Die Geschichte hinter dem Bild

von Dr. Wolfgang Heide, 08.12.2015

Es gibt Momente im Leben, deren Anblick in unserer Erinnerung bleibt. Bilder, die uns mal auf erfreuliche, mal auf bedrückende Weise beeinflussen und uns zum Nachdenken anregen.

Wenn Menschen mit humedica in einen Hilfseinsatz gehen, sehen sie sich immer wieder mit Szenarien im Kontext einer Katastrophe oder schwerer Armut konfrontiert. Nach ihrer Rückkehr in die Heimat bleibt oft ein Bild, das die Erfahrung besonders gut zu beschreiben vermag oder eine erlebte Geschichte verdeutlicht.

Eines dieser Bilder möchten wir Ihnen heute zeigen. Seine dazugehörige Geschichte stammt von unserer ehrenamtlichen Einsatzkraft Wolfgang Heide, der bei seiner Hilfe im äthiopischen Flüchtlingslager Melkadida mit beunruhigenden Zuständen konfrontiert wurde.

35 Kilogramm

„Dieses Mal ging es für mich mit humedica nach Melkadida in Äthiopien, wo ein lokales humedica-Team dank der Unterstützung des Auswärtigen Amts die 40.000, überwiegend aus Somalia stammenden Flüchtlinge in einer großen Gesundheitsstation medizinisch versorgt. Obwohl das lokale humedica-Team in Melkadida unter sehr einfachen Bedingungen lebt und arbeitet, ist das Leben der Flüchtlinge noch einmal um ein vielfaches härter.

Melkadida liegt mitten in der Wüste. Die Temperaturen sind entsprechend und auch nachts kühlt es kaum ab. Wir schlafen in einfachen Wellblechhütten und kochen auf Holzkohle. Nicht immer gibt es Wasser und weil der Kühlschrank defekt ist, musste lauwarmes Wasser ausreichen, um den ständigen Durst zu löschen. Das Wasser unseres Teams stammt, genauso wie das der Flüchtlinge, aus dem einzigen Fluss in der Umgebung und wird durch Aufbereitung trinkbar gemacht.

Etwas Frisches gibt es eher selten zu essen, denn die Lebensmittel sind teuer und rar. Strom gibt es nur knappe vier Stunden am Abend über einen Generator. Aus Sicherheitsgründen besteht für uns ab 18 Uhr eine Ausgangssperre. Aber wo sollte man in dieser Umgebung auch hingehen? Melkadida befindet sich weitab von jeglichem Luxus und Komfort, allein die Anreise mit einem Geländewagen dauert drei Tage, wobei man den letzten Tag nur noch über unbefestigte Wege und ausgetrocknete Flussbetten zurücklegt. Ein Flug mit einer UN-Maschine ist nur dann möglich, wenn die lehmige Start und Landebahn absolut trocken ist. Die neu gebaute, asphaltierte Landebahn ist aufgrund von Konstruktionsfehlern nicht nutzbar.

Das einfache Leben des humedica-Teams garantiert, dass wirklich nur das Nötigste ausgegeben wird, so dass die Mittel der Gesundheitsstation und den Flüchtlingen zu Gute kommen. Unsere erfahrene Koordinatorin Konni achtet sehr darauf, kein unnötiges Geld auszugeben.

Meine Arbeit in Äthiopien besteht darin, ein neues Ultraschallgerät einzurichten, das medizinische Personal zu schulen und Schwangere sowie gynäkologische Patientinnen zu behandeln. Der Ultraschall in unserer Gesundheitsstation ist für die Schwangeren in aller Regel die einzige Untersuchung dieser Art. Da ich auf Ultraschalldiagnostik spezialisiert bin, kann ich den lokalen Mitarbeitern einiges an Tipps und Wissen vermitteln und sie lernen und trainieren mit großem Interesse.

Uns geht es vor allem darum, das Schwangerschaftsalter festzustellen, sowie schwerwiegende Probleme, wie einen ungünstigen Plazentasitz oder eine Lageanomalie des Babys auszuschließen. Zur großen Überraschung der Mütter, haben wir ein paar Mal auch Zwillingsschwangerschaften diagnostiziert. Ein weiterer Grund, weshalb die Ultraschalluntersuchung für die Patientinnen sehr wertvoll ist.

Immer wieder besuchen uns auch Frauen, die sich seit langem erfolglos ein Kind wünschen. Obwohl ihr Körpergewicht durch die weiten Gewänder nur schwer einzuschätzen war, hatte ich diesbezüglich eine schlimme Vermutung. Als wir die Patientinnen schließlich auf die Waage stellten, bestätigte sich der Verdacht: 44 Kilogramm Körpergewicht bei einer Größe von 1,70 Meter, oder noch schlimmer, 35 Kilogramm bei einer Größe von 1,65 Meter. Nach der Definition der Weltgesundheitsorganisation handelt es sich dabei um eine massiv fortgeschrittene Unterernährung, die eine ernsthafte Lebensgefahr darstellt. Eine ausbleibende Schwangerschaft ist die logische Folge. Das Immunsystem ist massiv gestört und leichte Infektionen, die in einem Flüchtlingslager alltäglich sind, können nicht mehr abgewehrt werden.

Nach Rückfrage wird mir erklärt, dass jeder Flüchtling monatlich eineinhalb Kilogramm Getreide zugeteilt bekommt. Und sogar das wird teilweise von den Menschen verkauft, um sich andere wichtige Dinge leisten zu können. Gerade in den letzten Wochen vor meinem Einsatz war in den deutschen Medien immer wieder die Rede davon, dass dem Flüchtlingshilfswerk UNHCR angesichts der weltweit zunehmenden Flüchtlingszahlen die Gelder ausgehen. Was für eine Nachricht angesichts von 35 Kilogramm Körpergewicht.

Sollten wir nicht alle, die wir uns eher damit beschäftigen, nicht zu viel Pfunde auf die Waage zu bringen, ein merkwürdiges Gefühl dabei bekommen? Sollten wir nicht aufhören, Menschen die vor solchen Umständen fliehen, als Wirtschaftsflüchtlinge zu titulieren? Und sollten wir nicht so viel wie möglich tun, um diesen Menschen zu helfen? Ja, wir sollten, denn das Bild einer Waage mit den 35 Kilogramm einer erwachsenen Frau, darf uns nicht gleichgültig sein.“

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