„Das Beste was ich machen konnte“

Ein Rückblick von humedica-Arzt Matthias Schweikhart

von Matthias Schweikhart, 10.11.2015

Für vier Wochen unterstützte der Kieler Arzt Matthias Schweikhart die humedica-Flüchtlingshilfe im Libanon als ehrenamtliche Einsatzkraft. Warum trotz eines gelegentlichen mulmigen Gefühls dieser Einsatz das Beste war, das er machen konnte, verrät er in seinem persönlichen Rückblick:

„Mein Tagesablauf im Libanon folgte immer einer ähnlichen Struktur: Am Morgen fuhren eine humedica-Koordinatorin und ich mit dem Auto in das nahegelegene Büro, wo bald die lokalen Teammitglieder zu uns stießen und wir gemeinsam die morgens noch schweren Medikamentenkisten und Ventilatoren in unsere Autos trugen. Auf der anschließenden Fahrt in eines der Flüchtlingslager folgten immer lebhafte und angeregte Diskussionen auf Arabisch zwischen den Teammitgliedern, und man spürte die erwartungsvolle Atmosphäre des bevorstehenden Tages.

Als wir dann im Lager ankamen, bauten wir schnell unsere Tische auf, desinfizierten sie und bereiteten alle nötigen Behandlungsinstrumente vor.
Dann endlich kamen die ersten Patienten, die ich gerne mit einem Arabischen „Herzlich Willkommen“ begrüßte. Die Menschen, die aus Syrien vor den Schrecken des Krieges geflohen sind und nun in den provisorischen Zeltsiedlungen leben in denen wir arbeiteten, sind zu einem großen Teil junge Mütter mit kleinen Kindern.

Beim Blick auf meine Patienten fiel mir immer wieder auf, dass die syrischen Flüchtlingskinder oft schmächtiger und zierlicher sind als ihre deutschen Altersgenossen und die Gesichtszüge der Erwachsenen doch erheblich älter wirkten, als es die Krankenakten aussagten. Hier sah man deutlich die Folgen von Krieg, Flucht und Armut.

Nach einiger Zeit habe ich auch herausgefunden, wie sehr man die Not der Menschen auch an ihrem Blick erkennt. Dort sieht man nicht den Stolz, an den man sich sonst so sehr gewöhnt hat, sondern oft die Spuren der Demütigung und der Last, das bürgerliche Leben verloren zu haben und nun als Flüchtling von der Hilfe und Fürsorge anderer Menschen abhängig zu sein.

Am Abend packten wir unsere Tische und Medikamentenkisten, die nun fast nichts mehr wogen, wieder ein und machten uns auf den Rückweg mit dem guten Gefühl, etwas Sinnvolles, Schönes und ein Stück weit Hoffnung gebendes getan zu haben. Die Anstrengungen des Tages zeigten sich dadurch, dass es im Auto nun deutlich ruhiger zuging als bei unserer Hinfahrt.

Der Unterschied zwischen den an Slums erinnernde Zeltlager und der westlichen Atmosphäre unseres Aufenthaltsorts Zahlé ist immens. Obwohl ich den ganzen Tag in den Lagern verbrachte, kann ich mir absolut nicht vorstellen was es bedeutet, dort tatsächlich zu leben und nicht zu wissen, was die Zukunft bringt und ob ich jemals in meine Heimat zurückkehren kann.

Ich erinnere mich besonders an den Besuch von Camp Nummer Vier, das einen erschreckenden und traurigen Anblick bot. In diesem Lager spielten die Kinder im Müll und auch die Zahl der Infektionserkrankungen war dort deutlich höher als anderswo. Im Vergleich zu den anderen Lagern schien der Wissensstand der Kinder im Lager Nummer Vier sehr viel geringer zu sein und auch das Gefühl der Perspektiv- und Hoffnungslosigkeit war deutlich zu spüren.

Wenn ich an meinen Einsatz im Libanon zurückdenke, kommt mir zum einen das leicht mulmige Gefühl in den Sinn, als ich vor meiner Abreise die vielen Sicherheitsmanuals durchlas, die mich auf alle Eventualitäten vorbereiten sollten. Angesichts der gelegentlichen Kriegsflugzeuge am nahen Himmel über Syrien und des immer komplizierter werdenden Konflikts war dieses unterschwellige Gefühl dann oft auch im Libanon gegenwärtig.

Hinzu kam, dass so ein Einsatz durchaus an den eigenen Kräften zehrt, so dass ich mich abends und am Wochenende unterschwellig gefragt habe, warum ich das eigentlich mache. Doch diese Gedanken waren sofort weggefegt, sobald ich das nächste Mal in einem der von uns betreuten Zeltlager war und in die großen braunen Augen eines kleines Kindes sah, das mit manchmal struppigem Haar und schmutziger Kleidung hustend vor mir stand.

Ich kann aus vollem Herzen sagen, dass der Einsatz mit humedica mit gewaltigem Abstand das Beste war, was ich im Rahmen eines Kurzzeiteinsatzes in der humanitären Hilfe machen konnte. Wie nirgendwo anders war die Zeit im Libanon mit viel Sinn, Arbeit und Freude erfüllt. Das erstklassige Team und die spitzenmäßigen Vorgesetzten haben viel Empathie und Fröhlichkeit verbreitet. Wenn ich auf diese Zeit zurückblicke, erfüllt mich das immer wieder mit großer Dankbarkeit.“

Unsere Hilfe ist nur dank Ihrer Unterstützung möglich

Bitte bleiben Sie Teil dieser wichtigen Hilfe und unterstützen Sie uns mit einer wertvollen Spende.

Jetzt spenden
Ihr Browser ist veraltet!

Bitte aktualisieren Sie Ihren Browser, um diese Website korrekt darzustellen.

Den Browser jetzt aktualisieren×