Nothilfe für die Opfer des Erdbebens

von Dorothea Hörsch, Maren Wiese, 13.05.2015

Es ist eine Katastrophe enormen Ausmaßes: Das schwere Erdbeben in Nepal forderte tausende Tote, noch mehr Verletzte und Zerstörung soweit das Auge reicht. Auch Tage nach dem Beben warteten Betroffenen in verschütteten Dörfern auf Hilfe.

Rund um den nordöstlich der Hauptstadt gelegenen Ort Jalbire, leisten die Teams von humedica medizinische Versorgung in schwer zugänglichen Bergdörfern – unter ihnen auch die beiden Koordinatorinnen Dorothea Hörsch und Maren Wiese. In ihrem Blog berichten sie über die aktuelle Situation der Menschen in Nepal und den schweren Weg aus der Schockstarre.

Maren Wiese: Das neue Beben

Der heutige Tag versprach zunächst nichts Außergewöhnliches. Am Morgen kümmern wir uns um Büroarbeit, die auch im Rahmen eines Katastropheneinsatzes erledigt werden muss. Der Höhepunkt des Tages soll dann die Fahrt zum Durbar-Platz in Kathmandus Zentrum werden, wo ich zusammen mit einem Fotografen einige Bilder machen möchte.

Dort ist die Zerstörung unglaublich, Tempel und angrenzende Gebäude sind in sich zusammengefallen. Auf einer Hälfte des Platzes sind Notunterkünfte und Zelte für die medizinische Versorgung aufgestellt, auf der anderen Seite ist alles abgesperrt, da für die vom Erdbeben beschädigten Gebäude eine akute Einsturzgefahr besteht. Doch das Leben muss weiter gehen und so beobachte ich vom Militär geleitete Aufräumarbeiten und Anwohner, die in den angrenzenden Gassen mit dem Wiederaufbau ihrer Unterkünfte beginnen.

Als wir uns in der Innenstadt gerade etwas zu essen holen wollen, bricht um uns herum plötzlich Panik aus, Menschen stürmen an uns vorbei und rempeln uns an. Dann begreife ich es, die Erde bebt. Die Häuser zu beiden Seiten der Straße fangen an zu wackeln und die Schreie um uns werden lauter.

Endlich besinne ich mich und renne dem Strom der fliehenden Menschen hinterher. In der Straße, in die ich einbiege, fällt auf der rechten Seite ein Haus in sich zusammen. Zum Glück muss ich nach links und nach weiteren fünfzig Metern stehe ich auf einem kleinen Schulhof. Hier gibt es keine Häuser, die über mir zusammenstürzen könnten, dafür sehe ich soweit das Auge reicht Menschen, die sich aneinander drängen, schreien, weinen oder einfach nur ausdruckslos vor sich hinstarren.

Dann ist es auf einmal vorbei und der Boden erstarrt. Niemand scheint zu wissen, wie es jetzt weitergehen soll, die meisten bleiben einfach auf dem kleinen Platz stehen, einige beginnen zu telefonieren oder nach Angehörigen zu suchen. Auch wir lösen uns langsam aus unserer Schockstarre und versuchen der Rest unseres Teams anzurufen. Ich erreiche nur einen von ihnen und hoffe inständig, dass den anderen nichts passiert ist.

Um aus der direkten Gefahrenzone der engen Innenstadt zu kommen, kämpfen wir uns durch schmale Gassen zurück auf die großen Straßen. Der Weg ist beengt und gefährlich, doch es gelingt uns schließlich sicher dort anzukommen. Überall sind aufgeregte Menschenmassen. Die Nepalesen sind unglaublich: Menschen unter Schock werden sofort umsorgt und in Sicherheit gebracht, niemand wird allein gelassen.

Als ich auf das Treiben um mich herum blicke, frage ich mich unwillkürlich, wann die Katastrophe endlich vorbei ist? Wann wird in diesem Land wieder Normalität einziehen und wann haben die Menschen endlich ihren Frieden?

Maren Wiese: Es fehlen die Touristen

Heute ging es für mich schon sehr früh mit dem Jeep nach Chautara, dem Ort in dem das Meeting aller Hilfsorganisationen stattfindet, die in der Region Sindhupalchock arbeiten. In allen Regionen, die vom Erdbeben besonders betroffen sind, gibt es solche Treffen, um die Hilfe effektiver zu koordinieren.

