Höher? Schneller? Weiter? Ängstlich!

Warum verweigern wir uns in der aktuellen Situation den eigenen Leistungspotenzialen?

von Steffen Richter, 22.10.2015

Der Anruf erreichte uns in Berlin zwischen Keynotes, Keksen und durchaus wertvollem Austausch. Der in der Hauptstadt fest verankerte „Humanitäre Kongress“ ist eine Art Branchentreffen vieler Akteure in der internationalen humanitären Hilfe. Ausgerechnet jetzt, ausgerechnet hier, inmitten vieler zumeist theoretischer Diskussionen um Formen der Hilfe, ihre Sinnhaftigkeit und möglicherweise spannenden neuen Ideen kommt der Hilferuf der Helfer.

Für einen Moment klopft die Realität an die Türen des schicken Veranstaltungsortes in der Charite. „Wann wird die Welt auf diesen Ort schauen?“ Exakt diese Frage fasst den Schock, die Verzweiflung und die vielen unmittelbaren Grenzerfahrungen eines sechsköpfigen Einsatzteams zusammen, das seit Tagen in dem serbisch-mazedonischen Grenzstädtchen Presevo versucht, der Lage Herr zu werden und dem eigenen Auftrag nachzukommen: Hilfe für Menschen in Not. Wie groß diese Not ist, vermögen Worte nicht treffend zu erfassen.

Seit 1979 organisiert humedica vielfältige Formen der Hilfe. Was einst mit dem gezielten Versand von Hilfsgütern an viele Orte unserer Erde begann, hat sich mittlerweile entwickelt, zu einer national wie international anerkannten Hilfsorganisation mit umfangreichem Portfolio. Im Fokus stehen die Ärzteteams, die aufgrund der Beschaffenheit und langen Erfahrung der mittelständischen Unternehmung humedica zu den handlungsschnellsten Katastrophenhelfern weltweit gehören. Im zweiwöchentlichen Wechsel bringen ehrenamtliche medizinische Kräfte ein bemerkenswertes Engagement ein, um im direkten Anschluss wieder in ihren Alltag zurückzukehren.

Viel gesehen haben die humedicaner alleine in der vergangenen Dekade bei ihren Einsätzen. Eine unglaubliche Zahl an Verletzten, Toten und unermesslicher Zerstörung, etwa nach dem Tsunami 2004 oder dem verheerenden Erdbeben in Haiti vor fünf Jahren. Rücksichtslose Brutalität in sinnlosen Kriegen, vermeidbare Hungersnöte und ja, auch riesige Flüchtlingsbewegungen. Jedes Szenario war auf seine Art dramatisch, jeder Einsatz hinterließ Spuren und Lektionen und stärkte die humedica-eigene Motivation.

Da ist dieser reiche Erfahrungsschatz bei den Allgäuer Helfern, die ihre Teams aus ganz Deutschland und partiell darüber hinaus bestücken. Dennoch ist in diesen Tagen irgendetwas anders. „Wir haben ohne jeden Zweifel viel erlebt“, bestätigt Geschäftsführer Wolfgang Groß, der humedica einst mitgründete. „Die aktuelle Situation rund um die Flüchtlingsbewegungen hat jedoch eine neue Dimension.“

Jener eingangs erwähnte Anruf etwa. Hervorragend ausgebildete und auf hohem Niveau für Katastrophenhilfeeinsätze vorbereitete Professionals, die qua Berufsalltag viele erschreckende und traurige und hoffnungslose Zusammenhänge kennen, lassen ihrer Verzweiflung freien Lauf und weinen hemmungslos. Über Tage sehen sie sich konfrontiert mit den dramatischen Folgen von konsequentem menschlichem Egoismus und einer resultierenden Ignoranz.

Presevo ist eine zentrale Registrierungsstelle für Flüchtlinge, die über Mazedonien und Österreich weiter in den Norden oder Westen Europas reisen möchten, um dort endgültig Asyl zu beantragen. Nichts ist an diesem unter normalen Umständen sicher nicht unwirtlichen Ort auf bis zu 10.000 Neuankömmlinge täglich vorbereitet. Die Registrierung ist für Flüchtlinge zwingend, die Schlange zieht sich scheinbar endlos in einem schmalen, massiv gesicherten Streifen entlang der Straßen Presevos.

