Interview:

Interview: „Das wühlt etwas auf, das einen manchmal nicht schlafen lässt“

Im Gespräch mit humedica-Koordinator Ole Hengelbrock

von LKO, 16.02.2016

Als Koordinator für Hilfseinsätze mit ganz unterschiedlichem Charakter, erhielt humedica-Einsatzkraft Ole Hengelbrock verschiedene Einblicke in den Ablauf und die Resonanz humanitärer Arbeit. Zuletzt ging es für ihn nach Serbien, wo er für humedica die Hilfe für Flüchtlinge entlang der Balkanroute organisierte.

Nach seiner Rückkehr haben wir mit ihm über seine Sicht auf die aktuelle Flüchtlingsdiskussion gesprochen und uns erklären lassen, was die Arbeit für Menschen in Not mit einem macht.

Lieber Ole, du warst in den vergangenen Jahren Koordinator mehrerer humanitärer Hilfseinsätze, wo du direkt mit Menschen in Notsituationen konfrontiert warst. Inwiefern haben dich diese Einsätze geprägt?

In den vergangenen Jahren durfte ich einige Plätze dieser Erde sehen und bin vielen Menschen begegnet, die mich an ihrer persönlichen Lebenswelt teilhaben ließen. Leider waren es oft keine Reisen als Besucher, sondern Hilfseinsätze aufgrund einer Notlage. Da waren Menschen mit Behinderungen in Moldawien und Rumänien, Kriegsvertriebene Syrer und aufnehmende Nachbarn im Libanon, Straßenkinder und von Ebola betroffene Menschen in Sierra Leone, vom Krieg heimgesuchte Menschen in der Ost-Ukraine, sowie Vertriebene und Asyl-Suchende auf der West-Balkanroute im serbisch-mazedonischen Grenzgebiet.

Die Gegenwart in solchen Situationen wühlt etwas auf, das einen manchmal nicht schlafen lässt. Vor allem das Nachhause kommen nach Deutschland kann ein Kulturschock sein. Einige Sachen, wie etwa der Überfluss an Waren oder die schnelle Missstimmung bei Kleinigkeiten sind in Anbetracht der Situation von anderen Menschen in der Welt schwer verständlich. Somit wird das bisherige Leben und folglich die Identifikation sehr kritisch hinterfragt. Man beginnt sozusagen neu zu denken.

Im Grunde haben mich diese Begegnungen und Erfahrungen reifer sowie reicher gemacht. In den Einsätzen durfte ich Demut lernen, die ich als ein warmes Gefühl der Wertschätzung empfinde. Ich fühle mich beschenkt, im Leben angekommen und kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal schlechte Laune hatte. Dafür bin ich den Menschen sehr dankbar und ich wünsche mir die Regionen eines Tages als einfacher Besucher zu bereisen, wenn es dort keinen Bedarf mehr an Hilfseinsätzen gibt.

Stichwort Balkanroute. Die meisten Teams berichten nach ihrer Rückkehr von einem, im Vergleich zu den anderen, sehr anstrengenden Einsatz. Wie hast du die Hilfe in Serbien wahrgenommen

Mit humedica war ich im vergangenen Herbst in Serbien. Der Einsatz war sehr kurzfristig. Die Situation vor Ort verändert sich ständig, was die Planung erschwert. Da merkte man bereits, dass der Stresspegel oben bleiben muss, um für tägliche Herausforderungen gewappnet zu sein. Auch die Tatsache, dass die Mediziner vornehmlich nachts arbeiten, trotzdem aber Aufgaben am Tag erledigt werden müssen, zerrt an den Kräften.

Allerdings bestärkt es ungemein Menschen zu begegnen, in denen kein Hass, sondern Liebe zu den Menschen überwiegt. Wenn man sieht, wie sich manche Menschen einbringen und trotz schlafloser Nächte warmherzig bleiben, dann möchte man da einfach mitwirken. Ich empfand das Arbeiten am Ort nicht als Last, sondern als Möglichkeit. Ich war froh in einer Position zu sein, in der man die Situation mitgestalten kann. Das war in anderen Hilfseinsätzen ähnlich. Am Ende zählt und bleibt die Tat. Und wenn man doch mal erschöpft ist, gibt es ja noch Haferflocken (lacht).

Ich denke anstrengend war nicht die eigentliche Arbeit, sondern die Situation an sich. Der Kopf und das Herz bewegen sich viel, wenn man durchgefrorene Menschen sieht, die sich kaum noch auf den Beinen halten können und vieles zurücklassen mussten, um die Gefahren des Weges auf sich zu nehmen. Man versucht sich die Situation rational vorzustellen. Was mag es bedeuten sein vorigeres Leben, die Familie, das Haus, die Arbeit, durch einen Krieg, der sich sukzessiv verselbstständigt und auf alle Lebensbereiche ausdehnt, zu verlieren? Was mag es bedeuten nach Hilfe zu fragen und in manchen Ländern nicht willkommen zu sein?

