Interview:

Rettung in letzter Sekunde

Wie gehe ich vor, wenn plötzlich das Leben einer jungen Mutter und das ihres ungeborenen Babys in meinen Händen liegen? Und was, wenn mir diese Herausforderung nicht in geordneten deutschen Verhältnissen begegnet, sondern in einem Land, das von Armut und Katastrophen gebeutelt, nur über eine schlechte Infrastruktur und eine mangelhafte medizinische Versorgung verfügt?

Mit diesen Fragen sah sich unsere Koordinatorin Anaïs in Haiti konfrontiert, als in der von humedica unterstützten Gesundheitsstation im kleinen Ort Baradères plötzlich eine schwangere Frau mit starken Schwangerschaftskrämpfen erschien und um Hilfe bat. Die Möglichkeiten der Gesundheitsstation, die sich schwerpunktmäßig um die medizinische Basisversorgung und Vorsorge der ansässigen Bevölkerung kümmert, reichten in diesem besonderen Notfall nicht aus, so dass ein schneller Transport in ein größeres Krankenhaus unvermeidlich erschien.

Was dann passierte und welch überraschendes Ende dieser Notfall für unsere Koordinatorin in petto hatte, verrät uns Anaïs in einem kurzen Interview:

Wie hast Du reagiert, als klar wurde, dass die Patientin schnelle Hilfe benötigt?

Die im achten Monat schwangere Frau, mit ihren 16 Jahren eigentlich noch ein Mädchen, kam bereits mit hohem Fieber und Krämpfen in unsere Gesundheitsstation. Nach einer kurzen Rücksprache mit der humedica-Zentrale in Deutschland, habe ich gemeinsam mit der Mutter der Schwangeren entschieden, sie in das Krankenhaus der Stadt Miragoâne zu bringen, um ihr dort die passende Versorgung zu ermöglichen.

Wie verlief der Transport in das Krankenhaus?

Es war ein abenteuerlicher Weg. Durch Hurrikan „Matthew“ im Oktober ist die Infrastruktur ja noch immer beeinträchtigt und es dauert, um von A nach B zu kommen. Wir mussten also zuerst ein Boot nehmen und trugen das Mädchen dann in ein Auto, wo sie den gesamten Weg bis zum Krankenhaus auf den Knien von ihrer Mutter und mir lag. Weil sie weiterhin krampfte, musste sie die ganze Zeit auf ein Stück Holz beißen, damit sie ihre eigene Zunge nicht verschluckte.

Wie hast Du dich dabei gefühlt?

Ich habe mir natürlich Sorgen gemacht, ob wir das Krankenhaus sicher erreichen und ich überlegte immer wieder, was ich tun würde, wenn wir in eine Situation kommen, für die ich nicht ausgebildet oder erfahren genug gewesen wäre. Besonders während der Bootsfahrt war ich sehr nervös. Aber zum Glück begleitete uns eine Krankenschwester aus unserer Gesundheitsstation. Das gab uns allen etwas Sicherheit und schließlich erreichten wir das Krankenhaus gerade noch rechtzeitig, wo unsere Patientin behandelt wurde und ihr Baby gesund zur Welt bringen konnte.

Dank des schnellen Einsatzes von humedica-Kooordinatorin Anaïs konnte Baby Pascal gesund zur Welt kommen. Foto: humedica

Und dann passierte noch etwas Besonderes…

Ja, genau. Die Mutter wünschte sich, dass ich den Namen ihres Babys wählte, da ich ihr geholfen hatte. Das ist hier in Haiti ein Brauch, wie man ihn auch aus Afrika kennt. Ich habe mich riesig über diese Ehre gefreut und mich für Pascal, den Namen meines Vaters, entschieden.

Ein tolles Ende. Wie geht es der Mutter und ihrem Baby heute?

Beide sind gesund und wohlauf. Sie konnten das Krankenhaus nach ein paar Tagen wieder verlassen und besuchen jetzt noch für einige Zeit ihre Familie in Carrefour. Es ist also alles gut gegangen.

Vielen Dank für das Gespräch und deinen Einsatz Anaïs!

humedica-Koordinatorin Anaïs und die junge Mutter nach der Geburt. Foto: humedica

Hinweis: Diese Einzelfallhilfe konnte im Rahmen der Nothilfemaßnahmen nach Hurrikan „Matthew“ umgesetzt werden, die humedica dank Unterstützung des Auswärtigen Amts seit Oktober in Südwesten Haitis leistet. Neben der medizinischen Basisversorgung und einem Ernährungsprogramm für rund 200 ältere Menschen und 80 Kinder, konnte humedica außerdem rund 5.000 Hygienepakete an Bedürftige verteilen und dadurch die Gefahr vor Epidemien wie einem Choleraausbruch maßgeblich reduzieren.

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