Diese Menschen wissen, wie es sich anhört, anfühlt, wenn Fassbomben fallen, Giftgas seine abscheuliche Wirkung entfaltet, brutalster Häuserkampf tobt. Diese Menschen fühlten so etwas wie Erleichterung, als sie den bedrohlichen Ort, einst Heimat, verließen, sich in Sicherheit wähnten. Und diese Menschen stehen nun in Presevo in einer absurden Schlange. Stundenlang. Tagelang. Männer, Frauen, Kinder, Babys, alle Altersgruppen sind vertreten. Sie sind alle verzweifelt, verwundet an Körper, Seele und Geist. Sie sind alle nass bis auf die Haut. Hungrig. Durstig. Sie sehnen sich alle nach Frieden, Wärme, Freundlichkeit, Verständnis. Und alle werden sie in diese Schlange gezwungen. Auch wenn es im Grunde keiner der Autoritäten ausspricht, die wenigen Helfer kennen den Grund für die extrem schlechten Bedingungen und deren Botschaft: Hier soll keiner bleiben, nur weil er plötzlich anfängt, sich wohl zu fühlen.

„Wir arbeiten alle im Akkord, behandeln Patienten, schenken heißen Tee aus, verteilen Lebensmittel, ziehen Kinder um, verteilen Plastiktüten als behelfsmäßige Regenponchos. Die Kleidung geht uns meist schon nach kurzer Zeit aus, dann wickeln wir wenigstens noch Plastiktüten um die Kinder. Sie weinen, wimmern oder geben gar keinen Laut mehr von sich“, wird Victoria Tappe-Wenz an einem ihrer traurigen Tage in Presevo in den humedica-Einsatzblog schreiben.

Und die niederländische Krankenschwester Astrid de Kuijer ergänzt: „Das ist der erste Einsatz, bei dem ich während meiner Arbeit weinen muss. Von allen humedica-Einsätzen, in denen ich bis jetzt war, ist das bei weitem der traurigste. Allen Teammitgliedern laufen die Tränen übers Gesicht, schweigend fahren wir weiter zu unserer Unterkunft."

Am Telefon geben wir unser Bestes, machen Mut, diskutieren weitere Maßnahmen, stehen zur Seite. Alle humedica-Einsatzkräfte bleiben am Punkt der Verzweiflung nicht stehen, sondern geben weiter alles, was sie haben. Sie dienen. Sie leben Nächstenliebe. Dennoch bleiben Fragen nach dem Anruf von einem der schwierigsten Orte Europas in diesen Tagen. Und Erkenntnisse.

Langsam wird klar, was so anders ist an diesem Einsatz und die Helfer so zu schocken vermag. In allen anderen Katastrophen will die Welt den Betroffenen helfen, trösten, beistehen, gerne auch über längere Zeiträume. Diese Bereitschaft gilt offensichtlich nicht für die aktuelle Flüchtlingskatastrophe. Ja, ihr habt Krieg. Ja, dann flieht eben aus eurer Heimat. Aber, nein, bitte nicht zu uns.

Presevo steht weithin sichtbar und anklagend für kollektives europäisches Versagen, wenn es darum geht, die vielzitierten Werte und Überzeugungen, die eigene Kultur aus der beschwingten, irgendwie aber auch unverbindlichen Theorie in die bisweilen wenig famose Wirklichkeit zu hieven. Dies gilt uneingeschränkt für die europäischen Hegemonialmächte aber auch für die vielen Mitläufer der Solidargemeinschaft, die niemals zuvor weniger eine war wie heute. Nicht einmal die jüngsten Krisen um Griechenland offenbarten die Egozentrik der Mitgliedsstaaten deutlicher als die Herausforderungen jetzt.

