Hoffnungslos und verzweifelt

Im Gespräch mit Alban Bytyqi, Leiter der humedica-Kindertagesstätte im Kosovo

von LKO, 06.03.2015

Immer mehr Menschen im Kosovo packen ihre Sachen und verlassen ihr Land in Richtung Westeuropa. Mit im Gepäck ist die Hoffnung auf ein besseres Leben, das ihnen ihre von Armut und Arbeitslosigkeit gebeutelte Heimat nicht bieten kann.

Mit Alban Bytyqi, dem Leiter der humedica-Kindertagesstätte im Süden des Kosovos haben wir über die Motivation hinter der aktuellen Fluchtwelle gesprochen und erfahren, weshalb die Menschen obgleich der unwahrscheinlichen Chance auf Asyl trotzdem fliehen.

Kannst Du uns etwas über die aktuelle wirtschaftliche und soziale Situation im Kosovo erzählen? Wie verdienen die Menschen ihr Geld?

Ich denke, dass die wirtschaftliche Situation aktuell so schlecht ist, wie seit dem Kriegsende im Jahr 1999 nicht mehr. Nach dem Krieg hofften die Menschen auf einen wirtschaftlichen Aufschwung, ein besseres Leben. Niemand dachte daran, das Land zu verlassen. Es kamen sogar Menschen aus anderen europäischen Ländern in den Kosovo zurück, weil sie annahmen, dass sie hier eine bessere Zukunft für sich und ihre Kinder finden würden.

In den vergangenen sechs Monaten wurden viele Kosovaren so verzweifelt, dass sie das Land ohne ein genaues Ziel vor Augen verließen. Sie nehmen ihre Familien, ihre kleinen Kinder, verkaufen alles was sie haben und hoffen, dass sie anderswo etwas zu essen auf den Tisch bekommen. Die wenigen Menschen, die hier noch einen Job haben, arbeiten meistens im Baugewerbe oder in der Landwirtschaft.

Hier, wo ich wohne, leben die Menschen vom Gemüseanbau wie Paprika, Tomaten oder Kartoffeln. Aber ihr Einkommen von vielleicht 250 Euro reicht nicht zum Leben. Selbst Lehrer verdienen gerade einmal 350 Euro im Monat. Es ist einfach zu wenig, um eine Familie zu versorgen.

Wer ist von der schwierigen Lage besonders betroffen?

Die schlechten Verhältnisse betreffen beinahe jeden. Ich glaube, die aktuelle Arbeitslosenquote liegt bei 50 Prozent. Das ist verrückt! Natürlich leiden die Unterschicht und die Sozialhilfeempfänger besonders. Die Familien, in denen niemand Arbeit findet, sind sehr verzweifelt.

Macht sich diese Situation auch im gesellschaftlichen Miteinander bemerkbar?

Nun, wenn eine komplette Generation von Jugendlichen keine Zukunft im eigenen Land sieht und jede kleinste Chance nutzt, um von hier weg zu kommen, hat das natürlich Auswirkungen auf das soziale Leben. Und es gibt auch eine Vielzahl negativer Begleiterscheinungen. Überall sind die Menschen hoffnungslos und verzweifelt. Niemand blickt sorglos in die Zukunft.

In der humedica-Kindertagesstätte ist die Situation noch in Ordnung. Bis jetzt haben noch keine Kinder mit ihren Familien das Land verlassen. Aber andere Orte im Kosovo sind von der illegalen Massenflucht nach Westeuropa schwer gezeichnet. Allein in den letzten drei Monaten sind über 60.000 Menschen gegangen.

Die Lage im Kosovo ist bereits seit einigen Jahren schlecht. Warum entscheiden sich so viele Menschen gerade jetzt zu einer Flucht? Was erwarten sie von Westeuropa?

Ich denke, die Menschen erwarten überhaupt nichts. Es geht bei ihrer Flucht nicht um Erwartungen, sondern viel mehr um die Hoffnung, dass sich jemand erbarmt und ihnen ein besseres Leben ermöglicht. Die Flucht über Serbien und Ungarn sehen viele als ihre letzte Chance. Erst dort entscheiden sie, wie sie am besten weiterreisen, um nicht erwischt zu werden. Manche sind sich bereits von vornherein bewusst, dass sie abgefangen werden, aber selbst das hält sie nicht davon ab es zu versuchen. Es ist wirklich schlimm.

Und das, obwohl die meisten von ihnen wissen, dass sie in Ländern wie Deutschland oder Österreich kaum eine Chance auf Asyl haben…

Ja, es ist paradox. Nach logischen Gesichtspunkten macht eine Flucht überhaupt keinen Sinn. Aber ich denke, das ist einfach die Folge der fehlenden Perspektiven im Kosovo. Die Regierung versucht, die Menschen zum Bleiben zu bewegen, indem sie erklärt, dass man nach der gescheiterten Flucht mit Sicherheit noch ärmer in den Kosovo zurückkommen wird, als man ihn verlassen hat. Hoffentlich funktioniert diese Warnung.

Du hattest Glück und hast einen festen Job. Nun hast Du sogar beschlossen zu heiraten. Hast Du keine Angst, dass die schlechte Wirtschaftslage irgendwann auch deine zukünftige Familie betreffen könnte?

Ja, das stimmt. Mit meiner Arbeit für humedica habe ich großes Glück und ich kann es kaum erwarten im Mai endlich zu heiraten. Natürlich mache ich mir auch Gedanken um die Zukunft meiner Familie. Es wäre naiv, den Tatsachen nicht ins Auge zu sehen. Aber ich bin Christ und glaube, dass Gott die Dinge zum Guten wenden wird. Ich bete dafür, dass meine Familie nicht von der Krise betroffen sein wird.

Wie wird sich die Situation im Kosovo nach deiner Meinung weiterentwickeln?

Das ist schwer zu sagen. Ich denke, dass früher oder später alle Flüchtlinge wieder zurückkehren müssen. Das wird die Situation hier noch schwieriger machen. Ich hoffe, dass sich die Regierung ihrer Pflicht bewusst wird, neue Arbeitsplätze schafft und arme Familien besser unterstützt. Wie das funktionieren soll, weiß ich nicht und wir können nur abwarten was passiert. Wie auch immer es weitergeht, es bleibt ein ungutes Gefühl.

Vielen Dank für diese Einblicke. Wir wünschen Dir und den Menschen im Kosovo alles Gute.

humedica bemüht sich mit vielfältigen Hilfsmaßnahmen um eine Verbesserung der Lebensumstände im Kosovo und versucht den Menschen eine Alternative zur Flucht zu bieten. Bitte unterstützen Sie dieses Engagement mit einer konkreten Spende und werden Sie Teil wertvoller Hilfe für unschuldig in Not geratene Menschen. Vielen Dank!

      humedica e. V.
      Stichwort "Kosovo"
      IBAN DE35 7345 0000 0000 0047 47
      BIC BYLADEM1KFB
      Sparkasse Kaufbeuren

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