Interview:

Interview: „Dürren und Starkniederschläge werden zunehmen"

Im Gespräch mit Klimaforscher Prof. Mojib Latif

von LKO, 25.02.2016

Prof. Dr. Mojib Latif ist Klimaforscher und leitet am Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel den Bereich Ozeanzirkulation und Klimadynamik. Wir haben mit dem Klimaexperten über das aktuell auftretende Klimaphänomen El Niño gesprochen.

Prof. Latif, in einem Interview im Juli vergangenen Jahres haben Sie auf die Frage, ob der aktuelle El Niño der stärkste überhaupt wird, geantwortet, dass dabei der Zufall eine große Rolle spiele. Wie würden Sie diese Frage heute beantworten? Lässt sich inzwischen etwas über die Stärke dieses El Niños sagen?

Ja, der aktuelle El Niño ist bereits jetzt unter den Top drei aller je gemessenen. Ich würde sogar einen Schritt weitergehen und sagen, dass er sich unter den Top zwei befindet. Es ist ein ganz enges Rennen mit dem von 1997/98. Aber noch ist er ja nicht zu Ende und die Stärke eines El Niños wird immer anhand eines Drei-Monats-Wertes bestimmt. Wir werden sehen wie sich der Februar weiterentwickelt.

El Niño betraf in der Vergangenheit besonders den pazifischen Raum. Wie hängt die aktuelle Dürre in Ostafrika mit dem Phänomen zusammen?

Ob und wie die aktuellen Entwicklungen in Ostafrika mit El Niño zusammenhängen, ist regional sehr unterschiedlich. Während in Äquatorialafrika mehr Regen fällt, leiden die Regionen weiter nördlich, also zum Beispiel der Norden Äthiopiens, unter einer Dürre. Der Zufall spielt eine große Rolle, welche Regionen wie betroffen sind. Doch ich gehe schon davon aus, dass Teile Äthiopiens aktuell von El Niño betroffen sind.

Und wie steht es um Simbabwe? Dort leiden die Menschen momentan ja auch unter einer Dürre.

Bei der aktuellen Trockenheit in Simbabwe handelt es sich ganz eindeutig um eine Auswirkung von El Niño. In diesem Jahr ist die Dürre außergewöhnlich stark ausgeprägt, und circa ein Viertel der Bevölkerung ist betroffen.

Lässt sich zu diesem Zeitpunkt bereits eine Abschwächung des Phänomens erkennen oder müssen wir auch in den kommenden Monaten noch mit starken Regenfällen und Dürren rechnen?

Eine ganz leichte Abschwächung von El Niño ist zwar bereits zu erkennen, aber eigentlich ist er noch immer voll da, weshalb man auch in den nächsten Monaten noch mit seinen Auswirkungen rechnen muss. Ende des Frühjahrs wird er voraussichtlich vorbei sein.

Gibt es denn einen nachweisbaren Zusammenhang zwischen El Niño und dem Klimawandel?

Die Antwort auf diese Frage ist schwierig, da die einzelnen wissenschaftlichen Untersuchungsmodelle ganz unterschiedliche Ergebnisse liefern. Wir bei Geomar gehen davon aus, dass ein Zusammenhang existiert und El Niños durch die Erderwärmung stärker werden, obwohl andere Modelle diese These nicht stützen.

Tatsache ist allerdings, dass die drei stärksten El Niños seit Beginn der Messungen im Jahr 1870 in den letzten Jahrzehnten gemessen wurden, nämlich 1982/83, 1997/98 und jetzt eben dieser in 2015/16. Dass diese drei Rekorde so kurze Zeit zurückliegen, ist schon etwas auffällig. Allerdings reicht das nicht, um einen klaren Zusammenhang mit dem Klimawandel zu prognostizieren.

Existieren Anzeichen wie sich das Phänomen in Zukunft entwickeln wird? Welchen Einfluss wird El Niño in den kommenden Jahrzehnten auf unser Weltwetter haben?

Meine persönliche Einschätzung ist, dass auf jeden Fall die Auswirkungen von El Niño in der Zukunft stärker werden. Soll heißen, Dürren und Starkniederschläge werden zunehmen.

Müssen wir uns auch in Deutschland auf klimatische Veränderungen durch El Niño einstellen?

Eher weniger. Deutschland ist kaum betroffen, weil wir einfach zu weit weg sind. Betroffen sind insbesondere die Anrainerstaaten, also Nord- und Südamerika, Südostasien und natürlich Australien. Und da sich in Folge des El Niños auch der Indische Ozean erwärmt, ist auch Afrika betroffen. Europa betrifft das alles aber weniger.

Was bedeuten diese Veränderungen für die internationale humanitäre Hilfe, insbesondere die Not- und Katastrophenhilfe?

Nun, für die Not- und Katastrophenhilfe wird es wohl immer mehr zu tun geben. Allerdings muss man dabei auch immer die politische Situation bedenken. In Ländern mit instabilen politischen Verhältnissen ist es natürlich schwieriger Hilfe zu leisten, als in Ländern mit stabilen gesellschaftlichen Verhältnissen. Diesen Zusammenhang und die Frage, ob die Hilfe ankommt oder nicht muss man natürlich immer bedenken.

Eigentlich müsste man bereits jetzt versuchen, die Strukturen so zu gestalten, dass man bei der nächsten Katastrophe gut vorbereitet ist und umgehend effektive Hilfe leisten kann.

Vielen Dank für das Gespräch und Ihre freundliche Unterstützung.

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