Ein Rückblick von humedica-Ärztin Kerstin Poggemann

von Kerstin Poggemann/LKO, 30.03.2015

In den ersten beiden Wochen ihres humedica-Einsatzes in Äthiopien, kam für die deutsche Gynäkologin Kerstin Poggemann alles anders als gedacht. Statt wie geplant, Ultraschalltrainings in den Flüchtlingslagern der äthiopisch-somalischen Grenze abhalten zu können, musste die Berlinerin nach offiziellen Sicherheitswarnungen in die Hauptstadt Addis Abeba zurückkehren.

Wie sie auch dort ihr Wissen einsetzen konnte und was zu ihrer schönsten Erinnerung des gesamten Einsatzes führte, erfahren Sie im zweiten Teil ihres persönlichen Rückblicks:

Woche 3: Die Vorträge

„Ich bin froh, dass mich humedica-Koordinatorin Lilly bei meinen geplanten Vorträgen in der kommenden Woche unterstützen wird. Zuerst besuchen wir die humedica-Kindertagesstätten in Mercato und Kazanchis, um uns mit den Koordinatoren vor Ort abzusprechen. Alle sind sehr hilfsbereit, führen uns herum und zeigen uns ihre Arbeit. Auf diese Weise bekomme ich bereits einen ersten Einblick in das Leben der Frauen, an die ich mich mit meinen Vorträgen richten werde.

Ich erfahre, dass in Mercato vor kurzem ein behinderter Junge und seine Schwester vergewaltigt wurden, sodass meine ausgewählten Themen Vergewaltigung und Gewalt gegen Frauen eine erschreckende Aktualität haben. Damit meine Zuhörer mich verstehen, stelle ich ein Flip-Chart mit vielen Bildern und nur wenig Schrift zusammen. Weil mal wieder der Strom ausgefallen ist, übe ich meinen Vortrag am Abend bei Taschenlampenlicht.

Als Lilly und ich am Mittwochmorgen in Mercato ankommen, bin ich überrascht, dass alles perfekt vorbereitet ist. Im großen Aufenthaltsraum wurden 60 Plastikstühle akkurat aufgereiht und es gibt kleine Snacks und Getränke für die Pause. Fekadu, einer der Projektkoordinatoren in Mercato, wird mir als Übersetzter zur Seite gestellt.

Nach und nach treten viele Frauen und sogar einige ältere Herren ein, sodass sich der Raum schließlich zu zwei Dritteln füllt. Die Meisten hören aufmerksam zu. Hier und da beginnen meine Zuhörerinnen zu tuscheln oder zu kichern, da sie es nicht gewohnt sind, solche Tabuthemen in ihrer konservativen Gesellschaft zu besprechen.

Eine Zuhörerin wird von ihren Begleiterinnen aufgefordert ihre Geschichte zu erzählen. Sie traut sich und erzählt von ihrem Leben mit zwei Söhnen, von denen einer aus einer Vergewaltigung hervorgegangen ist. Ihre Erzählung unterstreicht den Inhalt meines Vortrags. Ich bedanke mich für ihren Mut und freue mich über die vertrauensvolle Atmosphäre im Raum.

Nach dem Vortrag kommt ein kleiner alter Mann aus der zweiten Reihe auf mich zu, gibt mir die Hand und bedankt sich herzlich. Da ich in meinem Vortrag indirekt die patriarchalische Gesellschaft kritisiere habe und deshalb Bedenken bezüglich des männlichen Publikums hatte, freut mich diese Dankesbekundung besonders. Andere folgen seinem Beispiel und ich schüttle viele Hände.

Im humedica-Projekt in Kazanchis läuft alles ähnlich perfekt. Als wir mit 15 Minuten Verspätung ankommen, warten schon etwa 70 Frauen im vorbildlich vorbereiteten Gemeinschaftsraum auf uns und ich muss über die vermeintlich deutsche Pünktlichkeit, die kurzerhand von den Äthiopierinnen überflügelt wurde, lachen.

Während meines Vortages merke ich, dass mir clevere und selbstbewusste Frauen gegenüber sitzen, was mich sehr motiviert. Alle beteiligen sich rege und ich schaffe es, freundlich aber kritisch auf einen männlichen Beitrag bezüglich traditioneller Rollenverteilung zu reagieren. Wie in Mercato endet auch dieser Vortag mit freundlichen Dankesbekundungen und vielen geschüttelten Händen.