Manche Sachen sind nicht zu begreifen. Die Folgen und Auswirkungen von Krieg können nicht rationalisiert werden, da es ein unmenschlicher Akt ist. Die Flucht vor Krieg bleibt außerhalb unserer Vorstellungskraft und folglich unverständlich. Wir haben es selbst nicht erleben müssen und können es mit bloßem Verstand nicht erfassen, trotzdem sehen wir andere Menschen in dieser Situation. Diese Ambivalenz ist das anstrengende. Der Kopf und das Herz finden beim Thema Krieg keine Rast.

Du hast das Thema Flüchtlingsdiskussion angedeutet und sagst, dass manche Dinge nicht zu begreifen sind. Wie schätzt Du nach dem Einsatz in Serbien die aktuelle Debatte rund um die Flüchtlingskrise ein?

Vorweg, ein Projekt zu solch einem hoch brisanten politischen Thema ist keine Selbstverständlichkeit. Jede Organisation die hier ein Mandat wahrnimmt, unterstreicht humanitäre Prinzipien und bezeugt Authentizität. Das bezieht sich auf Organisationen die sich auch in anderen politisch-potenzierten Konflikten und weiterhin in sogenannten „vergessenen Krisen“ engagieren.

Bezüglich der aktuellen Diskussion, ich denke jeder Kritikpunkt an der Flüchtlingspolitik ist erlaubt. Nach Disput sehnt sich doch eine gesunde Demokratie. Aus dem Ringen der Gesellschaft um Themen entwickelt die Politik doch den Faden, der uns leiten soll. Unterschiedliche Perspektiven sind erforderlich und notwendig, um komplexe Themen beleuchten, verstehen und bewältigen zu können. Genau daraus resultiert und festigt sich doch unsere gesellschaftliche Mitte. Durch das gesellschaftliche und politische Miteinander können extreme Gruppierungen als Randerscheinung bewältigt werden. Nicht deren Stärke sondern unsere Passivität lässt eine Gesellschaft auf die falsche Bahn driften.

Primo Levi hat hier passend gesagt: „Es gibt Ungeheuer, aber sie sind zu wenig, als dass sie wirklich gefährlich werden könnten. Wer gefährlich ist, das sind die normalen Menschen… die bereit sind alles zu glauben ohne es zu hinterfragen.“ Wenn wir die aktuelle Diskussion nicht aushalten können, sollten wir uns hinterfragen, inwieweit der Charakter dieses Staates und eines jeden Bürgers gefestigt ist.

Nur eines kann ich nicht verstehen und darf es als selbstständig denkender Mensch auch nicht akzeptieren: Wenn Kommentare statt konstruktiv am Lösungsprozess mitzuwirken, publizistisch und polarisierend motiviert sind und nur auf eine Verallgemeinerung des Themas abzielen. Dabei ist es auch nichts weiter als eine Reduktion der Komplexität, wenn wir über die Flüchtlinge und die Krise reden. Diese Vereinfachung des Alltagsgeschehens nehmen wir Menschen gerne auf. Das Leben ist schon kompliziert genug.

So fließt ein Großteil von uns still und passiv im Fluss der Meinungsmache mit. Diese stumme Selbstzufriedenheit in meinem Heimatland erschreckt mich fast mehr als die schrecklichen Bilder, die ich mitunter in Hilfseinsätzen gesehen habe. Es geht doch um Menschen, also geht das Thema jeden an! Ich fordere uns zur Besinnung und zur Tat auf; da fällt der Blick besonders auf meine und die jungen Generationen.

Uns wurden so viele Geschenke und Zugeständnisse in die Wiege gelegt. Wir leben im Frieden und Wohlstand. Es ist an der Zeit den Fliehenden mit Brot entgegen zu kommen, denn sie sind vor den Schwertern geflohen (Jesaja 21, 14-15).

Klare Worte – Wenn man die Situation nun noch von der anderen Seite betrachtet. Wie hast du bei deinen Einsätzen den Blick auf Deutschland erlebt?

Nach meiner Erfahrung genießt Deutschland große Sympathien in der Welt. In welchem Land ich auch war, die Menschen waren froh, einen Gast aus Deutschland zu Besuch zu haben. Ich wurde lächelnd willkommen geheißen in großen Städten und zu Tisch geladen in abgelegenen Dörfern. Stets war das Bild von Deutschland ein Positives. Ich glaube diese Beliebtheit bei den Menschen ist die größte Errungenschaft der Bundesrepublik und gleichzeitig die größte Versicherung unseres Wohlstandes.

Diesen Satz sage ich mit Nachdruck, da sich viele Bundesbürger besorgt fühlen um den Wohlstand. Uns wird es nicht besser gehen, wenn wir uns einschließen. Die Aufgabe muss sein, das positive Bild von Deutschland in der Welt zu wahren und zu fördern. Das geht nur mit Charakter, Offenheit und Menschlichkeit.

Vielen Dank für diese Einblicke, Ole und alles Gute für Dich.

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