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Nothilfe nach dem Erdbeben in Ecuador

Als am 16. April 2016 ein Erdbeben der Stärke 7,8 große Zerstörung im Westen Ecuadors verursachte, reagierte humedica sofort und entsandte ein medizinisches Einsatzteam in das südamerikanische Land. Nachdem Koordinatorin Martina Zelt im Einsatzblog über die Tage nach dem Erdbeben berichtete, gibt nun Koordinatorin Katharina Baasner einen Einblick in die anstehenden Aufgaben und Herausforderungen in Ecuador.

Katharina Baasner: „Jemand, der da ist“

Tag 20 in Ecuador

Wie die Zeit vergeht! Wenn man täglich gefordert ist und vielen Menschen helfen kann, scheint es, als ob Stunden und Tage geradezu verfliegen würden. Gefühlt hat mein Einsatz mit humedica gerade erst begonnen, doch heute sitze ich schon wieder am Flughafen von Guayaquil und warte auf meinen Rückflug nach Deutschland. Drei Wochen intensive medizinische Unterstützung durch unsere mutigen Ärzte und Krankenschwestern, in denen wir Hunderte von Patienten behandeln konnten, gehen nun zu Ende. Viele prägende und bewegende Momente lagen in dieser Zeit.

Auch in der vergangenen Woche haben wir unsere mobile Klinik wieder täglich an einem anderen Standort rund um Portoviejo aufgebaut, um den Menschen in den ländlichen Regionen medizinische Hilfe zukommen zu lassen. Ich erinnere mich an ein kleines Mädchen, dem wir den Fuß bandagierten und ihr zu einer weiterführenden Untersuchung im Krankenhaus rieten. Seit dem Erdbeben hatte sie starke Schmerzen und konnte ihren Fuß kaum bewegen.

Auch eine ältere Dame schilderte uns ihren Kummer: Ihr Haus ist während des Bebens eingestürzt, dabei hat sie ihren Mann verloren. Andere erzählten uns von ihrer Angst vor erneuten Erdstößen und von ihrem tiefsitzenden Schock des Erlebten. Solche Schilderungen begegneten uns immer wieder.

Die meisten physischen Verletzungen durch das Erdbeben konnten inzwischen behandelt werden, doch die Menschen sind trotzdem sehr dankbar, dass jemand da ist, der nach ihnen schaut und sich für ihre Situation interessiert.

Während ich mich nun auf meinen langen Rückflug vorbereite, denke ich an unseren ersten Tag zurück, als wir beim Mittagessen zufällig den Präsidenten von Ecuador getroffen haben und er sich persönlich bei uns bedankte. Er dankte uns für die medizinische Hilfe, aber auch für die Anteilnahme mit seinen Landsleuten, die wir durch unser Dasein bekunden.

In den vergangenen Tagen und Wochen durften wir ein zwar teilweise zerstörtes, jedoch noch immer wunderschönes Land mit wunderbaren Menschen kennenlernen. Und als uns die Fluggesellschaft eben noch sämtliche Extrakosten für unser Gepäck erlassen hat, bestätigte sich mir einmal mehr: Gutes tun ist schön! Ich bin mir sicher: Wenn viele einen kleinen Teil zur Hilfe für Menschen in Not beitragen, kommt am Ende immer etwas Großartiges dabei heraus!

Hunderte Betroffene des Erdbebens konnten durch die ehrenamtlichen Einsatzkräfte von humedica behandelt werden. Foto: humedica

Katharina Baasner: Kleine Schritte in Richtung Alltag

Tag 16 in Ecuador

Vor einer Woche habe ich gemeinsam mit den Ärztinnen Sandra Vockrodt und Janina Kosan, unsere Kollegen des Ersteinsatzteams in Ecuador abgelöst und ihre Arbeit im Erdbebengebiet übernommen. Die Folgen des Bebens offenbaren sich in den zugänglichen Straßen inzwischen eher an kleinen Dingen. Die großen Schuttberge sind bereits beseitigt, die Straßen wieder gereinigt. Erst bei genauerem Hinsehen registrieren wir die großen Risse, die sich durch die Häuserfassaden ziehen oder entdecken fehlende Wände, die den Blick auf das Innere von Wohn- oder Geschäftsräumen freigeben.

