Ein Rückblick von humedica-Ärztin Hansi Sobez

von Hansi Sobez/LKO, 03.06.2015

Nachdem das Erdbeben in Nepal schweres Leid und große Zerstörung verursachte, war für Chirurgin Hansi Sobez sofort klar, dass sie den Betroffenen helfen möchte. Fünf Tage später machte sie sich gemeinsam mit dem zweiten medizinischen Hilfsteam von humedica auf dem Weg in ihren ersten Katastropheneinsatz. Wieder in Deutschland, blickt sie für uns auf ihre Erfahrungen in Nepal zurück:

Die Entscheidung für den Einsatz

„Die Gebetsfahnen flattern inzwischen hoch in den Birken meines Gartens und erinnern mich, wann immer ich in den Himmel schaue, an die Menschen in Nepal, die noch immer mit den Folgen des schweren Erdbebens zu kämpfen haben. Plastikplanen in Maisfeldern oder am Straßenrand, sind für viele noch immer der einzige Schutz vor Sonne, Regen und Wind, seit sie alles verloren haben. Ich hoffe, dass die große Hilfsbereitschaft der Welt anhält, damit möglichst schnell Unterkünfte zur Verfügung gestellt werden und der Wiederaufbau beginnen kann.

Als mich am frühen Samstagvormittag des 25. Aprils der Notruf von humedica erreichte, war mir sofort klar, dass ich an Bord bin. War ich doch zwei Jahre zuvor mit humedica zu einem Gefängniseinsatz in Nepal gewesen und hatte das Land und seine Menschen liebgewonnen. Allerdings waren da die Patienten meiner Praxis, die ich während eines solchen Einsatzes schließen muss, sowie all die privaten Verpflichtungen und auch die Sorge, ob ich den Anforderungen eines solchen Einsatzes gerecht werden könnte.

Die Unterstützung meiner Familie brachte dann die Entscheidung für den Einsatz und so kam es, dass ich Ende April von Hamburg mit einem nagelneuen Airbus, mehreren Tonnen Hilfsgütern und dem zweiten medizinischen Einsatzteam von humedica nach Kathmandu flog. Weil es sich dabei um einen Überführungsflug für Nepal Airlines handelte, durften wir sofort landen und mussten nicht, wie viele andere, mehrere Anläufe auf den völlig überlasteten Flughafen unternehmen.

Auf der Fahrt zu unserer Unterkunft wirkte Kathmandu beinahe unversehrt. Nur die vielen Zelte und Planen auf allen freien Plätzen zeugten von der Angst der Menschen vor weiteren Beben. Erst ein Besuch im historischen Stadtzentrum, offenbarte die schreckliche Zerstörung. Besonders die bedeutenden und wundervollen Tempelanlagen und historischen Gebäude in Kathmandu und im nahe gelegenen Ort Bhaktapur schienen vollkommen zerstört.

Unsere Unterkunft lag bei der humedica-Partnerorganisation Nazarene Compassionate Ministry in einem Außenbezirk von Kathmandu. Dort empfing uns auch das erste Einsatzteam und informierte uns über die bisherigen Aktivitäten und die Lage in der Katastrophenregion.

Ein unvorstellbares Ausmaß an Zerstörung

Nepal war in den ersten Tagen von einer Flut von Helfern, Hilfsorganisationen und Gütern beinahe überrollt worden und die Organisation der Hilfe gestaltete sich schwierig. Doch unsere Koordinatoren engagierten sich von Anfang an in den Koordinierungsgremien der Vereinten Nationen und so wurde uns ein schwer betroffenes Tal in der Region Sindhupalchok zugewiesen. Dort war die örtliche Gesundheitsversorgung durch die Beschädigung des kleinen Krankenhauses im Ort Jalbire zusammengebrochen und benötigte unsere Unterstützung.

In den ersten Tagen konnten wir die Klinik nur zu Fuß erreichen, da die Straße von Erdrutschen und Felsstürzen verschüttet war. Die mehrstündige Wanderung durch das unvorstellbare Ausmaß an Zerstörung, vorbei an ganzen Dörfern, die buchstäblich dem Erdboden gleichgemacht wurden, vorbei an Menschen, die noch immer geschockt, trauernd und hilflos waren, und uns trotzdem so freundlich begrüßten, hat mich tief berührt. Am Krankenhaus angekommen, halfen wir der dort stationierten und sehr kompetenten Ärztin Dr. Surya bei der Versorgung der Menschen aus den zum Teil weit entfernten Bergdörfern.

