Projektgeschichten:

Mzungu, how are you?

Ein Rückblick von humedica-Einsatzkraft Martin Sellesk

von Martin Sellesk, 11.12.2015

Neue Aufgabenfelder, viel Einfallsreichtum und abenteuerliche Exkursionen – der erste Einsatz von humedica-Helfer Martin Sellesk führte ihn nach Uganda. Seine Erfahrungen im Herzen Afrikas hat er für uns in einem persönlichen Rückblick festgehalten:

„Sobald ich das Krankenhausgelände verließ und als ‚normaler‘ Passant durch die Straßen lief, war ich DER Blickfang! Von allen Seiten riefen mir die Leute alle paar Sekunden zu: „Mzungu, how are you?“ Mzungu bedeutet Weißer. Die Menschen in Uganda sind sehr freundlich, besonders die Kinder freuten sich, riefen und winkten mir zu und liefen hinter mir her.

Fünf Wochen war ich für humedica in Uganda im St. Francis-Hospital Mutolere nahe den Grenzen zur Demokratischen Republik Kongo und Ruanda. Bei meiner Arbeit gab es Höhen und Tiefen. Oft war sie erfolgreich, doch in manchen Fällen fühlte ich mich auch machtlos. Ein Schwerpunkt war die Arbeit als Anästhesiepfleger im OP. Wie erwartet, sind die Unterschiede zu westlichen Verhältnissen oder deutschen Standards sehr groß. Die Möglichkeiten und Materialien sind begrenzt, die hygienischen Verhältnisse mangelhaft. Und so schwirrt durch die OP-Räume so manche Fliege, die vorhandenen Medikamente lassen sich an zwei Händen abzählen und das Nahtmaterial hat das Verfallsdatum oft schon vor Jahren überschritten.

Es versteht sich von selbst, dass Beatmungstuben gewaschen und immer wieder benutzt werden, gleiches gilt für EKG- und Erdungselektroden. Hinzu kommt, dass es im Krankenhaus keinen ausgebildeten Anästhesisten gibt, sondern nur einen Mitarbeiter, der bereits einige Jahre Erfahrung mit Narkosen hat. So konnte ich mit meiner sechsjährigen Anästhesieerfahrung einspringen und viel für die Patienten tun, damit sie eine bessere Narkose bekommen. Beispielsweise legte ich Wert darauf, vor Beginn erst einmal Blutdruck, Puls und Sauerstoffsättigung zu messen und auch während der Narkose kontinuierlich weiter zu kontrollieren und zu dokumentieren.

Ein weiteres großes Problem im Krankenhaus sind Wundinfektionen aufgrund der schlechten hygienischen Verhältnisse. Die chirurgische Männerstation umfasst zum Beispiel einen Raum mit zwanzig dicht an dicht gelegenen Patienten, mindestens genauso vielen Angehörigen und doppelt so vielen Fliegen. Der Patient nach frischer Bauch-OP liegt neben dem Patienten mit septischer Beinwunde. Einen Aufwachraum oder eine Intensivstation gibt es nicht.

Auf dieser Station fand ich deshalb ein weiteres Aufgabenfeld für mich: die Versorgung und Mobilisation von Patienten nach einer OP und die entsprechende Anleitung der Pflegeschüler. Sie wussten oft nicht, wie und warum sie etwas machen sollten, waren aber sehr engagiert, interessiert und hilfsbereit. Eine sprachliche Barriere war, besonders am Anfang, trotzdem vorhanden.

Viele Pflegekräfte sprechen nicht so gut Englisch und ihre Aussprache ist schwierig zu verstehen. Allerdings ging es den Mitarbeitern der Klinik mit meiner Aussprache wohl genauso. So brauchten wir alle etwas Geduld, doch mit Händen, Füßen und Humor klappte es letztendlich immer. Da der Großteil der Patienten gar kein Englisch sprach, griff ich meistens auf die Hilfe eines Übersetzers zurück.

Viele Patienten sind sehr arm und so entschloss ich mich, nach Gesprächen mit Pontius Mayunga, dem Leiter der Klinik, drei besonders Bedürftige zu unterstützen. Dank mitgebrachter Spendengelder von Freunden und Familie, konnte ich einen Teil ihrer Krankenhausrechnung begleichen. Besonders am Herzen lag mir ein 15-jähriger Junge mit schwerer Knochenmarkentzündung, der mehrmals operiert wurde und viele Wochen im Krankenbett liegen musste.

Ein weiteres Tätigkeitsfeld für mich war die Mitarbeit im sogenannten CCMB-Projekt, was so viel heißt wie „Combating Child Mortality among Batwa“, also die Bekämpfung der Kindersterblichkeit unter der Batwa-Bevölkerung. Mobile medizinische Teams fahren regelmäßig in abgelegene Siedlungen zu einer der ärmsten Volksgruppen des Landes, den sogenannten Batwa. Das Pygmäenvolk bewohnte in früheren Zeiten die Bergregenwälder Ugandas. Durch den Siedlungsdruck umliegender, größerer Volksgruppen mit folgender Reduzierung der Waldflächen und späterer Ernennung der Wälder zu Nationalparks, wurden die Batwa vertrieben oder zwangsumgesiedelt.

Weil es ihnen nicht mehr möglich war, in, mit und vom Wald zu leben, verloren sie neben Lebensraum und Nahrungsquelle auch einen Großteil ihrer Kultur und Tradition. Heute werden sie von einem großen Teil der Bevölkerung gemieden und diskriminiert. Armut, Alkoholismus und Gewalt sind die Folgen. Bei den mobilen Einsätzen werden die Batwa-Kinder gewogen und geimpft. Schwangere werden von Hebammen untersucht und Kranke mit Medikamenten versorgt.

Eines ihrer Dörfer war so schwer erreichbar, dass wir nach einstündiger Autofahrt noch zwei Stunden durch hügeligen Dschungel und schlammige Pfade laufen mussten, bepackt mit Medikamentenkisten, Kühlboxen mit Impfstoffen, Kinderwaage und Büchern für die Dokumentation. In diese Dörfer nahm ich auch Kleidung für besonders bedürftige Familien mit, die ich vorher zuhause gesammelt hatte.

Im Nachhinein war es eine sehr gute und wichtige Erfahrung und Vieles hat für mich dadurch eine andere Wertigkeit bekommen. Ich musste zwar oft erfinderisch und flexibel sein, doch so konnte ich schon mit wenig viel erreichen. Die Patienten waren für jede noch so kleine Aufmerksamkeit und Hilfe sehr dankbar. Das große Ganze konnte ich nicht ändern, aber viele kleine Dinge. Und die Summe daraus zählt.“

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