Ein Teil unseres Herzens

Vier Tage in der Ukraine

von Jasmin Eigemann, 05.11.2014

Bereits zum dritten Mal besucht die Journalistin Claudia Conrath, bekannt durch die Bayern 3 „Frühaufdreher“, für humedicas Weihnachtsaktion „Geschenk mit Herz“ eines der Länder, in die die Weihnachtspäckchen verschickt werden. Nach Moldawien im Jahr 2012 und Äthiopien im letzten Jahr, fliegt sie nun in die Ukraine. Mit dabei ist Jasmin Eigemann vom „Geschenk mit Herz“-Team, verantwortlich für die Öffentlichkeitsarbeit der Aktion. Vier Tage lang besuchten sie Projekte von Childrens Mission Ukraine (CMU), einer Hilfsorganisation die seit etwa 20 Jahren eng mit humedica zusammenarbeitet.

„Unsere Ankunft fällt leider buchstäblich ins Wasser: Anstelle des versprochenen Sonnenscheins begrüßen uns null Grad Celsius und Schneeregen in Lemberg. Auch die auf drei Stunden geplante Fahrt vom Flughafen nach Lutsk, wo wir die Projekte besuchen werden, dauert aufgrund der Straßenlage fünf Stunden.

Lutsk ist die Hauptstadt der Volyn Region, ganz im Nord-Westen der Ukraine. Foto: wikipedia

Ukrainische Autobahnen sind vergleichbar mit deutschen Landstraßen, aber im Gegensatz zu den restlichen Straßen, die wir erlebten, schlaglochfrei.

So hatten wir genügend Zeit uns die neue Umgebung anzuschauen. Besonders deutlich merkt man, dass die Ukraine im Gegensatz zu Deutschland noch ein Agrarstaat ist. Nahezu jedes Haus verfügt über ein kleines Feld, Hühner, Enten und Gänse tummeln sich auf der Straße vor dem jeweiligen Hauseingang.

Wir fahren durch eine ursprünglich wirkende Landschaft mit nur wenigen Ortschaften. Die Häuser sind meist eingeschossig, neu und alt stehen ungeordnet nebeneinander.

Am Straßenrand sitzen trotz der für uns schon kalten Null Grad viele ältere Frauen und verkaufen riesige Berge Weißkohl. Alle tragen eng gewickelte Kopftücher, um sich vor der Kälte zu schützen.

Die Begrüßung unserer Gastgeberin Lyudmila Lonyuk, die uns unsere gesamte Reise begleitet, ist überaus herzlich. „Wir möchten einen Teil eurer Herzen stehlen, damit ihr in die Ukraine zurückkehrt“, verrät sie uns.

Im Laufe unseres Aufenthalts besuchen wir drei Familien, eine Kindertagesstätte, eine Schule, das einzige Kinderkrankenhaus der Region Volyn, ein Krisenzentrum und eine Unterkunft für Straßenkinder.

Der Stolz unserer Gastgeber gebietet es, sich von der besten Seite zu zeigen. Deshalb kleiden und frisieren sich Eltern, Kinder und Leiter der Einrichtungen sehr gut, wie zu einem Feiertag. Positive Errungenschaften werden in den Mittelpunkt gestellt, trotzdem werden Leid und Armut immer wieder sichtbar. Besonders im Kontext der aktuellen Krise im Land.

Ein großes daraus resultierendes Problem sind steigende Preise, sowohl der Lebensmittel, als auch von Kleidung, insbesondere Gas ist knapp. Dieser Mangel geht soweit, dass es in ukrainischen Haushalten nur noch am Wochenende warmes Wasser gibt. Unter der Woche muss kalt geduscht werden und das bei Temperaturen um den Gefrierpunkt. Außerdem wurde dieses Jahr zum ersten Mal von der Regierung bestimmt, dass erst ab dem 1. November geheizt werden darf.

In den vier Tagen trafen wir Kinder mit unterschiedlichen Lebenshintergründen, hören ihre Geschichten und lernen einen winzigen Teil ihres Lebens kennen. Eine Geschichte möchte ich folgend erzählen.“

Weihnachten im Krankenhaus

„An unserem zweiten Tag besuchen wir das einzige Kinderkrankenhaus der Region Volyn, einem Gebiet in dem immerhin eine Millionen Menschen leben. Hier werden Kinder, die die Weihnachtszeit im Krankenhaus verbringen müssen mit Weihnachtspäckchen aus Bayern aufgeheitert.

Schon seit beinahe 20 Jahren unterstützt humedica das Kinderkrankenhaus durch die sogenannte Versorgungshilfe. Insbesondere Verbandsmaterial und Einrichtungsgegenstände wie z.B. Krankenhausbetten werden von Kaufbeuren aus nach Osten verschickt.