Ein Zoom auf Deutschland sorgt zeitnah für weitere Erkenntnisse. In einer unschlüssigen Mischung aus mühsam erkämpfter Willkommenskultur, die von einer Mehrheit der Bevölkerung getragen wird, und Gefühlsregungen, die man mit viel gutem Willen im Bereich der Angst verorten kann, schleppt sich die Wirtschaftsmacht Deutschland durch zunächst weitgehend organisatorische Aufgaben, immer auf der Suche nach einer Identität und einer sinnvollen Positionierung im wilden Fahrwasser der Meinungen und Interessen. Was bleibt, wenn ich die aktuelle Situation in Deutschland, alle Stammtischdiskussionen und politische Artikulation inkludiert, auf eine Ebene sich logisch ergebender Fragen bekomme?

Im Grunde geht es hierzulande nicht um den braunen Mob, den es unabhängig von sich verändernden gesellschaftspolitischen Umgebungsbedingungen immer in einem kontrollierbaren Umfang geben wird – zu verlockend ist das soziale Prinzip, den vermeintlich Schwächeren für die eigenen Unzulänglichkeiten zu belangen oder zu verleumden. Es geht auch nicht um die Wutbürger, die sich über fragwürdige Protagonisten eine mediale Geilheit zu Nutze machen, um am Ende des Tages eine Priorität zu verkörpern, die ihnen nicht zusteht. Zuletzt entlarvten sich diese Menschen auf sehr öffentlichkeitswirksame Weise und überaus regelmäßig selbst. Man könnte von klassischen Knieschüssen sprechen.

Muss nicht vielmehr die Frage auf den Tisch, warum wir als Nation, deren Organisationsfähigkeit, Ingenieurskunst und Wirtschaftskraft weltweit gewaltige Reputation genießt und weitaus gewaltigere Gewinne generiert, vor einer durchaus herausfordernden, aber sicher nicht unlösbaren Aufgabe weiße Fahnen in Betracht ziehen und uns damit unseren eigenen Leistungspotenzialen entziehen?

Die deutsche Geschichte ist ein Buch mit vielen Kapiteln, in denen Situationen wie die aktuelle bewältigt wurden, erfolgreich und durchaus nachhaltig bewältigt. Wir Deutsche können Wiederaufbau, Einheit, Hochwasser, Rückstände kurz vor dem Schlusspfiff und viele andere knifflige Aufgaben lösen. Immer dann, wenn es um Gewinnmaximierung, wirtschaftliche Ziele und den avisierten Wohlstand geht, gilt für uns die Maxime „Höher! Schneller! Weiter!“ Keine Angst vor der eigenen Courage, im Gegenteil. Wachsen wir nicht alle an unseren Aufgaben? Sollten wir nicht alle an unseren Aufgaben wachsen? Natürlich gehört ein Umsatz gesteigert, eine Produktivität effizienter ausgestaltet. Sind wir mit dieser Attitüde nicht von Kindesbeinen an konfrontiert? Werden wir nicht entsprechend sozialisiert?

Wie glaubhaft also ist die massiv, auch medial kolportierte Ängstlichkeit ob der bedingt ungewissen Situation um mutmaßlich eine Million Flüchtlinge oder mehr, vielleicht weniger, die am Ende anstrengender Tage den Weg nach Deutschland gefunden haben oder noch finden werden? Auf der Suche nach Schutz, nach Hilfe, nach Frieden. Was genau lähmt uns beim individuellen Praxistest unseres Grundgesetzes, dessen wir uns zu Recht rühmen?

Wir sind kein süßes Häschen kurz vor dem Erstickungstod, weil vor uns keine Schlange liegt.

Ja, es stehen uns unmittelbar und definitiv einige schwierige Herausforderungen ins Haus. Ja, wir werden manche Ziele nur mit Aufwand und Opfern erreichen. Aber sind es Menschen in Not nicht wert, Opfer zu bringen? Trägt nicht auch unser Leben per se das Gefahrenpotenzial in sich, immer mal wieder auf fremde Hilfe, Unterstützung von außen angewiesen zu sein? Und ist es nicht so, dass es uns nur dann kollektiv gutgehen kann, wenn wir über die Grenzen hinweg füreinander sorgen?

Presevo ist immer. Presevo ist überall. Was können Sie tun? Was werden Sie tun?

Anmerkung: Der Kommentar spiegelt die subjektive Meinung von humedica-Pressesprecher Steffen Richter wider und steht nicht zwangsläufig für die Ansichten der Hilfsorganisation humedica.

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