Viele Gebäude stehen zwar noch, müssen aber aufgrund von Schäden in tragenden Wänden in nächster Zeit abgerissen und neu aufgebaut werden. Die Innenstadt der Provinzhauptstadt Portoviejo, in der wir aktuell arbeiten, ist noch immer komplett gesperrt. Das gesamte Geschäftsviertel ist akut einsturzgefährdet oder liegt bereits in Trümmern.

Obwohl der Notstand inzwischen aufgehoben werden konnte, sind die betroffenen Menschen weiterhin dringend auf Hilfe und Unterstützung angewiesen.

Bei unseren Fahrten in die umliegenden Dörfer von Portoviejo warten täglich bis zu 130 Patienten auf uns, die wir zu dritt versorgen müssen. Wir behandeln alle, vom wenige Wochen alten Säugling mit Hautinfektionen, bis hin zum 93-jährigen Ecuadorianer mit Diabetes und Bluthochdruck. Häufig konsultieren uns ganze Familien, die die Gelegenheit nutzen, um ihre Kinder einem Arzt vorzustellen.

Neben allgemeinmedizinischen Erkrankungen kommen immer wieder Menschen zu uns, die durch das Erdbeben ihre Medikamente verloren oder seit der Katastrophe keinen Zugang zu medizinischer Versorgung hatten und bis zu unserem Besuch komplett auf sich allein gestellt waren.

Viele Betroffene berichten uns, dass sie seit dem Erdbeben unter Schlaflosigkeit und Angst leiden oder ständig das Gefühl haben, dass die Erde unter ihnen bebt. Wenn die Menschen uns ihr Schicksal erzählen, ist das Zuhören und Anteil nehmen häufig genauso wichtig, wie die verteilten Medikamente.

Der Bedarf an medizinischer Nothilfe, um vom Erdbeben verursachte Verletzungen und Erkrankungen zu versorgen, nimmt zum Glück langsam ab und wird nach und nach von klassischen armutsbedingten Krankheiten abgelöst. Doch die nun beginnende Phase des Wiederaufbaus wird ein langer Weg und mit Sicherheit noch Jahre in Anspruch nehmen.

Das dreiköpfige Einsatzteam in Ecuador rund um Koordinatorin Katharina Baasner (rechts). Foto: humedica

Martina Zelt: Mitten im Müll – Einsatz zwischen Geiern und Gestank

Tag 7 in Ecuador

Wie anders Leben sein kann. Es gibt Menschen, die tatsächlich tagein tagaus ihre Schuhe – oder zumindest den einen Schuh, den sie haben – anziehen und auf eine Müllhalde gehen. Dort graben sie in stinkenden Bergen, um etwas Wertvolles zu finden, wovon sie ihre Familie ernähren können.

Auf der Müllhalde von Portoviejo suchten wir heute nach Menschen, die durch das Erdbeben verletzt wurden und die nie erwarten würden, dass ihnen jemand etwas bringen würde ohne eine Gegenleistung dafür zu verlangen.

Schon von weitem sehen wir Aasgeier in der Luft kreisen. Hässliche, schwarze Gestalten mit runzeligen Köpfen, die ein ähnliches Ziel verfolgen wie die Menschen, die langsam aus den Müllbergen auftauchen um nachzusehen, wer da wohl zu ihnen kommt. Von den Einheimischen wurden wir im Vorfeld wir gewarnt: Wir sollen alle Wertgegenstände verstecken und mehr als nur ein Auge auf die Dinge haben, die wir mitbringen. Die Menschen auf der Müllhalde sind bitterarm.

Die Krankheiten, die unser Team behandelt, zeugen vom Leben der Träger: Starke Rücken- und Gelenkschmerzen durch die schwere Arbeit, geschwollene Finger, infizierte Risse und Schnittwunden sowie Wurmkrankheiten.

Diese Menschen haben durch das Erdbeben nicht alles verloren. Schließlich gibt es nicht viel zu verlieren, wenn man nichts hat. Wir widmen ihnen gerne unseren heutigen Tag. Es bedeutet Hilfe für diejenigen, die nie in den Fokus der Aufmerksamkeit geraten werden, die immer am Rande der Gesellschaft leben.

