„Jede Geschichte berührt!“

von Judith Kühl/LKO, 12.12.2013

Für humedica reiste die 27-jährige Judith Kühl bereits mehrfach in akute Katastrophengebiete, um als Koordinatorin entsprechende Einsatzteams zu leiten und zu organisieren. Und auch bei bekanntwerden des aktuellen Taifununglücks auf den Philippinen zögert die Wahlberlinerin nicht lange und macht sich gemeinsam mit neun weiteren humedica-Hilfskräften von Hamburg aus auf den Weg in Richtung Tacloban.

Dort angekommen, erfährt sie von persönlichen Schicksalen zahlreicher Menschen, die Schreckliches erlebt haben und trotzdem grenzenlose Stärke zeigen:

„Jeder Patient bringt neben seinem medizinischen Anliegen auch seine persönliche Geschichte der Katastrophe mit zur Visite. Immer wieder sind unsere Ärzte tief berührt von dem, was die Menschen erzählen und sind dankbar, nicht nur mit guter Medizin, sondern auch mit einem offenen Ohr den Patienten helfen zu können.

Gestern besuchte uns eine 75-jährige Frau mit Schmerzen im oberen Brustbereich und schwerer Atemnot. Sie hatte vor Taifun „Haiyan“ Schutz in ihrem Haus gesucht.

Als dann die Flut kam, band sich die kleine Frau mit einem Handtuch an die Holzbalken ihres Daches fest und hing dort über mehrere Stunden, während ihr das Wasser bis zum Bauchnabel stand.

Nach einer Untersuchung ihrer Lunge und Muskulatur, können unsere Ärzte sie beruhigen – die Beschwerden sind nicht dramatisch und die blauen Flecken werden bald wieder von ihrer Haut verschwinden.

Ein 17-jähriger Junge kam mit einer ausgerenkten Schulter zu uns – über zwei Wochen nach dem Taifun! Ein großer Holzblock war bei dem Sturm gegen seine rechte Schulter geflogen. Seitdem kann er sich vor Schmerz kaum bewegen und klagt über Gefühlsstörungen im Armbereich. Tapfer sitzt er vor unseren Ärzten, als wir ihm die Schulter wieder einrenken können. Langsam kommt sein Gefühl zurück und die Muskulatur entspannt sich.

Während einer der humedica-Ärzte eine Familie mit zwei Kindern behandelt, fällt ihm auf, dass die Mutter deutliche Anzeichen einer posttraumatischen Belastungsstörung aufweist: Völlig apathisch scheint sie kaum etwas um sich herum zu bemerken. Ab und zu zuckt sie mit einer Schulter, indes ihr Blick konstant ins Leere starrt. Ihr Mann erzählt, dass sie bei dem Taifun vor dem Wasser fliehen musste.

Mit einem Kind über dem Arm kletterte sie über eine Absperrung und fiel dabei so hart auf den Kopf, dass sie sich übergeben musste. Ihren Mann hat sie dabei aus den Augen verloren und floh panisch mit dem Kind weiter. Seitdem redet sie kaum bis gar nicht mehr. Da inzwischen viele Hilfsorganisationen in Tacloban angekommen sind, können wir sie glücklicherweise zu Trauma-Spezialisten weiterschicken.

Eine andere Patientin erzählt ganz nebenbei, dass sie nachts meist nur eine halbe Stunde oder eine Stunde am Stück schlafen kann. Ihr Haus ist eingestürzt und die provisorischen Plastikplanen, die ein Stück der Trümmer überdachen, halten den häufigen Schauern nachts nicht stand.

So steht sie bei Regen immer wieder auf, holt ihre Kinder zu sich und hält die wichtigsten Dinge trocken. Ein inzwischen wochenlanger Zustand, der ihr die letzten Kräfte raubt.

In einer Katastrophe wie dieser, sind tausende Menschen auf Hilfe angewiesen. Trotzdem versuchen wir, unseren Fokus immer auf die Person zu richten, die gerade vor uns steht. Und diese Person braucht neben der klassischen Medizin auch Aufmerksamkeit, ein Gebet oder einfach einen Ort, wo sie von dem Erlebten erzählen kann.

Obwohl wir von ihren Geschichten oft tief bewegt sind, kommen wir nicht umhin zu staunen, wie die Menschen trotz aller Umstände nach vorn blicken und so gut es geht von Neuem beginnen.“

Bitte unterstützen Sie die humedica-Hilfsmaßnahmen auf den Philippinen auch weiterhin mit einer konkreten Spende und ermöglichen Sie unseren Teams neben der Realisierung medizinischer Hilfe, auch den seelsorglichen Beistand der Betroffenen. Vielen Dank!

      humedica e. V.
      Stichwort "Taifun Philippinen"
      Konto 47 47
      BLZ 734 500 00
      Sparkasse Kaufbeuren

Ihr Browser ist veraltet!

Bitte aktualisieren Sie Ihren Browser, um diese Website korrekt darzustellen.

Den Browser jetzt aktualisieren×