Projektgeschichten:

Ein Rückblick von humedica-Einsatzkraft Gerhard Gradl

von Gerhard Gradl, 22.04.2016

Als sich die Situation der wartenden Flüchtlinge im griechischen Grenzort Idomeni verschärfte und plötzlich tausende Menschen in unorganisierten Lagern auf Hilfe angewiesen waren, reagierte humedica sofort und entsandte medizinische Einsatzteams an die Grenze. Unter ihnen war auch der Nürnberger Allgemeinarzt Dr. Gerhard Gradl.

„Die Humanität gebietet es, zu helfen“

„Ich hätte nie gedacht, dass ich die Erfahrungen aus meinen vergangenen Hilfseinsätzen in Asien und Afrika irgendwann einmal auf europäischem Boden anwenden müsste, doch die Lage in Idomeni erforderte es.

Nach meiner Ankunft an der griechischen Grenze lief ich erst einmal durch das Areal, um mir einen Überblick zu verschaffen: Zwischen den Bahngleisen, auf den Bahnsteigen und jedem denkbar freien Fleck stehen Zelte, dazwischen lodern stark rauchende Feuer, auf denen Wasser gekocht und manchmal sogar Essen zubereitet wird. Es sind hunderte kleine Campingzelte, die gelegentlich durch Decken oder Folien erweitert wurden.

In einigen Bereichen sah man auch die von anderen Hilfsorganisationen aufgestellten Großzelte mit Betten und angeschlossenen Sanitäranlagen. Diese reichen jedoch bei weitem nicht für die wartenden Menschenmassen und so erkennt man, soweit das Auge reicht, jede Menge Unrat und Verschmutzung. In der Mitte des Lagers führt ein durch Draht abgeschirmter Gang zur Essensausgabe. Das Bild, wenn die Menschen dicht gedrängt in diesem Käfiggang auf ihr Essen warten, ist stark gewöhnungsbedürftig.

Die folgenden Arbeitstage gestalteten sich immer ähnlich. Jeden Morgen passierte unser Team die griechisch-mazedonische Grenze zum Lager. In der direkten Umgebung des Lagers ließ sich keine Unterkunft mehr finden. Entweder sind die Preise massiv überteuert oder aber die Bereitschaft zur Vermietung fehlt und so kommen die humedica-Einsatzteams in Mazedonien unter. Am Bahnhof bauten wir dann unsere mobile Klinik, einen Sprinter mit angeschlossenem Vorzelt, auf.

Je ein Arzt kümmert sich gemeinsam mit einem Übersetzer um einen Patienten. Auf diese Weise versuchten wir eine, unter den gegebenen Umständen bestmögliche Diagnostik und Therapie durchzuführen. Natürlich stießen wir dabei immer wieder an Grenzen: So lehnte etwa der Großteil aller Patienten, denen wir eine Krankenhausbehandlung empfahlen, ab. Zu groß war ihre Angst, nicht nach Idomeni zurückkommen und damit irgendwann weiter in Richtung Westeuropa reisen zu können, oft fehlte aber auch einfach das Geld.

Während unserer Behandlungen sahen wir die üblichen grippalen Infekte, Atemwegserkrankungen und chronischen Krankheiten. Allerdings wurden wir auch mit akuten Erschöpfungszuständen, Kriegsverletzungen oder Verbrennungen konfrontiert. Vom wenige Tage alten Säugling bis zum 85-jährigen Opa begegneten uns alle Altersklassen. Die heißen Temperaturen von bis zu 33 Grad sowie die Helikopter, die stundenlang über das Lager kreisten, trugen nicht unbedingt zu einer ruhigen Atmosphäre bei. Hinzu kam die Tatsache, dass nicht klar war, ob und wann das Lager geräumt werden soll.

Ein paar wenige Worte Arabisch reichten aus, um trotz gegensätzlicher Kulturen und ohne Übersetzer eine Beziehung zu unseren Patienten herzustellen, was die meisten mit einem Lächeln und einem Kopfnicken dankbar annahmen. Viele Flüchtlinge waren froh, mit ihren Beschwerden endlich auf offene Ohren zu stoßen. Sie merkten, dass sich unser ganzes Team bemühte, so gut wie unter diesen Umständen eben möglich, zu helfen und niemand einfach abgespeist werden sollte.

Sicher kann man im Rahmen eines Katastropheneinsatzes nur begrenzt helfen, wenn zum Beispiel ein ganz bestimmtes Medikament benötigt wird, das wir nicht vorrätig hatten oder nach Operationen gefragt wurde, die wir in unser mobilen Klinik einfach nicht durchführen konnten. Trotzdem können die humedica-Teams seit Wochen offene Wunden verbinden und bis dato nur notdürftig versorgte Verletzungen behandeln.

Wir können Menschen, die unzählige Bombenangriffe überlebt haben, ein kleines bisschen neue Hoffnung schenken. Wir können einem jungen Mann die Hand schienen, die er sich bei dem Versuch, die griechisch-mazedonische Grenze zu überqueren, gebrochen hat. Und wir können zumindest versuchen, dem Mann, dem Bombensplitter Darm und Blase zerfetzt haben, irgendwie eine Notoperation zu organisieren.

Und obwohl die Helfer in Idomeni alles geben, um die Lage der Menschen zu verbessern, zeichnet sich keine Lösung ab. In den nächsten Wochen werden die Temperaturen weiter steigen, die sanitäre Situation wird sich durch Durchfallerkrankungen oder vielleicht sogar Epidemien zuspitzen und viele der wartenden Flüchtlinge werden immer nervöser werden.

Natürlich war mein einwöchiger Einsatz nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Doch die Humanität gebietet es mir und die Dankbarkeit der Menschen, denen wir durch unsere Arbeit helfen konnten, zeigt, dass es Sinn macht!"

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