Interview: Syrien

Interview: „Die Menschen haben genug vom Krieg“

humedica-Einsatzkraft Professor Stiegler im Gespräch

von LKO, 07.09.2016

Die gewalttätigen Konflikte in Syrien befinden sich nunmehr in ihrem fünften Jahr. Doch trotz hunderttausender Todesopfer und beinahe 12 Millionen Flüchtlingen, ist zum jetzigen Zeitpunkt weder ein Ende der Kampfhandlungen, noch eine Entspannung der Lage in Sicht.

Um sich ein sachliches Bild von der Situation vor Ort zu machen und mögliche Hilfsmaßnahmen für die Einwohner des Bürgerkriegslandes zu sondieren, reiste die langjährige humedica-Einsatzkraft Prof. Heinrich Stiegler gemeinsam mit humedica-Geschäftsführer Wolfgang Groß im August in die syrische Hauptstadt Damaskus. Im Interview spricht er über die aktuelle Lage im Land und erklärt, wie Hilfe in einem Bürgerkriegsland funktionieren kann.

Trotz der Lage in einem Bürgerkriegsland, wird die syrische Hauptstadt Damaskus immer wieder als vergleichsweise ruhiger Ort beschrieben. Können Sie diesen Eindruck nach Ihrer Reise bestätigen?

Ja und nein. Es ist ein asymmetrischer Krieg in Damaskus. Es gibt keine typischen Fronten, wie durch Zerstörung an den Hauptkampflinien, sondern es existiert ein willkürlicher Raketenbeschuss. Irgendwo in Damaskus schlagen also Raketen ein, wo es aufgrund der begrenzten Größe der Geschosse zwar zu Zerstörungen und damit auch mitunter tödlichen Verletzungen kommt, das Leben danach aber sofort weiter geht. Die Menschen räumen auf, sitzen draußen und rauchen weiter ihre Pfeifen. Es herrscht eine unglaubliche Gelassenheit. Die Situation in Damaskus ist mit den schrecklichen Bildern aus Aleppo nicht zu vergleichen.

Auch bei der großem Maria-Himmelfahrt-Feier, die am 15. August genau während unseres Besuchs stattfand, hatte ich nicht den Eindruck, dass Angst die Fröhlichkeit der Menschen beeinträchtigte. Wir haben uns sicher gefühlt und haben uns auch nicht von einem Stadtbummel abhalten lassen, bei dem wir überall freundlich gegrüßt wurden. Touristen begegneten uns dabei nicht. Nicht nur wegen der Raketen liegt Damaskus in einem Kriegsgebiet und ein guter Draht zu einem Schutzengel schadet mit Sicherheit nicht.

Was sind die größten Sorgen der Syrer, denen Sie während Ihrer Reise begegnet sind?

Ich kann natürlich nur für die Menschen in Damaskus und nicht für jene in den Kampfgebieten sprechen, doch es scheint, als würden sich viele Syrer wünschen, dass die Einmischung von außen endlich aufhört und natürlich, dass die Waffen endlich schweigen. Alle Menschen, die wir kennengelernt haben, erklärten uns, dass es für sie vor dem Krieg lebenswert war und jetzt alles immer schwieriger wird. Typisch für eine derartige Situation ist der geringe Verkehr zwischen Beirut und Damaskus - ein untrügliches Zeichen für die schwierige Wirtschaftslage. Auch ihr sinkendes Einkommen macht den Menschen zu schaffen. So verdient ein Ingenieur statt 800 Euro inzwischen nur noch 100 Euro im Monat.

Menschen denken perspektivisch, doch in einem Krieg ist eine Perspektive nun mal schwer zu erkennen. Wenn man in die Gesichter der Soldaten an den Militärkontrollen schaut, meint man zu erkennen, dass sie von all dem genug haben. Viele von ihnen waren bestimmt auch an der „richtigen“ Front und sind nun traumatisiert.

