Tagebuch des humedica-Koordinators für Pakistan

von Dr. Toni Großhauser/ DWA, 18.02.2013

Dr. Toni Großhauser ist der verantwortliche Projektkoordinator für Pakistan. Welche Umstände ein Besuch des betreuten Landes mitunter haben kann, welche Erkenntnisse er bringt und vor allem, welche Ergebnisse, stellen wir Ihnen in Form eines Tagebuchs vor:

Mittwoch, 23. – Freitag 25. Januar:

Mein Flug nach Dubai hatte bereits in Hamburg sechs Stunden Verspätung, da der Flugverkehr in Dubai aufgrund dichten Nebels lahmgelegt war. Dadurch verpasste ich den Anschlussflug. Es folgte ein ziemlich chaotischer Tag, an dem große Menschenmengen stundenlang auf das Arrangieren ihrer Weiterflüge warteten – ein äußerst langwieriger Prozess.

Ich war morgens um 5:20 Uhr angekommen und erfuhr gegen 15 Uhr – nach Eruierung aller Möglichkeiten – dass ich doch nicht noch am selben Tag nach Islamabad weiterfliegen konnte, da die entsprechende Fluggesellschaft einer Ticketänderung nicht zustimmte. Die einzige Möglichkeit war, am Samstagmorgen mit dem gleichen Flug wie ursprünglich für Donnerstag geplant, nach Peshawar zu fliegen.

13 Stunden und viele erschöpfte Momente nach der Ankunft, war ich schließlich in einem Hotel einquartiert. Die versprochene Koffernachlieferung ins Hotel erfolgte auch am nächsten Tag nicht, er blieb am Flughafen. Geduld und Flexibilität sind bei so einer Reise eben unabdinglich.

Den unfreiwilligen Aufenthalt nutzte ich zu einem Besuch der Ermutigung bei Freunden, die in einer Krisensituation steckten.

Samstag, 26. Januar:

Nach dem Nachtflug nach Peshawar war diesmal wegen der obigen Verspätung kein kurzer Erholungsschlaf möglich. Direkt nach der Ankunft galt es einige Erledigungen zu tätigen, wie ein Treffen mit dem lokalen Partner AoG. Wegen einer Konferenz waren auch Partner aus anderen Städten anwesend, sodass es zu einem produktiven Meeting kam.

Ich erfuhr von einer strikteren Überwachung durch die Sicherheitsdienste aufgrund der angespannten Lage im Land. In den letzten Wochen wurden fünf NRO (Nicht-Regierungs-Organisations)-Arbeiter in Charsadda ermordet, einem unserer Projektorte. Vor zwei Tagen gab es dort einen weiteren Bombenanschlag.

Mit unserem Partner PMS (Pak Mission Society) ging es dann nach Mianwali, einem Ortsteil in eben diesem Charsadda. Dies war der Ort, an dem die AoG Peshawar Toiletten und Küchen gebaut hatten, die von humedica finanziert worden waren.

PMS hat dort zehn Häuser gebaut und plant, den Kontakt mit der Bevölkerung durch ein neues Projekt zu halten, in dem Kühe zur Einkommensbeschaffung dienen sollen. Zu dem Mullah des Ortes (dem islamischen Geistlichen) besteht eine spezielle Beziehung; er war über das Wiedersehen sehr erfreut.

Die zweite Phase des Häuserbauprojektes ist nun mit 113 statt der ursprünglich geplanten 100 Häuser abgeschlossen. Das Audit der Projektfinanzen wird Ende Februar erwartet.

In einer vierstündigen Fahrt ging es abends weiter nach Qalandarabad, wo PMS ihr Büro hat.

Sonntag, 27. Januar:

Qalandarabad: PMS hat nun vor dem Büro eine kleine Modell-Farm errichtet, um effiziente ökonomische Landnutzung zu demonstrieren und das Einkommen der Menschen in weiterer Folge dauerhaft zu generieren. Dieses neue Projekt stieß bereits auf großes Interesse seitens der Bevölkerung.