Am Freitag halte ich meinen letzten Vortrag im humedica-Projektstandort Debre Zeyt, außerhalb von Addis Abeba. Obwohl ich vermute, dass die Übersetzer ihre eigenen Meinungen in das Übersetzte einfließen lassen, läuft auch hier alles gut und so blicke ich insgesamt auf eine tolle Woche zurück, die mir im Nachhinein sogar als schönste Erinnerung bleibt.

Am Sonntag werden Lilly und ich mit einem Mietwagen in die Stadt Awassa gefahren, wo Lilly mir im örtlichen Krankenhaus kurzfristig die Chance zu Ultraschalltrainings realisiert hat. Nachdem wir ein Hotel gefunden haben, lasse wir den Abend am malerischen Awassasee ausklingen. Dort treffen wir auch unser Fahrer Tesfu aus Melkadida, der mit Trainingsteilnehmern aus den Flüchtlingslagern Heloweyn und Bokolmayo angereist ist.“

Woche 4: Das Ultraschalltraining in Awassa

„Als wir am Montagmorgen im örtlichen Krankenhaus von Awassa ankommen, müssen wir leider feststellen, dass der Klinikleiter zwar über das Ultraschalltraining informiert war, allerdings nichts weiter vorbereitet hat. Mit viel Geduld und vereinten Kräften schaffen wir es schließlich, eine Untersuchungsecke im Raum der Hebammensprechstunde einzurichten.

Wieder einmal bin ich dankbar, dass mir Organisationstalent Lilly zur Seite steht. Kurz vor Mittag können wir endlich mit dem Training beginnen. Meine Gruppe besteht aus fünf netten jungen Männern, die zu gleichen Teilen am Ultraschallkurs, als auch an dem am Ende herausspringenden Zertifikat interessiert sind.

Wir verbringen die Woche mit zahllosen Ultraschallübungen. Während des Kurses merke ich, dass meine Schüler gern ein wenig Abwechslung hätten. Doch ich mahne sie zur Bescheidenheit: Die Voraussetzung für alle Spezialuntersuchungen ist die gute Beherrschung des Basisultraschalls, wovon sie noch einige Übungsstunden entfernt sind.

Die schlechten hygienischen Bedingungen in der Klinik schockieren mich immer wieder und ich wundere mich über die Tuberkulosesprechstunde, die in einer mitten auf dem Gelände platzierten Hütte stattfindet. Am Freitag beenden wir unser Training schließlich mit einer kleinen Abschlussprüfung, die von meinen Prüflingen mit sehr unterschiedlicher Qualität gemeistert wird, weshalb ich sie ermahne weiter mit dem Ultraschallgerät zu üben. Als wir uns verabschieden, hoffe ich inständig, dass sie das Wissen unseres fünftägigen Trainings im Arbeitsalltag umsetzen.

Am nächsten Morgen fahren wir nach Addis Abeba zurück, wo ich alles für meinen Rückflug am folgenden Tag vorbereite. Der hilfsbereite Fekade aus dem humedica-Büro bringt mich am Sonntagmorgen zum Flughafen und ich verabschiede mich mit einem lachenden und einem weinenden Auge von dem schrecklich-schönen Äthiopien. Eines ist klar: Dies war sicher nicht mein letzter Besuch in diesem Land.“

Bitte unterstützen Sie die vielfältigen humedica-Hilfsmaßnahmen in Äthiopien weiterhin mit einer konkreten Spende. Ob Sie dabei die medizinische Versorgung der Menschen im Flüchtlingslager Melkadida sichern oder mit der Übernahme einer Patenschaft notleidende Familien in der Hauptstadt Addis Abeba auf dem Weg in eine bessere Zukunft begleiten, bleibt Ihnen überlassen. Nur eines ist sicher: Ihre Hilfe kommt dort an, wo Sie benötigt wird. Vielen Dank für jede Form Ihrer Unterstützung!

Ihr Browser ist veraltet!

Bitte aktualisieren Sie Ihren Browser, um diese Website korrekt darzustellen.

Den Browser jetzt aktualisieren×