Ein Rückblick von humedica-Ärztin Kerstin Poggemann

von Kerstin Poggemann/LKO, 28.03.2015

Für vier Wochen ließ die Gynäkologin Kerstin Poggemann ihre deutsche Heimat hinter sich, um im äthiopischen Flüchtlingslager Melkadida Trainings für das lokale humedica-Personal durchzuführen. Doch dann kam alles anders wie geplant.

Im ersten Teil ihres persönlichen Rückblicks erfahren Sie, wie sich der Alltag von Helfern in einem Flüchtlingslager gestaltet und warum Kerstin Poggemann das Camp von jetzt auf gleich verlassen musste.

Woche 1: Melkadida

„Endlich geht es los: Mit dem Flieger erreiche ich über Istanbul die äthiopische Hauptstadt Addis Abeba. Es ist mein erster humanitärer Einsatz, lang ersehnt und doch irgendwie gefürchtet. Doch alles läuft ohne Probleme, mein Flieger landet pünktlich in Addis Abeba und die beiden humedica-Mitarbeiter Tedi und Addis erwarten mich schon vor dem Flughafengebäude. Wir machen uns auf zum humedica-Gästehaus, um dort noch einige Stunden zu schlafen, bevor es nach Melkadida weitergeht.

In den frühen Morgenstunden muss ich wieder am Flughafen sein, damit ich den Flieger der UN erwische, eine wirklich kleine Maschine mit nur 20 Sitzplätzen. Während des Fluges unterhalte ich mich ein wenig mit meinem Sitznachbarn und beobachte, wie sich die Landschaft unter mir innerhalb der nächsten Stunden von grünen Bergen in eine orangefarbene Wüste verwandelt.

Im Landeanflug sehe ich schon einen Geländewagen von humedica mit drei winzigen Gestalten davor. Nach dem Aussteigen begrüßen mich die beiden Koordinatorinnen Susanne und Manuela, sowie Raphael, der gerade als Projektsachbearbeiter für eine Stippvisite zu Besuch ist und nun in der gleichen Maschine seinen Rückflug antritt.

Im Auto wartet Bilai, unser grimmig dreinschauender Fahrer. In den nächsten Tagen werde ich jedoch merken, dass sich hinter seiner harten Schale ein umso weicherer Kern versteckt. Die drei führen mich durch das Wüstenstädtchen Dolo Ado, stellen mir alle möglichen Leute vor und laden mich zum Essen ein. Anschließend fahren wir zwei Stunden über eine unbefestigte Straße zum humedica-Gelände in Melkadida. Das Grundstück ist zwar sehr einfach gehalten, aber dafür mit kleinen Besonderheiten wie einer Tischtennisplatte oder Gesellschaftsspielen ausgestattet.

Ich richte mich in dem mir zugeteilten Zimmer innerhalb einer großen Wellblechhütte ein. Am Abend lerne ich dann meine äthiopischen Kollegen kennen, die ausnahmslos freundlich und sympathisch sind. Eine Gruppe aus rund 17 Menschen, zusammengesetzt aus Gesundheitsbeauftragten, Krankenpflegern und -schwestern, Köchinnen und Fahrern, bewohnt mit mir das Grundstück.

Am nächsten Tag bekomme ich noch eine Schonfrist zur Eingewöhnung, um mich mit den Abläufen in der humedica-Gesundheitsstation vertraut zu machen. Ich beschäftige mich mit dem Ultraschallgerät und lerne Arbeit und Örtlichkeiten kennen. Die Gesundheitsstation ist wie unsere Unterkunft sehr einfach und funktional gehalten. Die Arbeitsabläufe sind gut strukturiert und die Räume sauber und ordentlich.

In den nächsten Tagen werde ich in der Gesundheitsstation von ARRA, der staatlichen Krankenstation im Lager, einen Auffrischungskurs zum Thema Ultraschall geben. Nachmittags gebe ich in der humedica-Station dann eine Art gynäkologische Sprechstunde, wobei mir ein Übersetzer sowie die beiden Gesundheitsbeauftragten Melkam und Omar zur Seite stehen.

Es kommen viele Frauen mit ganz unterschiedlichen Krankheitsbildern. Scheinbar hat es sich bereits rumgesprochen, dass eine Gynäkologin im Lager ist. Bei Frauen mit akuten Beschwerden kann ich häufig eine einfache Diagnose stellen und schicke sie gegebenenfalls weiter zur Gesundheitsstation von ARRA, wo kleine Operationen durchgeführt werden können.

Frauen mit chronischen Beschwerden oder unerfülltem Kinderwunsch, kann ich meist kaum weiterhelfen. Meine eingeschränkten diagnostischen Möglichkeiten bestehen aus einer Ultraschallsonde, einem gynäkologischen Stuhl und einfachen Bluttests. Diesen Frauen nicht weiterhelfen zu können, frustriert mich zutiefst und ich lerne meinen gut ausgestatteten Arbeitsplatz in Deutschland neu schätzen.

Während meiner Arbeit in der ARRA-Gesundheitsstation, lerne ich auf eine bittere Art, wie durch mangelnde Organisation lebenswichtige Zeit verloren geht. Eine Frau, die ihr achtes Kind zur Welt gebracht hat, verliert nach der Geburt Blut. Ich werde zur Hilfe gerufen, aber beinahe alles wonach ich verlange, ist gerade nicht zur Hand.

