Zwischen Stärke und Zerbrechlichkeit

Leben nach dem Krieg - Im Gespräch mit einer humedica-Einsatzkraft

von Dr. Andrea Kranen-Sutter/Martina Zelt, 25.01.2014

Wie geht es in einer ehemaligen Kriegsregion weiter, wenn sich die Weltöffentlichkeit abwendet und die Medien längst andere Schauplätze thematisieren?

Besonders die Frauen leiden noch immer unter den Folgen der ebenso grausamen wie blutigen Auseinandersetzungen im Kosovo vor mehr als fünfzehn Jahren. Nach außen zeigen sie Stärke und Stolz, im Inneren sind sie von Trauer und Erschöpfung gezeichnet. Kinderärztin Dr. Andrea Kranen-Sutter, die nach ihrem ersten humedica-Einsatz im Niger im Jahr 2010, nun mit einer mobilen Klinik im Kosovo Menschen behandelte, berichtet im Interview von ihren Erlebnissen:

Frau Dr. Kranen-Sutter, Sie haben den Kosovo durch Ihren medizinischen Einsatz mit humedica kennengelernt. Ist der Krieg dort eine ferne Erinnerung oder doch spürbare Präsenz im Leben der Menschen? Wie haben Sie das als Ärztin wahrgenommen?

Der Krieg ist noch überaus präsent. Eine Vielzahl der Patienten leidet noch heute unter posttraumatischen Belastungen. Sie haben unter anderem Depressionen mit Schlafstörungen und Angstattacken. Viele Frauen sagen ganz explizit, dass sie diese Beschwerden erst seit dem Krieg haben.

Der Gebrauch – teilweise eher Missbrauch – von Psychopharmaka hat mich sehr erschreckt. Die Menschen versuchen eben irgendwie mit ihren Erlebnissen umzugehen. Dies ist besonders schwer, da von ihnen erwartet wird, dass sie schweigend und klaglos die Vergangenheit hinter sich lassen. Aufarbeitung findet dadurch kaum statt und das Gefühl Opfer zu sein, ist überall spürbar und lähmt offenbar auch den Willen, ein neues Kosovo aufzubauen.

Welchen Eindruck haben Sie vom Land Kosovo? Sind die offensichtlichen Schäden an Häusern und Straßen inzwischen behoben?

Auch wenn man durch die Straßen läuft, ist es auffallend, dass es zwar alte Menschen, viele Kinder und müde aussehende Frauen gibt, aber keine Männer mittleren Alters. Auch so zeigt der Krieg seine deutlichen Spuren.

In den Städten sieht man noch viele zerstörte Häuser. Manche werden gezielt als Gedenkstätte in diesem Zustand belassen. Sehr bedrückend fand ich die vielen leerstehenden und zerfallenen Fabriken. Durch den Krieg wurde das produzierende Gewerbe offensichtlich zum Erliegen gebracht.

Durch die vielen Kosovaren im Ausland kommt jedoch nun wieder ein wenig Geld zum Bau von Häusern ins Land. Das gibt zumindest ein wenig Hoffnung.

Wie wurde Ihre Arbeit als Ärztin von den Patienten und Patientinnen vor Ort angenommen?

Das war zwar im Genauen sehr unterschiedlich, jedoch wurden wir überall dankbar begrüßt. Mein Übersetzer Korab, ein sehr empathischer junger Mann, übersetzte die oft ausführlichen Anamnesen mit einer Engelsgeduld, auch wenn es sich dabei um Frauenleiden handelte, was ihm sichtlich schwer fiel. Er bewies viel Feingespür und machte die Untersuchungen somit für alle so angenehm wie möglich.

Insgesamt war die Dankbarkeit der Patienten überwältigend. Dass sich jemand Zeit für sie nahm und wichtige Medikamente verteilt wurden, schien bereits eine große, beruhigende Wirkung zu haben.

Gibt es ein Erlebnis aus Ihrer Zeit im Kosovo, das Ihnen besonders nahe gegangen ist?

Als Kinderärztin gingen mir die behinderten Kinder, die aus einem Gefühl der Schande heraus zu Hause versteckt werden, besonders zu Herzen. Hinzu kommt, dass es im Kosovo keine Einrichtungen zur Förderung von Menschen mit Behinderungen gibt. Medikamente müssen selbst bezahlt werden, doch das Geld hierfür ist meist nicht vorhanden.

Die Behandlungsmöglichkeiten für Epilepsien sind auch sehr beschränkt und so etwas wie Krankengymnastik oder Ergotherapie gibt es genauso wenig wie Rollstühle, passende Brillen oder andere Hilfsmittel. Es fehlt schlichtweg an allem, was nötig wäre um Menschen mit Behinderungen helfen zu können. Da es keine Einreisemöglichkeiten für die Familien gibt, ist auch eine Behandlung im Ausland, wie zum Beispiel in Deutschland, nicht möglich. Das machte mich häufig ratlos und traurig.

Was hat Ihnen während Ihres Einsatzes am meisten Kraft gegeben?

Am meisten Kraft hat mir mein Team gegeben. Cindy und Dave Johnson, das Missionsehepaar, bei dem wir in Krushe e Vogel gelebt haben, waren unglaublich ermutigend. Auch Alban, der einheimische Organisator, war ein großer Gewinn. Die jungen Leute aus diesem Team sind voller Hoffnung und Willen ihre Heimat zu einem lebenswerten Land zu machen.

Vielen Dank für diese intensiven Einblicke in Ihren Einsatz und das Land Kosovo!

humedica engagiert sich nicht nur in den Katastrophenregionen dieser Welt, sondern leistet auch Langzeithilfe in Gebieten wie dem Kosovo. Diese Hilfe ist für die Menschen am Ort von unschätzbarem Wert und vermittelt beständige Nächstenliebe - auch hinter dem geschlossenen Vorhang der Weltöffentlichkeit.

Helfen Sie uns diese Langzeithilfe weiterhin leisten zu können und unterstützen Sie unser Engagement mit einer konkreten Spende. Vielen Dank!

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