Danach standen wichtige Besprechungen im Büro an, mit ersten Einführungen in das Anforderungsprofil des Auswärtigen Amtes, falls unser eingereichter Projektvorschlag für die Provinz Sindh genehmigt würde.

Am späten Nachmittag starteten wir die sechsstündigen Autofahrt gen Norden nach Pattan in Kohistan. Wegen der Sicherheitslage dort erhalte ich als Ausländer auf dem letzten Drittel des Weges polizeilichen Geleitschutz.

Montag, 28. Januar:

Morgens war die Inspektion der MCHC (Mutter-Kind Gesundheitsklinik), die seit August 2012 in Betrieb ist. Es war recht schwierig, ein professionelles Team zu rekrutieren, das willens ist, an diesem sehr konservativen Ort zu arbeiten. Eine Ärztin steht immer noch auf der Wunschliste. An diesem Tag fanden dort drei Entbindungen statt. Es ist neben einer privaten Praxis auf der anderen Seite des Flusses, die einzige medizinische Versorgungsstelle weit und breit.

Das Team für dieses Zentrum sowie die Entwicklungsarbeit im Seiten-Tal, schien gut zu harmonieren. Dies ist bei den engen Wohnverhältnissen keine Selbstverständlichkeit, für effiziente Zusammenarbeit allerdings äußerst wichtig.

Am Abend begegneten wir auf unserer Rückreise dem Ambulanzfahrzeug des Zentrums, das gerade einen Notfall in das Krankenhaus nach Besham gebracht hatte. Die Investition von humedica in dieses Zentrum wirkt sich offenbar bereits für viele segensreich aus.

Wir fuhren in das Tal bis Sherakot. Die geplanten hundert Häuser sind fertiggestellt, von denen wir einige in Augenschein nahmen. In den kalten Wintermonaten ziehen allerdings viele Bewohner dieses Ortes talabwärts in eine Gegend mit milderem Klima, sodass die meisten neuen Häuser noch unbewohnt sind.

Bis April sollen auch die Wassermühlen und Mikrohydrokraftanlagen fertig gestellt werden. Bis zum Abschluss der für das erste Jahr vereinbarten Bautätigkeiten, wird das gesamte Projekt von humedica finanziert – selbst über diesen verlängerten Zeitrahmen hinweg, der wegen Verzögerungen unterschiedlicher Ursachen zustande kam.

Am Ende des Tages fuhren wir sechs Stunden zurück nach Qalandarabad.

Dienstag, 29. Januar:

Danach ging es auf nach Islamabad, das von Qalandarabad weitere drei Stunden entfernt liegt. Dort angekommen hatte ich ein Treffen, um ein Trainingsprogramm für Islamabad im Februar zu besprechen. Dabei kam wiederum die verschärfte Sicherheitslage und das wohl damit zusammenhängende Visums-Problem zur Sprache. Außerdem soll ein Gesetz zur Legalisierung von E-Mail- und Telefon-Überwachung verabschiedet worden sein.

Nach einem Treffen mit einem früheren Lehrer unserer Kinder, flogen wir nach Karachi und fuhren anschließend in Richtung des Projektortes im Inneren der Provinz Sindh. Auf dem Weg dorthin steuerten wir ein Gästehaus an, wo wir nach achtstündiger Reise um 2:30 Uhr morgens ankamen.

Mittwoch, 30. Januar:

Wir fuhren zu unserem Projektstandort nach Khipro. Im dortigen Büro hielt der Projekt-Manager zunächst für mich eine Präsentation zu dem Prozess und dem Stand der Baumaßnahmen. Die Vorbereitungen für den Bau dieser Häuser für Flutgeschädigte beinhalten auch Verhandlungen mit den Landbesitzern, denn es muss von vornherein sichergestellt werden, dass die Häuser auch wirklich als Eigentum der Begünstigten anerkannt werden. Bei den Materialeinkäufen für diese einfachen Häuser übt PMS strenge Qualitätskontrollen aus.

Die Eigenarbeiten können die Empfänger erst nach Feierabend durchführen, da sie tagsüber Feldarbeit für die Grundbesitzer durchführen müssen, in deren Diensten sie stehen. Die Familien werden von PMS-Mitarbeitern so lange besucht, bis sie die abschließende Eigenleistung des Lehmverputzes vollständig durchgeführt haben.

