„Tuberkulose ist eine armutsassoziierte Krankheit“

Im Gespräch mit Tuberkulose-Experte Professor Timo Ulrichs

von LKO, 07.08.2015

Jedes Jahr erkranken über neun Millionen Menschen neu an Tuberkulose, circa 1,5 Millionen von ihnen starben allein im Jahr 2013 an der eigentlich heilbaren Krankheit. Damit gehört die Tuberkulose neben HIV/AIDS und Malaria zu den drei großen Killern der Menschheit. Der Berliner Professor Timo Ulrichs ist Experte auf dem Gebiet der Infektionsbiologie und hat mit uns über den Vormarsch und die Gefahr der weltweiten Seuche gesprochen.

Professor Ulrichs, in entwicklungsschwachen Ländern erkranken immer mehr Menschen an Tuberkulose. Warum ist die Infektionskrankheit dort wieder auf dem Vormarsch?

Tuberkulose ist eine armutsassoziierte Infektionskrankheit. In armen Ländern gibt es viel mehr TB-Patienten als in den Industrieländern. Unterernährung, schlechte hygienische Wohnverhältnisse und generell ein erhöhtes Ansteckungsrisiko wegen der vielen offentuberkulösen und oft unbehandelten Patienten in der Umgebung, leisten einer Ausbreitung der Infektionskrankheit Vorschub.

Warum werden die Menschen dort nicht adäquat behandelt? Es gibt ja Therapien.

Tuberkulose ist behandelbar. Eine Kombinationstherapie von vier Medikamenten kann den Erreger aus dem Körper eliminieren. Aber in entwicklungsschwachen Ländern sind die Gesundheitssysteme nur unzureichend ausgestattet, um TB-Patienten adäquat zu diagnostizieren und konsequent zu behandeln. Auch die notwendigen Umgebungsuntersuchungen bei einem Indexfall werden nicht oder nur unzureichend durchgeführt.

Diagnostik, Therapie und Prävention durch geeignete Public-Health-Maßnahmen sind sehr anspruchsvoll und setzen eine gute Infrastruktur im jeweiligen Gesundheitswesen voraus. Hier kann internationale Hilfe an allen genannten Punkten sinnvoll ansetzen.

Ist Tuberkulose ein gesamtgesellschaftliches Problem oder sind, gerade in den entwicklungsschwachen Staaten, nur bestimmte soziale Gruppen betroffen?

Die Tuberkulose ist immer auch ein soziales Problem. Sie breitet sich bevorzugt in gesellschaftlichen Randgruppen wie Obdachlosen, Arbeitslosen, Alkoholikern etc. aus, kann aber auch alle Gesellschaftsschichten betreffen. Die am häufigsten betroffene Altersgruppe ist zumeist die der 25- bis 45-Jährigen, hat also direkte sozioökonomische Auswirkungen, die sich im Bruttoinlandsprodukt und anderen ökonomischen Messparametern niederschlagen.

Was sind die größten Probleme im Kampf gegen Tuberkulose?

Es gibt zwei große Probleme weltweit, die uns daran hindern, die Tuberkulose wirksam zu kontrollieren. Das erste ist die Vergesellschaftung mit HIV/AIDS, besonders im südlichen Afrika. Beide Infektionskrankheiten begünstigen sich gegenseitig – ein HIV-Patient ist immungeschwächt und bekommt leichter eine Tuberkuloseerkrankung. Die Tuberkulose zählt zu den AIDS-definierenden, opportunistischen Infektionen; ein TB-Patient, der sich mit HIV infiziert, erreicht viel schneller das AIDS-Vollbild, weil das Immunsystem in der TB-Abwehr aktiv und damit vom HI-Virus leichter angreifbar ist.

Das zweite Problem ist die rasante Zunahme von Resistenzen, besonders in Osteuropa, Russland und Zentralasien. Unzureichende Kombinationstherapien, mangelnde Regelbefolgung der Patienten und eine Unterversorgung mit den notwendigen Medikamenten, haben besonders in den Jahren unmittelbar nach dem Fall der Sowjetunion dazu geführt, dass sich multiresistente Stämme immer weiter ausbreiten.