Ein Mann bedankt sich überschwänglich. Nicht für die Medikamente, die wir ihm in die Hand drücken, er bedankt sich bei unserer Ärztin Liesel schlichtweg dafür, dass sie ihm zugehört hat. Bewegt schüttelt er ihre Hand, bevor er wieder zwischen den Müllbergen verschwindet.

Wir packen unsere Medikamente in die schwere Alu-Box, rollen die humedica-Flagge ein und machen uns auf den Weg zum Ausgang. Einer der Männer von zuvor rennt uns hinterher. Er hat etwas in der Hand: einen Kugelschreiber. Unser Krankenpfleger Matthias hatte ihn liegen lassen. Dass er uns an diesem Ort, vor dem wir vor Diebstählen gewarnt wurden, hinterher getragen wird, berührt uns zutiefst.

Der Blick aus der provisorischen humedica-Klinik auf die Müllhalde von Portoviejo. Foto: humedica

Martina Zelt: Helikopter und großflächige Verteilungen

Tag 6 in Ecuador

Ich kenne das von mir: Wenn ich einem Soldaten begegne, jagt mir der Anblick der Munition sofort Respekt und ein mulmiges Gefühl ein. Nie hätte ich gedacht, dass ich einmal so viel Hilfe und Unterstützung erhalten und auch persönliche Sympathie zum Militär aufbauen könnte. Doch wie so oft, ist in Ecuador und bei Katastrophen alles anders.

Das ecuadorianische Militär hat in den Tagen nach dem Beben ganze Arbeit geleistet. Es ist überall präsent, sichert die Lage und unterstützt Helfer und Bevölkerung so gut wie möglich. Die Verteilungen von Wasser, Essen, Planen und Matratzen werden zentral gesteuert und funktionieren reibungslos.

Mit dem Helikopter in abgelegene Orte

Als klar wurde, dass der Weg in ein Dorf, das noch keine medizinische Hilfe erhalten hatte, abgeschnitten ist, erklärte sich sofort ein General bereit, uns einen Helikopterflug dorthin zu organisieren.

An Bord lernen wir die Regeln kennen: Niemals nach Hinten laufen, denn die Propeller dort sitzen weit unten und könnten schweren Schaden anrichten. Ruhig sitzen bleiben, das Gewicht muss klug verteilt sein. Niemals eine schwere Kiste auf das Loch im Boden des Helikopters stellen, sonst wird es unerträglich heiß, da der Luftstrom blockiert ist, und außerdem: Ohrenstöpsel nicht vergessen!

So fliegen wir über Dschungel, Berglandschaften und Küstenorte. Für einen Moment erkennen wir nur noch die Schönheit der Natur, beinahe kann man für ein paar Minuten vergessen wo wir eigentlich sind. Als dann aber Menschen bei unserer Landung zum Helikopter strömen und hoffen, etwas vom Wasser und den Lebensmitteln an Bord abzubekommen, wissen wir ganz schnell wieder, wo wir angekommen sind.

Die Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft Ecuadors erstreckt sich in alle Winkel. In wenigen Stunden werden wir wieder abgeholt, auf der Wiese, auf der uns der Hubschrauber gestern ausgespuckt hat. Unsere Koffer, die zu Beginn voller Medizin waren, sind nun leichter – wir konnten über 170 Menschen an einem Tag behandeln.

Durch die Unterstützung des Militärs konnte das humedica-Team auch in abgelegenen Orten Ecuadors Verletzte behandeln. Foto: humedica

Martina Zelt: Ein Blick in die Besonderheit Ecuadors

Tag 5 in Ecuador

Ecuador ist in Bewegung. Alle versuchen zu helfen, alle engagieren sich, ob für die Nachbarschaft, die eigene Familie oder für alle: Hauptsache etwa beitragen und die Sache besser machen. An manchen Orten ist schon wieder eine Stimmung eingekehrt, die nach normalem Leben aussieht. Und das trotz zerstörter Häuser und Träume im Hintergrund.