Mit der überwiesenen Rate können 190 Häuser fertig gestellt werden. Wir hoffen auf die Fortsetzung der Tätigkeit und deren Finanzierung durch das Auswärtige Amt der Bundesrepublik Deutschland.

Bei unseren Besuchen der Häuser in den Dörfern, durften wir sehr zufriedene und dankbare Empfänger erleben. Einige von ihnen hatten sogar in den Lehmbelag um den Türrahmen feine Verzierungen eingearbeitet.

Auch hier machte das Mitarbeiterteam unserer Partner-Organisation einen sehr harmonischen Eindruck. Sie scheinen die Arbeit voller Leidenschaft auszuüben und nehmen dafür sogar zeitweise Trennungen von ihren Familien in Kauf. Der Projektmanager reist beispielsweise nur alle sechs Wochen für zehn Tage zu seiner Familie nach Malakand. Für jede Strecke sitzt er rund 24 Stunden im Bus.

Auch wir saßen am Ende des Tages wieder neun Stunden in unserem Gefährt, um nach Sukkur zu gelangen – wieder kamen wir schließlich um 2:30 Uhr morgens an.

Donnerstag, 31. Januar:

Der Besuch der St. Savior’s School in Sukkur war unser Start in diesen neuen Tag. Für diese Schule wurde von humedica ein großer Container mit Möbel gespendet, der bald ankommen soll.

An der St. Savior’s School sind sehr erfreuliche Fortschritte zu verzeichnen: Der Computerraum für den EDV-Unterricht wurde mit 22 Computern eingerichtet, die die Schule nun in Raten abbezahlt. Außerdem führen einige Lehrer von Riverside (ebenfalls ein Projektpartner von humedica) für die Lehrer der St. Savior’s School Fortbildungen über Lehrmethoden durch, um den Unterricht dauerhaft qualitativer gestalten zu können. USAID wird demnächst einen Englischkurs anbieten und mit den erwarteten Schulmöbeln werden auch die Unterrichtsräume bald besser ausgestattet sein.

Danach besuchten wir das Krankenhaus „Mission Hospital Sukkur“. humedica hat diesem Krankenhaus per Container bereits viel dringend nötiges Material zukommen lassen. Dort wurde inzwischen der Operationssaal neu gestrichen; aseptischen Bedingungen für operative Eingriffe müssen jedoch erst noch geschaffen werden.

Die Patientenzahlen steigen stetig. Die Entbindungsstation war bei unserem Besuch überfüllt, und der Augenarzt Dr. Sadaqat behandelt seine Patienten bis zum späten Abend und ist stolz auf das gelieferte Instrumentarium. Ein großes Plakat wirbt für die Behandlungen, die Dank humedica nun in besserer Qualität und kostenlos angeboten werden.

Viele Patienten werden mit Brillen versorgt, die von humedica gespendet und geliefert wurden. Dr. Sadaqat ist äußerst froh und dankbar für all die Unterstützung.

Zuletzt besuchten wir den Bauplatz der geplanten Riverside Schule. Hierfür wurde ein geeignetes Grundstück nahe der Dorfgemeinschaften erworben, deren Kinder in diese neue Schule geschickt werden. Zwei Fünftel der Finanzierung sind bereits zugesagt durch eine befreundete Organisation; der Baubeginn ist auf März anberaumt.

Ein später Flieger brachte mich nach Karachi, wo ich um 23:30 Uhr ankam, die Nacht mit Computer-Arbeit am Flughafen verbrachte und am 1. Februar morgens um 5:40 Uhr den Rückflug nach Deutschland antrat.

Es ist immer wieder ermutigend, all die Projekte zu besuchen und die Fortschritte festzustellen. Am schönsten ist es, wenn uns Freude, Hoffnung und Dankbarkeit der Menschen selbst, für die Hilfe entgegengebracht wird, wie hier durch die meist schon in Vergessenheit geratenen Flutopfer in Pakistan.

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