Die langsame Genesung Haitis

Damals und heute

von LKO, 12.01.2015

Am 12. Januar 2010 bebte die Erde auf Haiti wie nie zuvor in der Geschichte Amerikas. Mit einer Stärke von 7,0 auf der Richterskala forderte das Beben über 300.000 Todesopfer, eine ähnliche Zahl Verletzter und über zwei Millionen Obdachlose. Die mangelnde Infrastruktur, gepaart mit einer schlechten Vorsorgeplanung, stürzte das kleine Entwicklungsland ins Chaos und erforderte umfassende Hilfe von außen.

humedica reagierte gewohnt schnell und entsendete bereits wenige Stunden nach der Katastrophe ein medizinisches Ersteinsatzteam in die unweit des Epizentrums gelegene Hauptstadt Port au Prince.

Rund 100 Einsatzkräfte behandelten in den kommenden Wochen und Monaten Verletze, richteten Knochenbrüche, amputierten Gliedmaßen.

Als sich die humanitäre Situation gerade zu entspannen schien, forderte der Ausbruch einer Cholera-Epidemie im Oktober 2010 eine neue Welle an Todesopfern, denen humedica mit einem umgehenden Einsatz gut ausgestatteter Ersthelfer Rechnung trug.

Heute, fünf Jahre nach dem Katastrophenjahr, ist das Leben für die krisengebeutelten Haitianer zwar besser, doch noch lange nicht einfach. Fortschritte im Wiederaufbau stehen in drastischem Kontrast zu weiterhin grassierenden Infektionskrankheiten wie Cholera oder der Schweinepest. Langsames Wirtschaftswachstum steht gegenüber weit verbreiteter Armut.

Nach umfassender Hilfe in Form von medizinischer Unterstützung, Familienpatenschaften und Hilfsgüterverteilungen, engagiert sich humedica auf Haiti weiterhin mit verschiedenen Wiederaufbauprojekten. Um die aktuelle Situation von Land, Leuten und humedica-Projekten, weiß Mitarbeiterin Carmen Wolf, die das Land vor wenigen Wochen besuchte:

Ein persönlicher Einblick: „Die Lebensumstände bleiben schwierig“

„Als ich am Flughafen in Port-au-Prince ankomme, bin ich überrascht: Er ist einem tadellosen, modernen Zustand, alles ist sauber, gepflegt und gut organisiert. Außerhalb des neuen Gebäudes sieht es anders aus. Viele Straßen der haitianischen Hauptstadt sind nicht geteert.

Die unzähligen, vermüllten Seitenstraßen sind nichts anderes als lose Schotterpisten mit großen Schlaglöchern, die den Autos und ihren zurückhaltenden Fahrern alles abverlangen. Es verwundert nicht, dass unter diesen Umständen hauptsächlich Geländewagen auf den Straßen zu sehen sind. Selbst die bunten Tap-Taps, die öffentlichen Kleinbusse, sind ausnahmslos umgebaute Pick-ups.

Während meiner Fahrt durch die Millionenstadt sehe ich nur eine einzige Ampel, die aufgrund der turbulenten Zustände ständig auf Rot steht, sodass der Verkehr von einem Polizisten geregelt werden muss. Niemand trägt einen Gurt, kein Mopedfahrer einen Helm und die Motorradtaxis sind mit bis zu sieben Menschen meist hoffnungslos überladen.

Zwischen dem chaotischen Verkehr sehe ich immer wieder Straßenverkäufer mit Bergen von Avocados, Mangos und Gebäck, sowie Kinder in ordentlichen und sauberen Schuluniformen. Überhaupt scheinen alle Menschen sehr gut gekleidet.

Unsere Projektpartnerin Annelise Gutmann wird mir später erklären, dass die Haitianer nur mit ordentlicher Kleidung aus dem Haus gehen und es so auch schon mal vorkommt, dass Familienmitglieder Kleidungsstücke teilen und man ein Hemd an einem Wochenende an drei verschiedenen Körpern sieht. Sie ergänzt die Erklärung mit einer persönlichen Anekdote: Ihr Kirchenchor erschien eines Sonntags nicht zum Gottesdienst, da der Chorleiter nicht außer Haus konnte, weil seine guten Schuhe vom eigentlichen Besitzer benötigt wurden.

Zeltstädte oder Ruinen, die das Stadtbild nach dem Erdbeben lange Zeit prägten, sind heute nicht mehr zu sehen. Ortskundige erzählen mir jedoch, dass viele Häuser trotz internationaler Versprechen noch immer nicht fertig renoviert und die Lebensumstände schwierig sind.

Bei einem Besuch in der von humedica finanzierten Prothesen- und Orthesenklinik ist von dem anfänglichen Patientenansturm nichts mehr zu merken. Der Ablauf ist ruhig und dank Orthopädietechniker Nyavo professionell organisiert. Im Moment betreut er elf Patienten, die eine Prothese- oder Orthese benötigen.

Ein ähnliches Bild bietet sich mir auch auf dem Baugelände einer neuen Schule, an der sich humedica dank der Unterstützung von BILD hilft e.V. – „Ein Herz für Kinder“ ebenfalls finanziell beteiligt. Die behinderten Schüler und Schülerinnen stammen aus dem angegliederten Kinder- und Waisenhaus, über dem ein unglaublicher Friede und eine warmherzige Atmosphäre herrschen.

Die Fröhlichkeit der Kinder ist ansteckend. Alle können es kaum erwarten, endlich die neue Schule zu besuchen und damit nicht mehr die lange tägliche Busfahrt auf sich nehmen zu müssen.

Drei Stunden südwestlich von Port-au-Prince besuche ich das Dorf Meyer. Nach dem Erdbeben renovierte humedica das alte Schulgebäude, wo heute Bücherei, Krankenstation und Büroräume unserer Projektpartnerin Annelise Gutmann untergebracht sind. Es gibt keine Stromversorgung und an allen Ecken und Enden dieser in grünen, saftigen Wäldern platzierten Gemeinde besteht Reparatur- und Renovierungsbedarf, den humedica mit finanzieller Unterstützung ermöglicht.

Das größte aktive humedica-Projekt auf Haiti, befindet sich jedoch in dem kleinen Dorf Tapio nördlich der Hautstadt, wo durch Spendengelder der Firma Roma KG zwei Waisenhäuser wiederaufgebaut werden konnten. 37 Jungen und Mädchen werden aktuell von Bischof Père Bienaimé und seinen Mitarbeitern betreut und erhalten die Möglichkeit in einer sicheren und liebevollen Umgebung aufzuwachsen.

Zurück in Port-au-Prince wird mir klar: Obwohl seit dem Erdbeben viel geschafft wurde, sind Land und Leute noch immer von schwerer Armut und Unterversorgung geprägt. Doch langsam, Schritt für Schritt, entwickeln sich auf Haiti neue Perspektiven und ein Leben nach der Katastrophe beginnt.“

Um langfristigen Abhängigkeiten entgegenzuwirken und den Menschen eine durch Selbstständigkeit und Eigeninitiative geprägte Zukunft zu ermöglichen, übergibt humedica die Projektverantwortungen auf Haiti sukzessive an lokale Kräfte. Auf diesem Weg erhalten die Bewohner des Inselstaates die Chance, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und ihre Zukunft eigenverantwortlich zu gestalten.

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