Die Ecuadorianer haben offensichtlich einen anderen Bezug zum Leben, der ihnen den Neubeginn nach einer Katastrophe besser gestalten lässt. Trotzdem lässt sich die Schwere der hier vorherrschenden Zerstörung nicht leugnen. In den Provinzen Manabì und Esmeralda ist sehr viel verwüstet, ständig gibt es Nachbeben, Unterkünfte und Versorgung sind provisorisch, die Hygienesituation ist schlecht.

Nachbeben schüren Ängste

Zwar gibt es noch immer Nachbeben, doch die Erde kommt immer mehr zur Ruhe. Meist sind es nur noch kleine Bewegungen, sogenannte seismos, doch man weiß nie, ob sie nicht doch der Beginn stärkerer Erdstöße sind. Die schlimmen Beben sitzen den Menschen hier nach wie vor in den Knochen, weshalb die meisten Einheimischen, die die Möglichkeit haben, jetzt in Zelten wohnen. Seit dem schweren Nachbeben, das unser Team in Jama erlebte, erstarren auch wir bei jedem seismo für einen kurzen Augenblick, prüfend, was daraus wird.

Unsere Klinik bauen wir überall auf, wo Menschen sind, die uns brauchen. Heute waren wir in einem Zeltdorf, das sich etwa 30 Minuten von seinem ursprünglichen Standpunkt entfernt neu erfindet. Ursprünglich standen hier nur drei Holz-Finkas, nun sind es schon 15 provisorische Zeltunterkünfte mehr. Aus der friedlichen Stimmung schlussfolgern wir, dass Ecuadorianer wohl das Lebensmotto haben müssen, aus allem das Beste zu machen. Alle sind höflich, wohlwollend und orientieren sich an der neuen Gemeinschaft.

Die Verletzungen, die uns begegnen, sind Schnitt- und Schürfwunden, die oft infiziert sind. Die Hygienesituation ist schlecht, denn es gibt vielerorts immer noch zu wenig Wasser. Außerdem begegnen uns zunehmend Bronchitis, Durchfall, Magen-Darm-Infekten mit Fieber und posttraumatische Belastungsstörungen.

Eine unerwartete Einladung

Nach einem Tag, an dem wir bei tropischen Temperaturen zwischen wilden Papayabäumen und Zeltplanen unter freiem Himmel in der Flüchtlingsunterkunft gearbeitet haben, sind wir müde und hungrig. Eine Familie, deren Haus als eines der wenigen nur komplett durchgeschüttelt und im Inneren zerstört wurde, dessen Struktur jedoch noch steht, bemerkt das.

Eine kulturelle Regel ist: Wenn man eingeladen wird, darf man nicht ablehnen. Als wir also erneut herzlich zum Essen eingeladen werden, befolgen wir die Regel mit Freude und deutscher Befangenheit zugleich. Die ganze Familie, Geschwister, Onkel, Tanten und Kinder, wuselt um uns herum und freut sich, uns zu bekochen.

Auch in unserem Team wird geteilt. Weil unsere Krankenschwester Maike unter einer Fischallergie leidet und den Thunfisch, der ob seiner langen Haltbarkeit inzwischen zum Hauptnahrungsmittel von uns geworden ist, nicht essen kann, gibt ihr jeder ein Stück seines restlichen Essens ab. Und so gibt es für Maike Cracker, Brot und Reis.

Ich merke: Alles zu verlieren ist schlimm. Nichts hergeben wollen, noch schlimmer. Und so geben wir, soviel wir eben können und behandeln so viele Menschen wie möglich. Dafür haben wir uns auf den langen Weg gemacht und die Menschen hier verdienen es so sehr, dass etwas zurückkommt. Ich hoffe zutiefst, von diesem ecuadorianischen Gemüt auch etwas mit nach Hause nehmen zu können.

Unerwartete Einladung: Das humedica-Team mit ihren ecuadorianischen Gastgebern. Foto: humedica

Martina Zelt: Die Mentalität des Teilens

Tag 4 in Ecuador

Gerade mal ein paar kurze Tage sind seit dem Erdbeben hier in Ecuador vergangen. Während wir uns vermutlich noch in einer Schockstarre befinden würden, erstaunt, ja beeindruckt mich das Verhalten der Betroffenen zutiefst.