Dort erfahre ich, dass alle Bezirke Sindhupalchocks medizinisch gut abgedeckt sind. Es mangelt hauptsächlich an Gesundheitseinrichtungen und Unterkünften. Viele Familien sitzen auf der Straße ohne ein Dach über dem Kopf und mehr als 50 Prozent der Krankenhäuser mussten durch Zelte ersetzt werden.

In dem Dorf Jalbire hat humedica das einsturzgefährdete Krankenhaus ebenfalls durch ein großes Behandlungszelt ersetzt. Unsere Idee, die Klinik wiederaufzubauen, stößt natürlich auf sehr große Sympathien. Je schneller das Krankenhaus wieder intakt ist, desto besser.

Nach dem Meeting halte ich auf dem Weg zurück in unser Hauptquartier in Baktaphur. Dies ist der älteste Teil Kathmandus, der durch das Erdbeben am schlimmsten zerstört wurde. Dort findet man auch den größten Hindu Tempel der nepalesischen Hauptstadt. Von außen sieht er noch intakt aus, innen ist er vollkommen zerstört.

Nepals Staatspräsident stattet dem großen Tempelplatz gerade einen Besuch ab. Er ist von Militär und Fotografen umringt, weshalb ich nur einen kurzen Blick auf ihn erhaschen kann. Langsam zieht die Menschentraube über den Tempelplatz, der eigenartig leer ist.

Während ich das Treiben beobachte, bieten mir fünf Fremdenführer eine Tour zu den Sehenswürdigkeiten Kathmandus an. Man merkt, dass die für sie so wichtigen Touristen fehlen. Auch die Marktstände und Geschäfte sind wie ausgestorben und die berühmte nepalesische Malerei findet trotz halbem Preis keine Abnehmer. Die Menschen wirken verzweifelt. Sie brauchen dringend Geld, um ihre Familien zu ernähren und ihre Häuser wieder aufzubauen. Doch niemand ist hier, der diesen Bedarf stillen kann.

Viele historische Tempel und Gebäude Kathmandus liegen in Trümmern. Foto: Adam Halup

Maren Wiese: „Zeigen, dass wir da sind“

Langsam aber sicher stellt sich eine Art Routine unserer Hilfe ein: Wie schon gestern, teilt sich unser Team auch diesen Morgen wieder in zwei Gruppen auf. Ein Teil wandert in das abgelegene Bergdorf Katike, der Rest bleibt im Krankenhaus in Jalbire.

Weil die dortige Klinik durch das Beben so stark beschädigt wurde, haben unsere Mediziner eine Art Zeltklinik aufgebaut und damit einen vergleichsweise sicheren Raum für die Verletzten geschaffen. Einer der ersten Patienten von heute ist ein alter Mann. Er erzählt uns, dass er während des Erdbebens verschüttet wurde. Eine unendlich lange Stunde lag er unter den Trümmern begraben, doch zum Glück wurde er rechtzeitig gefunden und konnte gerettet werden. Jetzt klagt er über Schmerzen beim Atmen und schweren Husten. Um seine Heilung so angenehm wie möglich zu machen, verschreibt ihm unsere Ärztin Schmerzmittel.

Auch sein Retter verletzte sich, während er ihn mit bloßen Händen aus den Trümmern befreite. Unser Team behandelt die dabei entstandene Wunde an seinem Fuß ganz vorsichtig. Es ist nicht nur die Behandlung der körperlichen Blessuren, die für die Betroffenen jetzt von Bedeutung ist. Viele Menschen haben durch das Erdbeben traumatische Erfahrungen gemacht, sie haben Angehörige und Freunde verloren. Es ist ein wichtiger Teil unserer Hilfe, den Opfern nun ein offenes Ohr für ihr Schicksal zu schenken und ihnen zu zeigen, dass sie nicht auf sich alleine gestellt sind.

