Routine im Ausnahmezustand

von Nora Parasie/LKO, 21.08.2015

Eigentlich arbeitet die Hamburgerin Nora Parasie als Lehrerin in einer Grundschule. Doch statt sich in den großen Ferien vom Schulalltag zu erholen, entschloss sich die 29-Jährige, als ehrenamtliche humedica-Koordinatorin syrischen Flüchtlingen im Libanon zu helfen. Kurz bevor die Schule nun wieder losgeht, hat Nora für uns zwei Tage ihrer Arbeit als Koordinatorin festgehalten. Lesen Sie im ersten Teil ihres Rückblicks, welche Herausforderungen ein typischer Arbeitstag im Libanon mit sich bringt.

Teil 1: Special Cases und jede Menge Arbeit

„Es ist Mittwochmorgen in der Stadt Zahlé, unweit der syrischen Grenze. Nachdem ich alle Mitarbeiter bei einer kurzen Teambesprechung begrüßt und die zu spät gekommenen freundlich ermahnt habe, treffe ich mich mit unseren drei Ärzten und den beiden Field Officers, um über unsere sogenannten „special cases“ zu sprechen.

Field Officer David hat für heute eine Liste aktueller Fälle zusammengestellt, die eine besondere medizinische Behandlung benötigen. Da ist das Kind, das eine Hornhauttransplantation benötigt, um nicht zu erblinden. Wir besprechen, wo wir die Übernahme der anfallenden Operationskosten beantragen können.

Unser sechs Monate junger Patient mit Fehlbildung des Dickdarms wird heute operiert. Dank des Unterstützungssystems der UN werden 75 Prozent der Kosten für die überlebensnotwendige Operation übernommen. Dank einer privaten Spende ist es humedica möglich, die Familie mit den restlichen 25 Prozent zu unterstützen. Bei einer desorientierten 60-Jährigen muss im Tuberkulosezentrum überprüft werden, ob sich der Verdacht unserer Ärztin Natalie bestätigt. Wir besprechen noch einige weitere Fälle und nächste Handlungsschritte.

Das Team teilt sich in zwei „mobile medical units“, also mobile Einsatzkliniken, auf: David fährt mit unserer Apothekerin Eman und Dr. Mohammad in Camp Nummer zehn. Dr. Natalie, Dr. Ghassan und Apothekerin Iman werden heute mit Field Officer Deeb den Tag in Camp 40 verbringen. Unsere Hebamme Sandy fährt mit Fahrer Bassam in Camp fünf.

Für mich steht Büroarbeit auf dem Programm: Die Quittungen für die letzten Rechnungen müssen mit Budgetpunkten vervollständigt, fotografiert und in das neue Buchhaltungsprogramm eingetragen werden, die Fragebögen der Patientenumfrage müssen ausgewertet und E-Mails beantwortet werden.

Ich beginne mit den E-Mails und finde als erstes das Protokoll des letzten Inter-Agency Meetings – hier trafen sich Vertreter der unterschiedlichen nationalen und internationalen Hilfsorganisationen, die im Bekaa-Tal aktiv sind. Es zeigt auf, dass es allein hier aktuell 1.144 Camps mit mehr als vier Zelten gibt, zudem existieren weitere 910 Camps mit weniger als vier Zelten.

64 dieser Camps waren in diesem Jahr bereits von Zwangsräumungen betroffen, zum Beispiel weil sie sich zu nah an Checkpoints der libanesischen Armee befanden. Ob und in wie weit sich ihre Bewohner auf diesen Umzug vorbereiten konnten, variiert.

Nachdem Assistenzkoordinator Nader am Vormittag Camp zehn besucht und fehlende Medikamente vorbeigebracht hat, fahren wir mittags gemeinsam zu Camp 40. Nach einem hohen Patientenandrang heute Morgen, macht das Team gerade die wohlverdiente Mittagspause. Im Wartebereich spielen viele Kinder. Auf dem Rückweg besuchen wir Sandy in Camp fünf. Sie arbeitet heute in einem großen Zelt und telefoniert gerade mit einer Patientin, die sie gerne noch sehen möchte.

Ihre nächste Patientin hat ein gerade fünf Monate altes Baby, heute ist der Schwangerschaftstest wieder positiv. Ihr geht es nicht gut, sie muss sich hinlegen und redet dann lange mit unserer Hebamme. Sandy erklärt mir, dass einige Frauen nicht wegen der Behandlung zu ihr kommen, sondern um über ihre Probleme zu reden. Neben den gesundheitlichen Aspekten, ist der seelsorgerische Beistand ein mindestens genauso wichtiges Feld unserer Arbeit.

Gegen 16 Uhr treffen die beiden Teams im Büro ein, entladen das Equipment, stecken ihre akkubetriebenen Ventilatoren ein und beginnen die heute ausgegebenen Medikamente zu dokumentieren und die Apotheke für den Einsatz morgen wieder aufzufüllen.

Um 16:20 Uhr treffen wir uns zur abschließenden Teambesprechung im Büro. Alle sind erschöpft von dem arbeitsreichen, heißen Tag. Insgesamt 229 Patienten wurden heute von den drei humedica-Ärzten und der Hebamme behandelt.

Nachdem alle Mitarbeiter nach Hause gegangen sind, steht für mich noch einmal Büroarbeit an. Ich stelle eine Übersicht der eingeholten Kostenvoranschläge für einen Mobilen Klinikbus zusammen, den wir mit Unterstützung von Bild Hilft e.V. organisieren möchten und mit dem unsere Ärzte viel mehr diagnostische Möglichkeiten haben werden. Ich telefoniere noch mit Sachbearbeiterin Nina in Kaufbeuren und wir besprechen die nächsten Schritte. Viel zu schnell geht der Tag zu Ende.“

Erfahren Sie im zweiten Teil des Rückblicks, welche Bedeutung ein Shawish für die Arbeit der humedica-Helfer besitzt und was für Wünsche die Flüchtlingskinder immer wieder an unsere Koordinatorin herangetragen haben.

Unsere Hilfe ist nur dank Ihrer Unterstützung möglich

Bitte bleiben Sie Teil dieser wichtigen Hilfe und unterstützen Sie uns mit einer wertvollen Spende.

Jetzt spenden
Ihr Browser ist veraltet!

Bitte aktualisieren Sie Ihren Browser, um diese Website korrekt darzustellen.

Den Browser jetzt aktualisieren×