Auf einem Hügel unweit des Städtchens Jama, wo unsere Mediziner auch heute wieder Verletzte behandeln, treffe ich eine Familie mit einem kleinen Kind. Durch das Erdbeben haben sie alles verloren. Wie viele andere hier, sind sie aus Angst vor einem Tsunami auf den nahen Berg geflohen und bauen sich dort nun eine provisorische Unterkunft in einem Zeltlager. Trotz diesem unfassbar schweren Schicksal, wirkt niemand von ihnen niedergeschlagen. Sie sagen, sie wollen sich jetzt keine zusätzlichen Probleme bereiten, indem sie schlecht miteinander umgehen oder sich ihrer Not hingeben. Alles verloren und doch vollkommen friedvoll. Dieses Verhalten imponiert mir.

Unweigerlich stelle ich mir die Frage, wie sich meine Nachbarschaft entwickeln würde, wenn wir alle von jetzt auf gleich unser Zuhause verlieren würden, wenn wir plötzlich nur noch auf wenigen Quadratmetern unter einer Plane leben müssten…

Während ich mir über die Antwort auf diese Frage nicht sicher bin, gestaltet sich die Situation hier in Ecuador ganz deutlich: Alles wird geteilt. Wer nur noch ein bisschen hat, gibt es dem, der gar nichts mehr hat. Und auch wir Helfer dürfen uns über die große Nächstenliebe freuen. Eine Familie, die wir während unserer Arbeit kennengelernt haben, hat einfach so ein tolles Essen für uns zubereitet. Als sie bemerkt haben, dass unser Übersetzer keine Seife mehr hat, sind sie sofort losgeeilt und haben ihm ihre gebracht. Eine unglaubliche Mentalität.

Ich bin sehr dankbar und es motiviert mich einmal mehr, dass unsere Hilfe solch charakterstarke Menschen erreicht!

Neue Unterkunft für viele Erdbebenopfer: Ein Zelt aus Stoff und Planen. Foto: humedica

Martina Zelt: Plötzlich mittendrin

Tag 2 in Ecuador

Bevor man sich entscheidet, als Einsatzkraft in ein Katastrophengebiet zu reisen, spielt man gedanklich sämtliche Szenarien der Situation vor Ort durch und stellt sich die Frage, mit welcher Art von Katastrophe man es eigentlich zu tun haben wird. Nach den ersten Eindrücken von der Zerstörung in Ecuador, dachte ich, einen ganz guten Eindruck von der Bedeutung eines Erdbebens für Land und Menschen zu haben. Bis wir mitten in der Nacht selbst von einem langen heftigen Wackeln und Krachen geweckt wurden.

Nachbeben der Stärke 6,2

Unser Team hat die zwei schweren Nachbeben in der vergangenen Nacht gut überstanden. Und doch sitzt der Schreck zunächst tief. Als hätte jemand beim Fernseher einfach den Stecker gezogen, rauscht das Bild vor den eigenen Augen und der Boden wackelt unter den Füßen. Die Gewissheit, dass uns nichts passiert ist und dieses Beben fernab unserer Familien und unserem Zuhause stattfindet, beruhigt.

Am folgenden Tag humpelt ein alter Mann in unsere Gesundheitsstation im provisorisch erbauten Flüchtlingslager in Jama. Er hat Bauchschmerzen. Bei der Frage nach seinem Alter staunen wir. Er ist 96 Jahre alt. Dass dieser Mann nun zwischen Planen, Matsch und Schuttbergen seinen Lebensabend bestreiten und auf einem Plastikstuhl vor einem Zelt auf Hilfe warten muss, bricht uns beinahe das Herz.

Da viele Familien in Jama ihr Haus durch das Beben verloren haben, errichten sich immer mehr Menschen Schritt für Schritt eine notdürftige Unterkunft in einer Zeltstadt am Rand der Stadt. Dort leben sie nun. Als sei dies alles nicht genug, hat es in der vergangenen Nacht stark geregnet und der gesamte Ort gleicht nun einem Meer aus Schlamm. Alles ist dreckig, alles ist nass.

Jama ist zu 80 Prozent zerstört. Das Gefühl alles verloren zu haben ist beinahe greifbar, wenn man durch die meist einsamen Straßen läuft. Zwischen den Schuttbergen sieht man Betten, Kinderbilder und kaputte Blumenvasen hervorspitzeln. Die Kirche wirkt ohne Dach und mit eingestürzten Wänden wie ein Skelett.

