„Der Boden unter meinen Füßen wackelte!“

von Linda Holzhausen/LKO, 21.05.2015

Um den Betroffenen des Erdbebens in den schweren Tagen nach der Katastrophe beizustehen, reiste Krankenschwester Linda Holzhausen gemeinsam mit einem medizinischen Einsatzteam von humedica nach Nepal. Die packendsten Erlebnisse, mit denen sie sich im Umfeld der Katastrophe konfrontiert sah, hat sie für uns festgehalten:

Hilfe rund um die Uhr

„Kaum war ich nach einer anstrengenden ersten Woche in Nepal in meinem Zelt eingeschlafen, als mich ein lautes Motorgeräusch und grelle Scheinwerfer wieder aus dem Schlaf rissen. Aufgeregte Stimmen riefen nach einem Arzt. Im Zelt nebenan öffnete sich ein Reisverschluss, ich schrak hoch und sah, wie mein Teamkollege, Allgemeinmediziner Michael Brinkmann, bereits angezogen nach draußen kroch.

Die Situation schien unter Kontrolle und vollkommen übermüdet fiel ich wieder in einen tiefen Schlaf. Am nächsten Morgen erfuhr ich dann, dass Michael und unsere Chirurgin Hansi Sobez eine Nachtschicht eingelegt hatten, um einen Mann mit schwer verletzter Hand zu versorgen. Er hatte am Nachmittag zuvor an seinem vom Beben zerstörten Haus gearbeitet und eine Steinplatte war vom Dach gerutscht. Einer seiner Finger war fast vollständig abgetrennt und meine Kollegen hatten keine andere Wahl als eine kleine Amputation durchzuführen.

Am nächsten Tag hatte sich die Situation in unserem Standort, dem Städtchen Jalbire, wieder beruhigt und wir unterstützen das lokale Team bei der Versorgung von Verletzten. Mehr als zwei Wochen waren seit dem Erdbeben vergangen und so hatte sich die Zahl der Patienten inzwischen normalisiert. Weil die lokale Gesundheitsstation durch das Beben einsturzgefährdet war, versorgten wir die Menschen in einem mitgebrachten Behandlungszelt.

Am frühen Nachmittag zog der Himmel zu und eine Stunde später goss es wie aus Eimern, begleitet von stundenlang anhaltenden Gewittern. Obwohl die Monsunzeit zu diesem Zeitpunkt noch eine bis zwei Monate entfernt lag, war dieser Regen in der Region um Jalbire nicht ungewöhnlich. Für die vielen Menschen, deren Häuser zerstört wurden, war und ist dieser Wetterumschwung allerdings fatal. Hinzu kommt die Gefahr von Erdrutschen von den durch das Beben instabil gewordenen Berghängen.

Der Regen hielt auch die kommenden Tage an und so beschlossen wir zwei Tage später, unsere Rückkehr nach Kathmandu anzutreten, um nicht wegen aufgeweichter, schlammiger Straßen festzusitzen und unseren Rückflug nach Deutschland zu verpassen. Außerdem schien unsere Arbeit in Jalbire getan, denn wir konnten eine gut besetzte und mit reichlich medizinischem Material ausgestattete Gesundheitsstation zurücklassen.

Die Katastrophe in der Katastrophe

Nach einer knappen Stunde holpriger Fahrt erreichten wir gegen Mittag die Hauptstraße nach Kathmandu, wo wir eine kurze Pause in einem kleinen Restaurant machten. Ich hatte gerade aufgegessen, da ging es plötzlich los: Alles um mich herum rumpelte und wackelte. Die Menschen schrien und sprangen auf. Ohne nachzudenken stand ich auf und lief automatisch mit den anderen aus dem Restaurant. Irgendjemand hielt sich an meinem Arm fest und ich zog die Person mit, was mir ein gutes Gefühl gab.