Bei der Behandlung von Verletzten setzen die Mediziner von humedica auf Fingerspitzengefühl. Foto: humedica/Maren Wiese

Maren Wiese: Der schwere Weg zur Hilfe

(08. Mai 2015)

Katastrophen kennen kein Wochenende oder einen freien Tag und so brechen beide humedica-Teams auch heute wieder in das Bergdorf Jalbire auf, um Hilfe zu leisten. Ein Team wird ein Krankenhaus unterstützen, das schwer erreichbar weit oben in den Bergen liegt. Das andere wandert weiter nach Katike, ein kleines Dorf, das bis jetzt von der Außenwelt abgeschnitten war und noch keine Hilfe gesehen hat.

Der Weg zu diesen Orten führt an einem Fluss entlang, und während es auf der einen Seite steil bergauf geht, geht es auf der anderen Seite hunderte Meter in die Tiefe. Wegen immer wieder auftretenden Erdrutschen ist die Straße nur schwer passierbar und hinter Jalbire kommt selbst unser großer Jeep nicht mehr weiter. Unser Team muss zu Fuß nach Katike weiter wandern.

Unterwegs treffen wir auf einen sichtlich traumatisierten Mann. Er erzählt, dass er bei dem Erdbeben sein Haus und seine Eltern verloren hat. Ein furchtbares Schicksal. Als wir endlich das Dorf erreichen, erwarten uns bereits einige Menschen. Sofort führen sie unsere Ärzte zu einem Mann, der während des Bebens von herabfallenden Ziegeln getroffen wurde und nun unter einer offenen Fraktur an seiner Hand leidet. Die Wunde ist verdreckt und muss dringend gesäubert werden.

Unter denkbar schlechten Umständen, genauer einem dreckigen Ladeneingang voller Fliegen, gelingt es den Ärzten die Wunde unter örtlicher Betäubung fachgerecht zu säubern und zu schienen. Mehr können sie mit ihren begrenzten Mitteln nicht tun, doch zumindest ist die Gefahr einer riskanten Infektion vorerst gebannt und der Mann hat weniger Schmerzen als zuvor.

Es folgen viele weitere Patienten mit ähnlichen Verletzungsbildern. Immer wieder sehen sich unsere Mediziner mit offenen Wunden, Brüchen oder Quetschungen konfrontiert. Bevor die Dunkelheit den Talmarsch unmöglich macht, begeben wir uns auf den Rückweg zu unserem Auto. Doch am nächsten Tag werden wir wiederkommen – Hilfe ist hier in Katike dringend von Nöten!

Zu Fuß wandern die humedica-Teams in abgelegene Dörfer, um Verletzte zu behandeln. Foto: Christoph Jorda

Dorothea Hörsch: Die Struktur der Hilfe

(05. Mai 2015)

Am vergangen Freitag kam das zweite Einsatzteam von humedica mit fünf Tonnen Hilfsgütern im Gepäck in Kathmandu an. Nachdem wir die Paletten aus dem Zoll hatten, wurde die Fracht dank der Hilfe vieler Einheimischer im Lagerraum unserer Unterkunft verstaut. Den Abend nutzten wir für die erste gemeinsame Teambesprechung und Planungen für den kommenden Tag.

Am nächsten Morgen machten sich beide Teams auf den Weg in die uns zugeteilte Bergregion Sindhulpawchok, um eine Gesundheitsstation zu unterstützen, in der wir auch in den vergangenen Tagen Verletzte behandeln konnten. Die Fahrt dorthin ist mühsam und lang, weshalb abends alle körperlich komplett erschöpft sind. Unsere Mediziner beschließen deshalb, die nächste Nacht in Zelten bei der Gesundheitsstation zu verbringen und bereiten ihre Ausrüstung für die kommenden Tage vor. Die Übernachtung vor Ort hat auch den Vorteil, Verletzte in noch weiter abgelegenen Dörfern aufzusuchen, wozu bis jetzt die Zeit fehlte.

Während der Großteil unseres Teams also in den am schwersten betroffenen Gebieten arbeitet, bleiben die Koordinatoren in Kathmandu, um die logistische und bürokratische Arbeit zu erledigen. Wir kümmern uns um die Arbeitserlaubnis für unsere Ärzte und Krankenschwestern, tätigen nötige Einkäufe und besuchen die wichtigen Koordinierungstreffen der Vereinten Nationen (UN).