Über eine Woche nach dem Beben, waren die Schwerstverletzten schon von ihren Angehörigen auf Tragen, auf dem Rücken oder mit Hubschraubern in die nächsten Krankenhäuser und Gesundheitsstationen transportiert worden, so dass sich unsere Hilfe auf die Versorgung von Quetschungen, infizierten Wunden, Prellungen, vereinzelten Knochenbrüchen und von Aufräumarbeiten verursachte Verletzungen konzentrierte. Weil es sich um meinen ersten Einsatz nach einer Katastrophe handelte, war ich für die Unterstützung meiner zwei sehr erfahrenen Kollegen, Unfallchirurg Christian und Allgemeinarzt Michael, die beide unter anderem auch schon nach dem Erdbeben in Haiti im Einsatz waren, sehr dankbar.

In den folgenden Tagen blieb ein Teil unseres Teams im Krankenhaus in Jalbire, während die anderen zu Fuß in die höher gelegenen Dörfer wanderten, um auch dort Verletzte zu versorgen. Nach ein paar Tagen war dann auch die Zufahrtsstraße nach Jalbire geräumt und wir konnten mit einem Geländewagen weitere Hilfsgüter, Medikamente, ein großes Behandlungszelt, Zelte für uns und später auch einen Generator nach Jalbire transportieren. Auch Nahrungsmittellieferungen wurden nun mehrmals täglich mit kleinen LKWs ins Tal gebracht und verteilt.

Der medizinische Bedarf normalisierte sich nach und nach auf eine übliche Anzahl an Patienten mit typischen Erkrankungen, so dass diese von der einheimischen Ärztin und ihren Mitarbeitern alleine versorgt werden und wir uns auf die Organisation und Strukturierung der kleinen Klinik konzentrieren konnten.

Ein richtiger und wichtiger Einsatz

In der zweiten Woche unseres Einsatzes gab es nachmittags immer häufiger heftige Gewitter und stundenlangen Monsunregen, weshalb wir uns entschlossen den Rückweg nach Kathmandu anzutreten, solange die Straße noch passierbar war. Doch statt dem Regen machte uns das zweite starke Beben zu schaffen. Eine Viertelstunde nachdem wir ‚unser‘ Tal verlassen hatten, ereilte uns bei einer kleinen Rast ein Erdbeben, das mit einer Stärke von 7,3 eine ganz andere Heftigkeit als all die anderen Nachbeben hatte, die wir in den vergangenen Tagen und Nächten erlebt hatten.

Die Menschen rannten schreiend auf die Straße, wo vom gegenüberliegenden Berghang Steine und Felsbrocken herabfielen. Von den umliegenden Hängen sahen wir große Erdrutsche herunterkommen. Überall waren verängstigte Menschen. Nachdem sich alles wieder ein wenig beruhigt hatte, wollten wir am liebsten gleich wieder nach Jalbire zurück, weil klar war, dass es nun wieder neue Verletzte, womöglich gar Tote gegeben hatte. Doch der Weg zurück war unpassierbar und vom Militär gesperrt.

Auch den Versuch am nächsten Tag zu Fuß zur Klinik vorzudringen, mussten wir nach vier Stunden Marsch aufgeben. Es war einfach zu gefährlich. Nur per Hubschrauber wäre der Zugang möglich gewesen, doch diese waren zur Bergung von Verletzten im Dauereinsatz. Das Gefühl der Hilflosigkeit war zutiefst frustrierend.

Auch wenn wir aufgrund der äußeren Umstände oft weniger medizinische Hilfe leisten konnten, als gewollt, war dieser Hilfseinsatz insgesamt richtig, wichtig und erfolgreich. Tief berührt hat mich die Begegnung mit einer Nepalesin, die mich ansprach und mir unter Tränen dankte, dass ich in ihrem Land freiwillig als Helferin im Einsatz war. Die Menschen haben in ihrer Not wahrgenommen, dass viele Helfer sich sehr bemüht haben, diese zu lindern.

Vielleicht kann das kleine Krankenhaus in Jalbire mit Hilfe von Spendengeldern wieder komplett aufgebaut werden, so dass eine längerfristige Unterstützung der Menschen in ‚unserem’ Tal möglich ist. Bis dahin hoffe ich, dass die Unterkünfte der Betroffenen schnell wieder aufgebaut werden können. Denn der Monsunregen wartet nicht. Und so bleibt mir nur noch die Botschaft des Mitgefühls auf den Gebetsfahnen zu teilen: ‚Om mani padme hum‘ – ‚Mögen alle Wesen glücklich sein‘.

Bis die Menschen in Nepal wieder geordnete Wege gehen können, wird noch viel Zeit vergehen und Hilfe geleistet werden müssen. Unsere Arbeit im Himalaya steht gerade erst am Anfang: Bitte gehen Sie diesen Weg mit uns und unterstützen Sie die Betroffenen des Erdbebens mit einer wertvollen Spende. Vielen Dank!

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