Ein Rückblick von humedica-Arzt Thomas Katzenbach

von Thomas Katzenbach/LKO, 09.06.2015

Eigentlich wollte humedica-Arzt Thomas Katzenbach Mitte Mai nach Rumänien reisen, um dort bedürftige Menschen in Gefängnissen und Kinderheimen zu behandeln. Doch dann kam alles anders:

„Der zweiwöchige Einsatz mit humedica nach Rumänien war schon lange geplant, doch vollkommen unerwartet wurde dieser wegen Problemen mit unseren Arbeitsgenehmigungen abgesagt. Als es dann zwei Tage später ein zweites schweres Erbeben in Nepal gab, war mir klar, dass für mich etwas anderes an der Reihe war. Und schon kam die Anfrage aus der humedica-Zentrale, ob ich nicht in wenigen Stunden als medizinischer Koordinator mit einem kleinen Team nach Nepal fliegen könnte. Mir blieb nicht viel Zeit für eine Entscheidung, doch ich spürte, dass es richtig war, zu gehen. Am nächsten Morgen saß ich im Flieger Richtung Kathmandu.

Bereits beim Landeanflug entdeckte ich überall in den Bergen, in den kleinen Ortschaften und in der Hauptstadt bunte Flecken, die ich nicht recht einzuordnen wusste. Erst aus unmittelbarer Nähe erkannte ich, dass es sich um Zelte und Planen der obdachlos gewordenen Menschen handelte. Obwohl in Kathmandu selbst ‚nur‘ zehn bis 15 Prozent aller Gebäude beschädigt oder zerstört sind, ist das eine ganze Menge. In den ländlichen Gebieten ist die Zerstörung mit bis zu 90 Prozent um ein Vielfaches höher.

Es ist kaum vorstellbar, doch egal wohin man in Nepal fährt, findet man rechts und links von den Straßen nur Trümmer, dazwischen suchen die Überlebenden Schutz in Zelten, unter Planen oder in zusammen gezimmerten Verschlägen. Die Situation im Land ist absolut dramatisch. In den Krankenhäusern sind die Flure, Terrassen und Gärten voll mit schwerverletzten Patienten.

Überall sind Menschen obdachlos, und das, wo gerade jetzt die Monsunregenzeit beginnt, in der es zwei bis drei Monate nur noch in Strömen regnen wird. Viele haben alles verloren und kaum eine Möglichkeit, ihr Haus mit ihren eigenen, leeren Händen wieder aufzubauen.

Eine unserer ersten Aufgaben vor Ort war die Versorgung des Krankenhauses im Dorf Jalbire, für das humedica die Verantwortung trägt. Weil sie selbst alles verloren haben, wohnt das Personal der kleinen Klinik momentan in Zelten neben dem Gebäude, um anderen rund um die Uhr helfen zu können.

Und obwohl die Schwerverletzten bereits mit Helikoptern nach Kathmandu ausgeflogen worden waren, sahen wir immer noch täglich Patienten mit ernsthaften Verletzungen. So wie dieser junge Mann, der während des zweiten Erdbebens schwer an beiden Füßen verletzt wurde und zwei Tage hilflos am Boden lag, bis ihn jemand fand und zu uns trug.

Während eines Meetings im Gesundheitsministerium erhielten wir plötzlich eine akute Anfrage nach medizinischer Hilfe in entlegenen Bergdörfern nahe der tibetischen Grenze. Weil die Menschen in dieser Gegend keinerlei ärztliche Versorgung hatten, entschieden wir uns sofort, dort hinzugehen, um zu helfen. Und so machten meine Kollegin Dr. Margrit Wille und ich uns am nächsten Morgen in einer mehrstündigen und gefährlichen Fahrt auf den Weg in Richtung Norden.

Dort ging es für uns jeden Morgen auf einer Hängebrücke über eine 160 Meter tiefe Schlucht und dann eine halbe Stunde bergauf in ein Dorf, wo wir unser Behandlungszelt aufgeschlagen hatten. Alle Häuser in dem 200 Einwohner zählenden Bergdorf wurden durch das Erdbeben zerstört, seine Menschen standen vor dem Nichts und unsere Hilfe wurde dringend benötigt. Viele Menschen kamen für eine Behandlung aus vier bis fünf Stunden Fußmarsch entfernten Ortschaften, so dass wir in wenigen Tagen mehrere Hundert Kranke und Verletzte versorgen konnten.

Gleich an unserem ersten Tag war unter den Patienten eine weinende Mutter, die ihr vierjähriges Kind auf ausgestreckten Armen zu uns brachte. Zuerst dachten wir, dass das Kind schläft, doch dann stellten wir fest, dass es im Koma lag und praktisch keine Pupillenreflexe mehr zeigte. Ohne intensivmedizinische Versorgung wäre das Mädchen in kurzer Zeit gestorben. Da wir keine Alternative hatten, konnten wir nur unseren Bus zur Verfügung stellen, ihnen Geld für die Behandlung geben und hoffen und beten, dass die Kleine die vierstündige Fahrt nach Kathmandu überstehen würde.

Die nächsten Tage vergingen, wir arbeiteten hart und versorgten so viele Menschen, wie möglich. Am Tag vor meiner Abreise machte ich mich im Krankenhaus in Kathmandu dann auf die Suche nach dem Mädchen und ihren Eltern. Nach kurzer Zeit fand ich sie – sie hatte überlebt und es ging ihr gut. Gott sei Dank! Nun erfuhr ich auch den Namen des Mädchens, den ich in der Hektik unseres ersten Treffens gar nicht mitbekam: Sie heißt Esther.

Insgesamt war es ein intensiver und riskanter Einsatz. Nachts hörten wir in unseren Zelten immer wieder Gerölllawinen in unmittelbarer Nähe herabstürzen. Hinzu kamen die vielen, verschiedenen Tiere und die permanente Infektionsgefahr durch die katastrophalen hygienischen Verhältnisse um uns herum.

Gleichzeitig war es aber auch ein sehr effektiver Einsatz, in dessen Verlauf wir vielen Menschen helfen, ihr Leid lindern und ihnen Hoffnung und Verbundenheit schenken konnten. Es war beeindruckend, welch große Herzlichkeit und Dankbarkeit uns die Menschen trotz ihrer Not entgegenbrachten. Ich bin sehr dankbar, dass ich ein Teil davon sein durfte!“

Die Worte von humedica-Arzt Thomas Katzenbach zeigen, wie groß die Not der Nepalesen auch sechs Wochen nach dem Erdbeben ist. Bis der arme Himalaya-Staat wieder zu Kräften kommt, werden noch viele Monate vergehen. Mit umfassenden Wiederaufbauprojekten und Hilfsgüterverteilungen begleitet humedica die Betroffenen auf ihrem Weg zurück in den Alltag. Werden Sie Teil dieses Engagements und unterstützen Sie unsere Hilfe mit einer konkreten Spende. Vielen Dank!

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