Draußen liefen wir auf die Straße, doch dann blieben alle mehr oder weniger stehen: Auf der gegenüberliegenden Straßenseite stürzten kleine und große Steine von der hohen Felswand. Der sicherste Fleck schien hinter einem Fahrzeug, auch wenn das wiederum zu nahe an dem nächsten Gebäude war. 30 beeindruckende Sekunden später war alles vorbei. Es war das zweite Erdbeben mit einer Stärke von 7,4. Später erfuhren wir, dass wir uns zu diesem Zeitpunkt unweit vom Epizentrum befanden.

Die Stunde nach dem Erdbeben standen wir auf der Straße, immer wieder kam es zu Nachbeben, die den Boden unter meinen Füßen wackeln ließen. Die Situation war extrem unangenehm, kein Platz schien sicher, überall hätten uns Steine oder Hauswände treffen können. Der kleine Ort am Highway wurde bereits durch das erste Beben beinahe vollständig zerstört und alles was noch stand, war stark einsturzgefährdet.

Mit den Bewohnern, deren Gesichter voller Angst waren, standen wir verunsichert auf der Straßenmitte. Die Sonne brannte auf der Haut und der Schweiß lief uns den Rücken hinunter. Polizisten, die seit dem ersten Beben in dem kleinen Ort stationiert waren, sorgten für Ordnung und evakuierten Menschen aus einsturzgefährdeten Häusern.

Zwei Ärzte unseres Teams fragten nach Verletzen, woraufhin die Polizei sie zu Verwundeten führte. Wir anderen machten uns große Sorgen, als die beiden zwischen den engen Häuserwänden verschwanden. Nach endlos langen fünfzehn Minuten kamen sie endlich zurück. Sie konnten den gebrochenen Fuß eines Mannes stabilisieren und ihn mit den nötigen Schmerzmitteln versorgen. Sobald sich die Situation weiter beruhigte, musste er in das nächste Krankenhaus transportiert werden.

Wir wussten nicht, wann wir es wagen konnten, weiter nach Kathmandu zu fahren. Zurück nach Jalbire zu reisen wäre unvernünftig, die Gefahr eines Erdrutsches war zu hoch und höchstwahrscheinlich wäre die Straße verschüttet gewesen. Aber auch der Weg nach Kathmandu war nun unmittelbar vor uns durch einige große Felsbrocken blockiert.

Nachdem ich eine Weile angstvoll auf die gegenüberliegende Felswand starrte – ohne zu wissen, wo ich am besten hinrennen sollte, falls dort etwas in Bewegung käme – forderte unser Fahrer uns auf zum Auto zu kommen. Die Straße sei wieder frei und wir könnten weiterfahren. Erleichtert und gleichzeitig besorgt angesichts der gefährlichen Weiterfahrt, stiegen wir ein. Etwa eine halbe Stunde fuhren wir im Slalom um auf der Straße liegende Steine und Felsbrocken, dann konnten wir im normalen Tempo weiterfahren.

Endlich hatten unsere Handys wieder Empfang und wir konnten unseren Familien und Freunden, die anscheinend schon von dem Beben gehört hatten und uns besorgte Nachrichten schickten, antworten und ihnen sagen, dass es uns gut geht.“

Der Rückblick von Krankenschwester Linda Holzhausen zeigt, dass ein Hilfseinsatz in einem Katastrophengebiet auch immer wieder Risiken, wie etwa die Gefahr durch Nachbeben, mit sich bringen kann. Umso mehr Dankbarkeit und Respekt gilt den zahlreichen ehrenamtlichen Helfern von humedica, die bei jedem Hilfseinsatz große Anstrengungen in Kauf nehmen, um Menschen in Not beizustehen.

In Nepal behandeln die humedica-Einsatzkräfte weiterhin mit Hochdruck die Opfer des Erdbebens und planen parallel nachhaltige Hilfe im Bereich des Wiederaufbaus. Bitte helfen Sie uns helfen und unterstützen Sie unser Engagement für die Menschen in Nepal mit einer konkreten Spende. Vielen Dank!

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