Ich entscheide mich letztendlich dazu, die Frau in das zwei Stunden entfernte Krankenhaus verlegen zu lassen. Allerdings ist der Fahrer des Krankenwagens nicht aufzufinden. Nach quälenden 30 Minuten kann die Patientin endlich verlegt werden. Wenige Tage später hören wir, dass es ihr gut geht und sie aus dem Krankenhaus entlassen wurde. Zum Glück.

An den Abenden sitzen meine neuen Kollegen und ich häufig zusammen und spielen Karten oder schauen fern. Es bleibt mir sogar ein wenig Zeit für einen Amharisch-Sprachkurs und einen Besuch bei befreundeten Mitarbeitern einer anderen Organisation. Ich freue mich, dass ich von Anfang an so herzlich in das Team aufgenommen werde.“

Woche 2: Evakuation

„Am Montag ist der erste Tag meines Anfänger-Ultraschalltrainings im benachbarten Flüchtlingslager Heloweyn. Da aufgrund von Drohungen der Al Shabaab-Miliz eine erhöhte Sicherheitsstufe besteht, fahren wir im Konvoi. Während der anderthalbstündigen Fahrt von Melkadida nach Heloweyn streifen meine Augen immer wieder durch die Landschaft, alles wirkt friedlich. Zwischen den Lagern sind Ziegen und Termiten die einzigen Lebewesen dieser trockenen Wüste.

In Heloweyn werden wir auf einmal vor organisatorische Herausforderungen gestellt. Ich bin froh, dass meine Kollegin Lilly die Verhandlungen mit dem stolzen Arzt übernimmt, der den Termin für das Ultraschalltraining nicht bekommen haben will, und uns erst nach gutem Zureden seine Räumlichkeiten zur Verfügung stellt. Nachdem wir kurzerhand ein Büro zum Ultraschallraum umfunktioniert haben, kann das Training endlich beginnen.

Nach meiner kurzen Einführung beginnt leider schon die dreistündige Mittagspause. In einem muslimischen Restaurant essen wir zu Mittag. Mich ärgert es ein wenig, dass die Frauen in einem kleinen Verschlag, der an das eigentliche Restaurant angrenzt, getrennt essen müssen. Doch die nette Stimmung unter den Frauen und die Bereitwilligkeit, das Essen zu teilen, lassen mich meinen Ärger schnell vergessen. Bei Kaffee und Amharisch-Übungen schlagen wir die letzten beiden Stunden der viel zu langen Mittagspause tot. Der zweite Teil des Trainings läuft gut und wir machen uns schließlich pünktlich auf den Heimweg.

Zurück in Melkadida teilen mir die humedica-Koordinatorinnen Manuela und Susanne mit, dass alle ausländischen Teammitglieder das Lager am nächsten Tag auf unbestimmte Zeit verlassen müssen. Entführungsdrohungen und erneute Gefechte an der äthiopisch-somalischen Grenze haben die UN dazu veranlasst, den Großteil des ausländischen Personals zu evakuieren.

Da mein Aufenthalt in Äthiopien nur vier Wochen beträgt, kann ich mir ausrechnen, dass ich wohl nicht mehr nach Melkadida zurückkommen werde. Viel zu früh packe ich meine Tasche zur Abreise.

Am nächsten Morgen werden Lilly, Manuela, Susanne und ich von unserem Team verabschiedet. Alle sind aufrichtig traurig über unser Gehen und obwohl ich erst eine Woche dort bin, werde ich von allen herzlich gedrückt und mit lieben Worten bedacht. Im Konvoi fahren wir nach Dolo Ado.

Am Rollfeld des Flughafens reihen sich die weißen Geländewagen der verschiedenen Hilfsorganisationen aneinander und es herrscht ein aufgeregtes Treiben der wartenden Menschenmenge. Als wir in den ausgebuchten UN-Flieger steigen, stehen unseren beiden Fahren Bilai und Tesfu Tränen in den Augen.

Wenige Stunden später erreichen wir das Gästehaus von humedica in Addis Abeba. Da ich nicht weiß, was in den nächsten drei Wochen kommen mag, fühle ich mich etwas verloren. Ein leises Gefühl von Heimweh beschleicht mich, wo doch mein lang geplanter Aufenthalt in Melkadida so abrupt beendet wurde. Doch am Ende der Woche gibt es Ideen, wie mein Einsatz weitere Hilfe bringen kann. Ich soll in den nahe gelegenen Familienpatenschafsprojekten von humedica einige Vorträge halten.

Der Gedanke aus dem Nichts einen sinnvollen Vortrag für Menschen aus den Armenvierteln von Addis Abeba zu gestalten, widerspricht meinem deutschen Bedürfnis nach akribischer Planung. Doch ich schiebe meine Zweifel beiseite und entscheide mich die Themen häusliche Gewalt gegen Frauen und Vergewaltigung aufzubereiten.

Und obwohl alle bemüht sind mir zu helfen, vereiteln regelmäßige Stromausfälle und fehlendes Internet meinen Versuch Informationen zu sammeln. Ich ergebe mich meinem Schicksal und verbringe das Wochenende schließlich hauptsächlich beim Sightseeing mit meinen Kolleginnen Manuela und Susanne.“

Lesen Sie im zweiten Teil des Rückblicks, warum Kerstin Poggemanns Vortrag eine erschreckende Aktualität wiederspiegelte und wie es ihr doch noch möglich wurde, die geplanten Trainings durchzuführen.

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