Die Wanderungsbewegung dieser Stämme von Ost nach West ist zudem begleitet von einer weiteren Zunahme der Resistenzen pro klinischem Isolat. Man spricht von multiresistenten Erregern (multidrug resistant, MDR), wenn Resistenzen gegen die Medikamente der ersten Linie vorliegen, von extensive multidrug TB (XDR), wenn auch Medikamente der zweiten Linie betroffen sind. In Südafrika wurden kürzlich Erreger isoliert, die als TDR bezeichnet werden, totally drug resistant.

Und wie entwickeln sich diese Resistenzen?

Wenn ohne Information über mögliche bereits zugrundeliegende Resistenzen, also „blind“ behandelt wird, kann es sein, dass die Kombinationstherapie in Wahrheit eine Monotherapie ist. Und gegen eine solche kann der Erreger unter Therapie ohne weiteres eine Resistenz entwickeln. Ungewollt hat man so den bereits vorhandenen drei Resistenzen eine vierte hinzugefügt.

Deshalb ist die mikrobiologische Empfindlichkeitsprüfung unabdingbar für eine adäquate Diagnostik. Sie ist allerdings sehr kompliziert und kann nur von erfahrenem Personal durchgeführt werden. Die WHO fördert deshalb Laborpartnerschaften, um in einem Netzwerk der nationalen Referenzlaboratorien das notwendige Know-how vorzuhalten.

Ist Tuberkulose auch eine reelle Gefahr für Deutschland und den Rest der westlichen Welt?

Viele Einwanderer aus Osteuropa und Russland können eine (oftmals bereits multiresistente) Tuberkulose einschleppen. Jedoch halten sich die Zahlen gerade auch in Berlin als erster Anlaufstelle eher in Grenzen. Resistenzen entstehen aber auch in Deutschland selbst durch unzureichende Behandlung infolge ärztlicher Wissenslücken. Deutschland hat nur eine geringe Anzahl an Neuerkrankungen und deshalb werden TB-Diagnostik, -Therapie und –Prävention nur am Rande gelehrt.

Wie ist der aktuelle Forschungsstand? Gibt es vielversprechende Forschungsansätze die auf eine bessere Behandlung der Krankheit hoffen lassen?

2014 kamen nach Jahrzehnten ohne jeglichen Fortschritt gleich zwei neue Medikamente mit neuen Wirkmechanismen auf den Markt. Diese werden dringend benötigt, da durch die zunehmende Multiresistenz immer weniger Medikamente einsetzbar sind. Es kommt nun darauf an, in den Hochprävalenzländern eine sinnvolle Implementierung der neuen Medikamente zu gewährleisten, damit nicht gleich neue Resistenzen entstehen.

Es hat in den letzten Jahren auch signifikante Fortschritte in der Verbesserung der TB-Diagnostik gegeben, insbesondere bei molekularbiologischen Methoden. Das hat zur Verkürzung der Zeit bis zur Diagnosestellung geführt. Auch gibt es einige Impfstoffkandidaten, die bereits in der klinischen Testung sind. Ob diese wirklich einen Schutz (prä- und postexpositionell) gewährleisten, ist jedoch fraglich. Deshalb sollte die weltweite TB-Kontrolle weiterhin auf die klassischen Public-Health-Methoden zur Eindämmung der Tuberkulose setzen.

Vielen Dank für diese Einblicke und alles Gute für Ihre Zukunft!

Professor Timo Ulrichs hat 2006 das Koch-Metschnikow-Forum mitbegründet, eine Nichtregierungsorganisation, die sich die Förderung der deutsch-osteuropäischen wissenschaftlichen Kooperation auf den Gebieten Medizin und Gesundheitswissenschaften zum Ziel gesetzt hat. Professor Dr. Ulrichs ist Leiter der Sektion Tuberkulose und unterhält eine Vielzahl von Partnerprojekten zur Verbesserung der Diagnostik, Therapie und Prävention der Tuberkulose, besonders in Russland, Georgien und der Republik Moldau.
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