Leider ist diese Form der Unterstützung eine Notwendigkeit, da das Krankenhaus keinerlei weitere Unterstützung erhält. Von der ukrainischen Regierung erhalten sie pro Patient zwar einen Euro am Tag, dies deckt allerdings nicht einmal die Kosten für die Mahlzeiten, geschweige denn weitere medizinische Versorgung. Verschärft wird die Situation weiter durch die steigenden Lebensmittelpreise, ausgelöst durch den Konflikt im Osten des Landes.

Beim Eintritt in das Krankenhaus habe ich ein leicht bedrückendes Gefühl und fühle mich zugleich zurück in die 1980er Jahre versetzt. In der Eingangshalle befinden sich hölzerne Klappstühle, wie im Kino, der Boden im gesamten Gebäude ist abgewetzter Holzboden, nur abgelöst durch einfachen Beton, der dick mit grüner Farbe bestrichen wurde.

Nicht nur draußen, sondern auch im Gebäude ist es sehr kalt. Wie alle Gebäude in der Ukraine hat auch das Krankenhaus Fenster mit nur einfacher Verglasung. Durch alle Ritzen und Ecken kriecht Kälte in das Gebäude.

Die Leiterin des Hospitals, eine kleine resolut wirkende Frau, begrüßt uns am Eingang. Nach der Übersetzung teilt uns Lyudmila Lonyuk mit, dass wir heute drei Stationen besuchen werden. Die Krebsstation, die Säuglingsstation und die Station für Allgemeinchirurgie. Allerdings müssten wir im Vorfeld die Kinder erst fragen, ob wir ihre Zimmer betreten dürften. Für uns selbstverständlich.

Aus hygienischen Gründen bekommen wir noch blaue Plastiküberzieher für unsere Schuhe und machen uns dann gemeinsam auf den Weg. Mit dabei haben wir Kuscheltiere, kleine Spiele, Luftballons und Seifenblasen, um die Kinder etwas aufzuheitern.

Lyudmila begrüßt jedes einzelne Kind herzlich, kündigt uns auf Ukrainisch an und wartet auf eine Zu- oder Absage. Fast alle Kinder sind neugierig auf diesen seltsamen Besuch aus Deutschland und wollen wissen wie Deutsche aussehen.

Leider gar nicht so anders, als ukrainische Menschen.“, sagt der zehnjährige Lukas. Sein Schicksal ist mir besonders im Kopf geblieben. Bei ihm ist sein sechs Jahre älterer Bruder. In ihrer Familie sind sie vier Geschwister, die Eltern haben sie im vergangenen Jahr verloren. Glücklicherweise sind die Geschwister bei der Großmutter untergekommen.

Und nun ist Lukas, das Nesthäkchen, auch noch an Krebs erkrankt. Jeden Tag besucht ihn eins seiner Geschwister, meist sein Bruder, der immer wieder schützend den Arm um ihn legt. Tapfer lächelnd freut sich über das von uns mitgebrachte Kuscheltier.

Manche Kinder wollen zur Weihnachtszeit gar nicht mehr nach Hause.“, erzählt uns Lyudmila Lonyuk „Sie wissen, dass wir hier jedes Jahr Geschenke aus Deutschland verteilen, Zuhause würden sie keine bekommen.“.

Auch die anderen Stationen hinterlassen ihren Eindruck, jedoch nicht so schmerzlich wie auf der Kinderkrebsstation. Wir lernen viele Menschen kennen, unter anderen Katja, die also Waise schon früh von CMU unterstützt wurde und nun von Lyudmila wie eine Tochter begrüßt wird.

Vor vier Monaten brachte sie ihren Sohn auf die Welt. Bei seiner Geburt gab es Komplikationen, sein Hirn wurde beschädigt. Deshalb ist sie immer noch hier und freut sich an seinem Krankenbettchen die kleinste Verbesserung.

Wir verlassen das Krankenhaus, dankbar für unsere privilegierte medizinische Versorgung in Deutschland und hoffen, den Kindern mit unseren Geschenken den Tag etwas verschönert zu haben.

Liebe Spender, bitte unterstützen Sie uns von humedica auch weiterhin. Reichen Sie den Menschen in Lutsk eine Hand und helfen Sie mit, den Kindern eine bessere medizinische Versorgung zu ermöglichen.

      humedica e.V.
      Stichwort "Versorgungshilfe Ukraine"
      IBAN DE35 7345 0000 0000 0047 47
      BIC BYLADEM1KFB
      Sparkasse Kaufbeuren

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