Viele Kinder werden von ihren Eltern in unsere provisorisch aufgebaute Gesundheitsstation gebracht. Offene und infizierte Wunden, Erbrechen und Durchfall bestimmen das Krankheitsbild. Unsere Ärzte geben ihr Bestes, um auf einer kleinen, von Matsch umgebenen Plastikplane, medizinische Versorgung zu leisten. Mit jedem Patient begrüßt und verabschiedet man auch ein Schicksal, das für uns noch immer unvorstellbar bleibt.

Doch es tut gut, wenn man die Schmerzen von Kindern lindern und weitere Infektionen verhindern kann. Wir fokussieren uns ganz auf unsere Hilfe. Denn die Ohnmacht eines Erdbebens hält man auf Dauer einfach nicht aus. Morgen geht es wieder los, zu Menschen die diese Machtlosigkeit noch immer bis in ihre Fingerspitzen spüren.

Hilfe unter einfachsten Bedingungen: Das humedica-Team behandelt auf einer Plane am Boden. Foto: humedica

Martina Zelt: Zwischen Staub und Scherben

Tag 1 in Ecuador

Mit welcher Wucht die Erde alles auf eine wahrhafte Zerreißprobe stellen kann! Vor Ecuador hatte ich keine Vorstellung davon, was ein Erdbeben der Stärke 7,8 mit Straßen, Häusern, Brücken und Menschen macht. In der Gesundheitsstation des kleinen Ortes San Vicente, die die Unterstützung unseres fünfköpfigen medizinischen Teams angefragt hatte, gab es plötzlich ein kleines Nachbeben. Fast nicht spürbar.

Mir wäre es entgangen, hätten nicht alle Ecuadorianer um uns herum mit einem Schlag panisch das Weite gesucht und ihre Stimme Haken geschlagen. Die Angst vor einem weiteren Beben sitzt tief. Jedes leichte Rucken erinnert an den vergangenen Samstagabend, als ein langer Erdstoß das Land verändern sollte.

Jetzt ist das Land in Aufruhr. Die Sorge um die Familie, die Angst, dass das Trinkwasser ausgeht oder der Wunsch zu helfen, treibt die Menschen auf die Straße. Auf unserem Weg nach Bahia, einem ehemaliger Ferienort am Meer, stehen Kinder am Straßenrand und halten Schilder mit dem Wort agua, Wasser, bittend in die Höhe oder schwenken mit ihren Plastikflaschen. Die staatlichen Hilfskonvois mit den bitter benötigten Wasserlieferungen sind wohl noch nicht bis zu diesem Teil des Landes vorgedrungen.

Ohne Frage hat der Wassermangel Auswirkungen auf die Arbeit unseres medizinischen Teams. Das Krankheitsbild, das nun, vier Tage nach dem Beben, dominiert, sind neben entzündeten Schürf- und Schnittwunden auch Folgeerkrankungen, die der Zusammenbruch der Infrastruktur mit sich bringt. Durch die zerstörten Leitungen gehören funktionierende Wasserhähne oder Toiletten der Vergangenheit an. Die hygienische Situation wird Tag für Tag prekärer.

Einem jungen Mann namens Patrizio ist während dem Beben eine schwere Glasplatte auf sein Bein gefallen. Die Wunde reicht tief. Doch unsere Ärztin Margrit Wille beweist Fingerspitzengefühl und behandelt ihn ganz vorsichtig. Dann werden drei kleine Kinder in die Gesundheitsstation getragen. Die schlechten hygienischen Umstände setzen den Kleinsten besonders schnell zu. Sie sind geschwächt von Durchfall und Fieber.

In der Gesundheitsstation in San Vicente geht es chaotisch zu. Alle wollen helfen, nur wenige können es. Unsere Ärzte bahnen sich ihren Weg zu den Patienten durch das genuschelte, hektische Spanisch der Provinz. Schritt für Schritt. Morgen geht es weiter.

humedica-Ärztin Margrit Wille bei der Behandlung von einem betroffenen Kind im Küstenort San Vicente. Foto: humedica

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