Vier Jahre Bürgerkrieg in Syrien: „Facetten des Krieges“

von Steffi Gentner/LKO, 31.07.2015

Seit vier Jahren zwingt der immer brutaler und auswegloser werdende syrische Konflikt seine Bevölkerung zur Flucht. Fernab ihrer Häuser und Städte sind die Syrer gezwungen, die Zerstörung ihrer Heimat, einst kulturelles Mekka des Nahen Ostens, mitanzusehen. Wann sie nach Syrien zurückkehren können, vermag niemand zu sagen. Vielmehr drängt sich das „ob“ dieser Frage auf. Und so leben inzwischen fast vier Millionen Syrer in den angrenzenden Ländern Libanon, Türkei, Jordanien und Irak, zum Teil unter menschenunwürdigen Bedingungen.

Was macht so ein Leben mit einem Menschen? Mit einer Mutter, die Mann und Söhne in den Kämpfen verloren hat? Mit einem Kind, dem ein übergeordneter Konflikt die Zukunft raubt? Was macht die Existenz von Millionen Flüchtlingen mit einem kleinen Land, wie dem Libanon? Wann ist die Schmerzgrenze erreicht?

Die humedica-Reihe „Facetten des Krieges“ beleuchtet diese Fragen, gibt den Betroffenen ein Gesicht und erklärt die Schlagkraft eines Konflikts dieses Ausmaßes.

Was bleibt?

Im fünften und letzten Teil unserer Reihe über den syrischen Bürgerkrieg und seine Opfer, stellt sich zwangsläufig die Frage, wie es mit den Flüchtlingen, den Aufnahmeländern und der humanitären Hilfe weitergehen wird, ja weitergehen muss. Welche Herausforderungen stellen sich den Betroffenen in der Zukunft? Wie erhalten Flüchtlingskinder eine faire Perspektive? Und was bleibt den Menschen schließlich in ihrer Not?

Immense Herausforderungen für Flüchtlinge und Aufnahmeländer

Die anhaltende Gewalt in Syrien stellt sowohl die Flüchtlinge, als auch deren Aufnahmeländer vor immer schwierigere und größere Aufgaben. Allein im libanesischen Bekaa-Tal an der direkten Grenze zu Syrien, existieren inzwischen über eintausend informelle Flüchtlingssiedlungen mit mehr als vier Zelten.

Zwar fiel die Zahl der neu registrierten Flüchtlinge von 10.000 pro Woche im August 2014 auf aktuell 3.000, doch dieser Umstand ist einzig den neuen Visabestimmungen der libanesischen Regierung geschuldet, die einreisende Syrer zum Vorweisen einer Unterkunft sowie finanziellen Sicherheiten verpflichtet. Aus Sicht des kleinen Libanons wohl verständliche Anforderungen, wenn man bedenkt, dass auf vier Millionen Einwohner inzwischen 1,2 Millionen registrierte Flüchtlinge kommen. Doch trotz bürokratischen Schranken steigt die Zahl der schutzsuchenden Menschen immer weiter – ein Ende ist nicht in Sicht.

Und so steht das Aufnahmeland Libanon weiterhin vor der immensen Herausforderung, Hilfe für die syrischen Flüchtlinge zu ermöglichen, ohne dabei die eigene bedürftige Bevölkerung zu vernachlässigen. Die Akzeptanz letzterer schwindet wegen der immer knapper werdenden Ressourcen und der immer größer werdenden Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt zunehmend.

Noch größer sind die Herausforderungen nur für die syrischen Flüchtlinge selbst: Wegen des, zumindest offiziell geltenden, Arbeitsverbots und den zunehmenden Kürzungen der humanitären Hilfe, stehen Viele vor der existenziellen Frage, wie sie mit ihrer Familie überleben sollen. Schätzungen zufolge benötigt eine fünfköpfige Flüchtlingsfamilie mindestens 435 Dollar im Monat, um ihr Existenzminimum zu sichern. Wer dieses Geld nicht hat, ist zwingend auf die Unterstützung von Hilfsorganisationen angewiesen.

Insbesondere der Blick auf die Nahrungsmittelversorgung bereitet inzwischen größten Grund zur Sorge: Aus Geldmangel fuhr das Welternährungsprogramm seine Unterstützung enorm zurück und lädt die elektronischen Lebensmittelkarten, die an registrierte Flüchtlingsfamilien ausgegeben werden, nur noch mit 13,50 Euro im Monat auf. Umgerechnet sind das 45 Cent am Tag und damit deutlich zu wenig, um in einem vergleichsweise teuren Land, wie dem Libanon, zu überleben. Wie die nicht registrierten Flüchtlinge und Familien ohne Lebensmittelkarten ihre Existenz in Zukunft sichern werden, bleibt unklar.

Eine verlorene Generation

Der Syrienkonflikt mit all seinen grausamen und fatalen Auswirkungen trifft Kinder besonders hart. Eine immer größere Zahl von ihnen muss mit Kinderarbeit zum Lebensunterhalt der Familie beitragen und damit auf eine Schulbildung verzichten – sofern diese überhaupt möglich ist. Von nationaler und internationaler Seite bestehen zwar große gemeinsame Bemühungen, möglichst vielen Kindern einen Schulbesuch zu ermöglichen, doch auch die erreichen nur etwa ein Viertel aller Flüchtlingskinder im Libanon.

Trotzdem tut das Land, was es kann: Die erreichten Kinder erhalten Förderunterricht, psychosoziale Unterstützung und einen kostenlosen Transport in die nächste Schule. Zusätzlich gibt es Fortbildungsmaßnahmen für Lehrer, um die Kinder möglichst schnell an den libanesischen Lehrplan zu gewöhnen.

Doch trotz größter Bemühungen werden bei den aktuellen Voraussetzungen auch in Zukunft nicht alle Flüchtlingskinder erreicht werden können. Der Syrienkonflikt gebiert eine verlorene Generation, die in ihrem Leben bis jetzt nichts anderes kennt, als Krieg und Flucht. Wann und ob sie jemals zurückkehren kann, um ihre ehemalige Heimat wieder aufzubauen, bleibt fraglich.

Umso wichtiger ist es jetzt, die Ernährung, Bildung und medizinische Versorgung der Kinder durch umfassende internationale Hilfe zu sichern, und ihnen damit zumindest die Chance auf eine bessere Zukunft zu ermöglichen.

Die Hilfe muss weitergehen

Die unlösbar scheinenden Herausforderungen, mit denen sich die syrischen Flüchtlinge und ihre Aufnahmeländer, wie der Libanon, konfrontiert sehen, schlussfolgern nur eine mögliche Handlungsanweisung: Die internationale humanitäre Hilfe muss weitergehen und dabei deutlich intensiviert werden. Das unvorstellbare Leid der Betroffen muss nach allen Kräften gelindert werden.

humedica kann durch die Unterstützung des Auswärtigen Amts der Bundesrepublik Deutschland weiterhin konkrete medizinische Hilfe für die syrischen Flüchtlinge im Bekaa-Tal leisten. Durch diese Hilfe können täglich Leben gerettet, Kranke behandelt und ein Mindestmaß an Menschlichkeit garantiert werden. Wann das Martyrium der syrischen Flüchtlinge ein Ende finden wird, kann heute noch niemand sagen. Umso deutlicher stehen wir in der Pflicht der Hilfe – Bitte werden Sie ein Teil davon!

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