ein Großteil der festgestellten Erkrankungen an den oberen Atemwegen, am Magen-Darm-Trakt oder am Haut- und Muskelsystem auch psychosomatische Ursachen hatte. Die verängstigten Blicke aus den Augen meiner vielen kleinen Patienten ließen mich ihre erlebten Schrecken von Gewalt und Tod nur vage erahnen. Ich bemühte mich, ihre Herzen mit kleinen Geschenken wie Ballons und Bonbons, mit Scherzen und einem freundliche Lächeln sowie herzlichen Umarmungen und still gesprochen Gebeten aufzufüllen und ihre Schutzdämme wieder neu aufzubauen.

Da die Flüchtlinge in Sinatex registriert waren, konnte ich für härtere Fälle sogar Krankenhauskonsultationen organisieren. Sehr intensiv setzte ich mich beispielsweise für die stationäre Abklärung eines an Gelbsucht erkrankten Neugeborenen ein, das mir sehr ans Herz gewachsen war. Seine Mutter verriet mir stolz, dass es den Namen seines Onkels bekommen sollte, der vor fünf Jahren als 19-jähriger vom IS in Syrien verschleppt wurde. Mit großer Freude erfuhr ich nach meiner Rückkehr in Deutschland, dass das Baby gesund aus dem Krankenhaus entlassen werden konnte.

Unser Team war 24 Stunden am Tag zusammen. Wie in einer Familie aßen wir gemeinsam und verbrachten unsere Freizeit zusammen. Regelmäßig trafen uns abends noch zu Meetings, fertigten Statistiken an und füllten unsere verteilten Bestände an Medikamenten, Windeln, Babynahrung sowie Hygieneartikeln und Kleidung wieder auf.

Kleine Schritte in die richtige Richtung: In Vagiohori wurden alle Zelte mit einem Ofen ausgestattet. Foto: humedica

Kurz vor meinem Abflug nach Deutschland nahm ich wahr, wie einige der zitierten Deiche des Mutes bereits Gestalt annahmen. In Vagiohori begann das Militär, Gräben für elektrische Leitungen zwischen den Zelten auszuheben, es stellte kleine Öfen mit geschlossenen Abzügen in den Zelten auf und nahm sogar Vermessungen für später geplante, feste Unterkünfte vor. Auch im Camp Sinatex waren seit dem Kälteeinbruch plötzlich alle noch außerhalb der Werkshalle frei stehenden Zelte verschwunden und im Inneren der kalten Halle wurden die dünnen Zeltwände schrittweise durch Holz-Ständerwerke ersetzt.

Neben der fruchtbaren Arbeit in einem internationalen Team, hatte ich viel Zeit, mich mit dem Thema Flüchtlingsbewegung auseinander zu setzen. Ich habe praxisnah erfahren, dass hinter dieser Bewegung unzählige Einzelschicksäle stehen. Ich habe gelernt, dass jeder noch so kleine Einsatz aus Nächstenliebe, ein enormer Schritt für ein Leben in Freiheit bedeuten und auch einer Gesamtbewegung neue Impulse geben kann. Es braucht zwar Mut, um diese Schritte gehen zu können, doch das ist es wert. Schließlich hat jeder Mensch das Recht auf ein Leben in Freiheit und ohne Furcht.“

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