Die provisorischen Zeltlager in Kathmandu werden Tag für Tag kleiner. Die Menschen kehren in ihre Dörfer auf dem Land zurück oder schlafen wieder in ihren Häusern. Doch die vielen Shops in der Innenstadt sind weiterhin geschlossen. Auf dem Weg durch die engen Gassen möchte ich mir nicht vorstellen, was passiert, wenn ein weiteres Beben die zum Teil recht hohen Häuser zum Einstürzen bringt und es wenig bis gar keine Ausweichmöglichkeiten gibt.

In den Meetings der Hilfsorganisationen wird immer wieder der Bedarf an psychosozialer Betreuung der Opfer betont. Ein Fakt, der auch im Gespräch mit Einheimischen immer wieder durchklingt und zeigt, wie schlimm und bisweilen traumatisierend das Beben und die vielen spürbaren Nachbeben für die Menschen sein müssen.

Es gibt Straßenzüge in Kathmandu, denen man das Erdbeben auf den ersten Blick nicht ansieht, doch sobald man um eine Ecke biegt oder die Hauswände genauer betrachtet, erkennt man doch deutliche Spuren. Viele Häuser sind nicht mehr bewohnbar. Es hat jetzt höchste Priorität, neue Unterkünfte zu errichten und die Versorgung mit sauberem Wasser und sanitären Anlagen zu gewährleisten.

Der Ausbruch einer Seuche wäre bei diesen Gegebenheiten fatal, weshalb alle Krankenhäuser und Gesundheitsstationen genau dokumentieren, ob und wie viele Fälle von Masern und Durchfall auftreten. Nicht auszudenken, wenn die Menschen nach dem Beben auch noch gegen eine Epidemie kämpfen müssten.

Ankunft der Hilfsgüter im humedica-Basislager in Kathmandu. Foto: Christoph Jorda

Maren Wiese: Der Weg in die Katastrophe

(02. Mai 2015)

Der Weg in meinen ersten Katastropheneinsatz mit humedica gestaltete sich unerwartet angenehm. Dank der Kooperation mit AIRBUS flogen mein Team und ich gemeinsam mit fünf Tonnen Hilfsgütern in einem brandneuen Flugzeug in Richtung der nepalesischen Hauptstadt Kathmandu. Weil es sich bei diesem Flug um die Auslieferung einer neuen Maschine für die nepalesische Fluggesellschaft Nepal Airlines handelte, befand sich außer uns niemand an Bord und so konnte sich jeder von uns bequem über drei Sitze ausstrecken.

Und unsere Glückssträhne auf dem Weg nach Nepal riss nicht ab: Unser Tankstopp in Katar dauerte statt der erwarteten vier bis fünf Stunden gerade mal eine Stunde und in Nepal erhielten wir direkt den ersten Landeslot nach Sonnenaufgang. Als wir festen Boden unter den Füßen erreicht hatten, wurden wir von humedica-Koordinator Raphael Marcus, der bereits seit einigen Tagen in Kathmandu war, in Empfang genommen. Wir machten uns auf den Weg in unser Basislager.

Die Straßen waren übervoll, unzählige Autos und Motorräder quetschten sich an den am Straßenrand aufgetürmten Steinhaufen vorbei. Noch zeigte Nepal sein bekanntes Gesicht und die schlimmen Folgen des Erdbebens waren nicht überall sofort zu sehen. Um keine Zeit zu verlieren, machten sich zwei Ärzte und eine Krankenschwester aus meinem Team direkt nach unserer Ankunft im Lager wieder auf den Weg in Richtung eines Feldlazaretts.

Doch sie kehrten früher als erwartet wieder zurück: Die israelischen Kollegen hatten die Lage dort gut im Griff und die Anzahl der Verletzten in Kathmandu ist zum Glück überschaubar. Gegen Abend trafen dann endlich die Hilfsgüter aus dem Flugzeug ein und mit viel Unterstützung der lokalen Bevölkerung schafften wir es, die vielen Kartons unversehrt in unserem Lager zu verstauen.

Mit den medizinischen Hilfsgütern können wir jetzt die mobile Krankenversorgung in den abgelegenen und noch nicht erreichten Bergdörfern vorbereiten und morgen dem ersten Team von humedica unter die Arme greifen, das bereits außerhalb Kathmandus Verletzten hilft.

Begehrter Interviewpartner: Maren Wiese kurz vor dem Abflug aus Hamburg. Foto: Christoph Jorda

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