„Die schlechte Lage raubt den Menschen die Hoffnung!“

Im Gespräch mit humedica-Arzt Armond Ghazari

von LKO, 05.06.2015

Vor einigen Wochen machte der plötzliche Flüchtlingsstrom aus dem Kosovo nach Westeuropa Schlagzeilen. Die Beweggründe der Kosovaren wurden analysiert und schnelle Abschiebungsmöglichkeiten konzipiert. Viele Flüchtlinge mussten inzwischen wieder in ihre Heimat zurückkehren, wo sie sich erneut mit der unverändert schlechten Wirtschaftslage und fehlenden Perspektiven konfrontiert sehen.

Der Bad Nauheimer Arzt Armond Ghazari leistete im vergangenen Jahr medizinische Hilfe für die verarmte Landbevölkerung im Süden des Kosovos. Für diesen Hilfseinsatz mit humedica ist er nun ausgezeichnet worden. Was ihm diese Auszeichnung bedeutet und ob er die Fluchtintention der Kosovaren nachvollziehen kann, erklärt er im Interview.

Im vergangenen Jahr warst Du für humedica als Arzt im Kosovo. Wie war dein Eindruck von Land und Leuten?

Die Kosovaren sind äußerst hilfsbereit, offen und gastfreundlich. Familie und Freunde werden sehr geschätzt und das Gastrecht wird im Kosovo hochgehalten. Trotz der Sprachbarriere wurden wir sehr oft von wildfremden Menschen auf einen Kaffee eingeladen. So lud uns ein Bauer in Krushe e Vogel, dem Standort der humedica-Kindertagesstätte, zu Ayran und Kaffee ein, als wir zufällig an seinem Haus vorbei liefen.

Da wir täglich von neun bis etwa 15:30 Uhr in ambulanten Kliniken tätig waren, blieb uns nicht viel Freizeit. Dennoch konnten wir unsere verbleibende Zeit gut nutzen, um auch das Land kennenzulernen. Insgesamt ist mir aufgefallen, dass die Entwicklung außerhalb der Großstadt Prizren noch lange nicht so weit fortgeschritten ist, wie erwünscht bzw. erhofft. Davon zeugen auch einige Häuser, an denen die Bombeneinschläge von damals noch deutlich erkennbar sind.

Und welche Krankheitsbilder begegneten Dir während deiner medizinischen Arbeit?

Die Mehrheit der Patienten waren Erwachsene, die vor allem mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu uns kamen. Es kamen jedoch auch Eltern mit ihren Kindern. Hier standen vor allem grippale Infekte im Vordergrund. Unsere Hilfe war jedoch mitunter nur eingeschränkt möglich, da uns begrenzte Untersuchungsmittel zur Verfügung standen.

In derartigen Situationen wird einem dann schnell bewusst, wie gut das medizinische System in der Bundesrepublik Deutschland funktioniert, welche diagnostischen Möglichkeiten wir hier haben und auf welch hohem Niveau wir Medizin praktizieren können. Die medizinische Hilfe, die wir in diesen zwei Wochen im Kosovo leisten konnten, wurde von den Menschen dennoch dankbar angenommen und es war eine Freude zu sehen, wie sehr sich die Menschen bereits über ein Lächeln oder über das, was wir ihnen anbieten konnten, freuten.

Immer mehr Kosovaren versuchen nach Westeuropa zu flüchten, um dort Fuß zu fassen. Kannst Du die Fluchtintentionen der Menschen nach deinen Erfahrungen im Kosovo nachvollziehen?

Nun, die Gehälter sind derart niedrig, dass von allen Seiten der Wunsch wächst, nach Westeuropa zu gehen, um einfach mehr Wohlstand zu haben. Ich erlebte viele Menschen, die den Wunsch hatten, nach Westeuropa auszureisen. Die politische Instabilität, die schlechte wirtschaftliche Lage, Korruption, Vetternwirtschaft und mangelnde Rechtstaatlichkeit haben den Menschen die Hoffnung und Perspektive geraubt.

Weil der Kosovo das einzige Land auf dem Westbalkan ist, dessen Bürger noch immer ein Visum für die legale Einreise in den Schengen-Raum benötigen, versuchen viele, zusätzlich einen serbischen Pass zu beantragen, um eine legale Ausreise zu gewährleisten. Die Fluchtintention ist sicherlich nachvollziehbar, jedoch stellt sich hier klar die Frage, ob Flucht die Lösung aller Probleme darstellt.

Ein Großteil der Flüchtlinge erhält kein Asyl und muss wieder zurück. Wie wird sich die humanitäre Situation deiner Einschätzung nach im Kosovo weiterentwickeln?

Eine schwierige Frage. Grundsätzlich kann ich dazu nur sagen, dass es unter Berücksichtigung der aktuellen, humanitären Situation eine Weiterentwicklung braucht. Nur so erhalten die Menschen im Kosovo eine faire Chance, etwas aus sich und ihrem Land zu machen.

Für deinen Hilfseinsatz wurdest du nun unerwartet von deinem Krankenhaus ausgezeichnet…

Ja, ich bin sehr glücklich und stolz, den "Klövekorn Award" erhalten zu haben. Er bedeutet eine Anerkennung der Arbeit, die sowohl ich persönlich, also auch humedica im Rahmen der internationalen Hilfe leistet. Der Preis ist gleichzeitig eine Anerkennung dafür, dass wir auf dem richtigen Weg sind und die richtige Arbeit tun. Das gibt mir den Mut, diese Arbeit auch weiterhin zu leisten, denn wachsen kann man nur, indem man auch etwas anderes macht.

Planst Du dann auch schon deinen nächsten Hilfseinsatz?

Es stand für mich schon immer fest, als Arzt auch in der Entwicklungshilfe tätig zu sein, um Menschen, die sich aus finanziellen Gründen keinen Zugang zur Medizin leisten können, Hilfe zu ermöglichen. Und obwohl es aktuell noch keine konkreten Planungen gibt, wird es für mich mit Sicherheit einen nächsten Einsatz geben.

Das freut uns zu hören. Vielen Dank für deine Zeit und alles Gute!

Das Preisgeld des "Klövekorn Awards“ in Höhe von eintausend Euro spendete Armond Ghazari vollständig für die Hilfsmaßnahmen von humedica. Dafür möchten wir uns, auch im Namen aller Hilfeempfänger, von ganzem Herzen bedanken!

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