Plant humedica neue Hilfsmaßnahmen in Syrien?

Zunächst werden nach wie vor die Menschen unterstützt, die in den Libanon geflüchtet sind. Besonders Kinder müssen versorgt werden, um zu vermeiden, dass eine verlorene Generation entsteht. Diese Generation soll ja schließlich das Land wieder aufbauen, was nicht funktionieren kann, wenn sich jetzt niemand um die Kinder kümmert. Die Hilfe im Libanon ist vor diesem Hintergrund wirklich ein Segen für die Flüchtlinge.

Doch humedica hilft auch in Syrien direkt. Im Rahmen unserer Reise konnten wir ein neu gebautes Krankenhaus besichtigen, das humedica nun mit allem Nötigen ausstatten möchte, damit kranke und verletzte Christen und Moslems bestmöglich versorgt werden können. Natürlich können die Hilfsmaßnahmen in Syrien „nur“ symptomatischer Natur sein. Die zentrale Lösung der Probleme muss über den politischen Weg kommen.

Stichwort symptomatisch. Wie kann Hilfe Ihrer Meinung nach grundsätzlich in einem Bürgerkriegsland funktionieren?

Wohl sehr unterschiedlich. In Aleppo, wo Straßenkampf herrscht, kann nur ein durch die Politik veranlasster Waffenstillstand zum Schutz der Zivilbevölkerung helfen. Es gilt, Auffanglager in befriedeten Zonen zu schaffen, wo eine Infrastruktur samt Schule und medizinischen Einrichtungen aufgebaut werden kann. Was im Libanon möglich ist, sollte durch den Willen wichtiger Staaten auch in Syrien möglich sein.

Und wenn die Waffen dann definitiv schweigen, können Hilfsorganisationen wie humedica aktiv werden und sich im Bereich des Wiederaufbaus oder der medizinischen Versorgung engagieren. In meinen Augen ist es aber auch eine Hilfe, potentiellen Flüchtlingen klarzumachen, dass eine Flucht zahlreiche andere Probleme mit sich bringt.

Was unterscheidet die Hilfe in Syrien von Hilfseinsätzen in anderen Ländern, wie etwa Benin, wo Sie bereits seit Jahren Hilfe erfolgreich realisieren?

Benin und Syrien sind nicht vergleichbar. Man kann die Unterschiede auch nur andeuten. In Benin ist Frieden, wenngleich auch dort mit vielen Boko Haram-Sympathisanten ein gewisses Potenzial zum Unfrieden besteht. Die Infrastruktur in Syrien ist zumindest in Damaskus besser und bei Waffenstillstand wäre eine Weiterentwicklung in Syrien von einer deutlich günstigeren Ausgangslage möglich. Dennoch, die Unterschiede sind derart massiv, es sind zwei so völlig verschiedene Welten, dass man darüber ein Buch schreiben könnte.

Was können die Deutschen demnach tun, um den Menschen in Syrien zu helfen?

Natürlich sind Spenden, die direkt zur Verbesserung der Situation der Betroffenen eingebracht werden, eine sinnvolle Art der Hilfe. Diese unterstützen dann unter anderem auch Menschen die sich persönlich im Land engagieren. Wie etwa Patriarch Gregorius III., den wir im Rahmen unserer Reise besuchten und der sich mit all seiner Kraft für Notleidende einsetzt und viel Positives bewirken kann. Es war eine intensive Zeit in Syrien, doch es ist wichtig, auf Betroffene zuzugehen. Wer Bedenken hat, der kann ja immer noch finanziell helfen.

Vielen Dank für diese Einblicke und alles Gute für Sie!

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Anmerkung: Die im Rahmen des Interviews getätigten Aussagen spiegeln die subjektive Meinung von humedica-Einsatzkraft Prof. Dr. Heinrich Stiegler wider und stehen nicht zwangsläufig für die Ansichten der Hilfsorganisation humedica.

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