10 und 100 Tage nach der Katastrophe

Die Lebensumstände der Menschen im Schlaglicht

von Sabine Kirchner, MZE, 23.04.2014

Sabine Kirchner, erfahrene medizinische Einsatzkraft der internationalen Hilfsorganisation humedica versorgte bereits Flüchtlinge im Libanon und in Uganda. Als im November 2013 Taifun „Haiyan“ die Philippinen verwüstete, war sie wieder zur Stelle. Rund 100 Tage später kehrte sie zurück und leistete nochmals für mehrere Wochen medizinische Hilfe.

Ihre Eindrücke unmittelbar nach dem Taifun und jene ein paar Monate später unterscheiden sich massiv, schaffen ein greifbares Bild der Situation am Ort und der Katastrophenhilfe durch humedica.

Nach 10 Tagen: „Es ist schon weit nach Mitternacht, als uns eine Maschine der US-Airforce zusammen mit einer Hilfsgüterladung nach Tacloban bringt. Im Morgengrauen schauen wir uns um. Das war also bis vor wenigen Tagen der Flughafen Tacloban, geblieben sind nur Trümmer und Schutt.“

Nach 100 Tagen: „Es ist Dienstagmorgen als unser Flieger der Philippine Airlines bei strahlendem Sonnenschein in Tacloban landet. Flughafengelände und –gebäude sind kaum wieder zu erkennen.“

Nach 10 Tagen: „Die Gesichter der Menschen sind erstarrt, viele haben schlafende oder schreiende Kinder auf ihren Armen. Alle verfolgen nur ein Ziel: So schnell wie möglich weg von hier.“

Nach 100 Tagen: „Überall in der Stadt erwartet mich pulsierendes Leben mit regem Verkehr auf den geräumten Straßen, Stop and Go zur Hauptverkehrszeit genauso wie in jeder deutschen Großstadt.“

Nach 10 Tagen: „Riesige Schutthaufen türmen sich am Straßenrand. Eine Feuerwehrbrigade sucht in stinkenden Müllbergen nach Überlebenden. Wir treffen kaum andere Fahrzeuge, denn Diesel gibt es auf der Insel schon seit Tagen nicht mehr. Ab und zu begegnet uns ein Fahrradtaxi. Eine eigenartige Ruhe schwebt über der Stadt.“

Nach 100 Tagen: „Auf dem Weg zur Arbeit sehen wir viele Kinder in Schuluniformen, alle Kinder besuchen wieder die Schule.“

Nach 10 Tagen: „So kurz nach dem Taifun brauchen die Menschen vor allem Trinkwasser, medizinische Hilfe ist erst einmal zweitrangig. Unsere Wasserdesinfektionstabletten sind der absolute Renner. Nur die Waschmaschine kann nicht wieder in Gang gebracht werden. Fleißig sitzen die philippinischen Angestellten hinter dem Krankenhaus und schruppen die gesamte Krankenhauswäsche mit ihren Händen.“

Nach 100 Tagen: „Sauberes Trinkwasser haben jetzt alle, das „Mother of Mercy“-Hospital erhielt sogar eine neue Waschmaschine.“

Nach 10 Tagen: „Heute, exakt eine Woche nach dem Taifun, verkünden unsere Koordinatoren freudig, dass humedica das „Mother of Mercy“-Hospital übernehmen kann. Der linke Flügel des Krankenhauses ist zum Teil zerstört, das Erdgeschoss steht unter Wasser. Auch im Krankenhaus herrscht eine gespenstige Stille.“

Nach 100 Tagen: „Es gibt ein freudiges Wiedersehen mit den Schwestern und Pflegern im „Mother of Mercy“-Hospital. Dank unserer Charity-Station, können wir schwer kranke mittellose Patienten sofort behandeln und über Nacht dort behalten. Die Betten sind immer voll belegt. Sobald jemand entlassen wird, wartet schon der nächste Patient, der dringend aufgenommen werden muss.“

Nach 10 Tagen: „In einer zerstörten Schule finden wir Unterschlupf und einen Ort, um Verletzte zu behandeln. Im Nu bilden sich Menschenschlangen. Alle hoffen auf Hilfe. Wir arbeiten bis in die Dämmerung, Hunderte von Patienten, Hunderte von Schicksalen. Es ist spät, dunkel und wir sind sehr müde. Wir müssen Schluss machen. Viele Menschen müssen jetzt leider weggeschickt werden.“

Nach 100 Tagen: „Mit unseren mobilen Kliniken besuchen wir auch viele Menschen im äußersten Norden der Insel Leyte. Seit dem Taifun sind wir nach wie vor das einzige Ärzteteam in dieser Gegend.“

Nach 10 Tagen: „Überall wird fleißig aufgeräumt. Viele Menschen bauen ihre zerstörten Häuser wieder auf. Auf den Gesichtern einiger Menschen sehe ich das berühmte asiatische Lächeln, was ich an den vergangenen Tagen schon oft vermisst hatte.“

Nach 100 Tagen: „Wo immer wir auch gewesen sind, überall begegnete uns eine überaus große Herzlichkeit und Dankbarkeit der Philippinos. Über ihren Enthusiasmus und die Zuversicht, mit der sie fleißig ihr total zerstörtes Land wieder aufbauen, kann man nur staunen.“

Vielen Dank liebe Sabine für deinen selbstlosen Einsatz für Menschen in Not und diesen Einblick in die Situation der Menschen auf den Philippinen. Wir hoffen Dich bald wieder in einem medizinischen Team mit dabei haben zu können. Herzlichen Dank!

Auch Sie haben einen medizinischen Beruf und haben Interesse an einem Einsatz für Menschen in Not? Informieren Sie sich über unsere Einsatztrainings und werden Sie Teil des humedica-Teams!

Einige Wunden sind nach Taifun „Haiyan“ bereits geheilt worden, ein Wiederaufbau wurde begonnen. Besonders die Familienpatenschaften leisten einen nachhaltigen Beitrag, sie unterstützen Familien sinnvoll auf dem Weg in die Selbstständigkeit. Übernehmen Sie eine Familienpatenschaft oder helfen Sie philippinischen Familien durch eine konkrete Spende.

      humedica e. V.
      Stichwort „Familienpatenschaften“
      Konto 47 47
      BLZ 734 500 00
      Sparkasse Kaufbeuren

Geschichten, die bewegen - 10 Tage nach Taifun "Haiyan"
„Viele Menschen sind verstört. Eine Frau macht sich große Vorwürfe. Sie erzählt mir, dass sie mit ihrem Mann und den fünf Kindern in der Flutnacht auf ein Dach geklettert ist, dabei hat sich ihr jüngstes dreijähriges Kind von ihrer Hand losgerissen und ist in den Fluten ertrunken. Wie können vier Hände fünf ängstlich zappelnde Kinder festhalten? Kinder, die nicht verstehen, dass sie vor den Wassermassen in Sicherheit gebracht werden müssen?“ (Sabine Kirchner)

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