Ärzteteam hilft mehreren tausend Opfern

von Lothar Ruehl, 25.11.2013

Unvorstellbare Bilder der Katastrophe sind die ersten Eindrücke, die die in Dreisbach lebende Ärztin Dr. Margrit Wille am 10. November in Tacloban auf der philippinischen Insel Leyte gesehen hat. Das, was Fernsehzuschauer vom gemütlichen Sessel aus beobachten konnten, mischte sich mit dem Geruch von verwesenden Leichen und dem Leiden der Menschen, das sie hautnah miterlebte.

Als erste ausländische Helfer waren die Mitglieder des humedica Ärzteteams noch am 8. November, wenige Stunden nach Ausbruch des Taifuns "Haiyan", von Frankfurt aus aufgebrochen und hatten am 9. November zunächst die Hauptstadt Manila erreicht.

Morgens um 10.30 Uhr kam die Alarmierung von humedica. Sofort hat Dr. Wille ihre Kollegen im Hospiz Haus Emmaus gefragt, ob sie diesem Hilferuf Folge leisten könne. Der zweite Anruf galt ihrem Ehemann Peter, der - genau wie ihre Mitarbeiter - ein Ja zu diesem Einsatz fand.

Schon eine Stunde später kam der „Marschbefehl“ zum Flughafen. „Für solche Fälle haben wir immer einen Koffer fertig gepackt“, berichtet Dr. Wille, die erst im Oktober mit einem humedica-Ärzteteam in Liberia im Einsatz war und von Mai bis Juni syrischen Flüchtlingen im Libanon zur Seite stand.

Diese ehrenamtlichen Einsätze faszinieren die Ärztin, die bis 2011 eine Hausarztpraxis in Münchholzhausen betrieben hat. Schon lange hatte sie sich für die Arbeit im Ausland interessiert, wie sie ihr Albshausener Kollege und humedica-Vorstand Georg Müller durchführte. 1999 war er Initiator für ein Ärzteteam, das seither zu hunderten von Einsätzen bei Erdbeben, Wirbelstürmen, Tsunamis, Kriegen und anderen Katastrophen, sowie zu Hilfseinsätzen in Gefängnissen der Dritten Welt unterwegs war und vielen tausend Menschen das Leben gerettet hat.

"Mit dem humedica-Ärzteteam kann ich das verwirklichen, was mich dazu bewegt hat, den Beruf des Arztes zu ergreifen: Menschen zu helfen, ohne an Budgets und Regressforderungen zu denken“.

Das sechsköpfige Team saß zunächst in der philippinischen Hauptstadt Manila fest und musste die Behörden davon überzeugen, dass sie den Opfern helfen wollen. Daraufhin wurden sie vom Militär mit einer Maschine auf die Insel Leyte geflogen und konnten rund 46 Stunden nach der Alarmierung die ersten Patienten in der verwüsteten Stadt Tacloban behandeln.

Mit der mittelhessischen Ärztin flogen die Internisten Dr. Anja Fröhlich (Hannover) und Dr. Markus Hohlweck (Bonn), sowie der Pfleger Matthias Gerloff (Ammerbuch) und die Koordinatoren Margret Müller (Berlin) und Christiane Bähr (Hildesheim) in das Katastrophengebiet, über das der Taifun mit über 350 Stundenkilometern hinweggefegt war. Das Team führte 300 Kilogramm Übergepäck mit sich, vor allem Medikamente und ärztliches Zubehör.

Bei der Ankunft in Tacloban warteten dramatische Szenen auf Margret Wille und ihre Kollegen. Manche Patienten hatten bereits erste medizinische Versorgung durch einheimische Ärzte erhalten. Allerdings war diese eher mangelhaft, erinnert sich Dr. Wille, die nach zwei Wochen in Tacloban nun nach Hause zurückgekehrt ist. „Die Menschen haben uns um Nahrung angebettelt. Aber wir haben ja keine dabei gehabt.“ In Manila deckte sich ihr Team mit Keksen und Wasserflaschen, um den Einsatz zu überstehen.

„Ein Mann traute sich nicht mehr in sein Haus, weil dort die Leichen von 15 Angehörigen lagen.“ Solche Schicksale hat Dr. Wille zuhauf erlebt. Täglich versorgte das Team zwischen 200 und 300 Patienten. Fast 3.000 Menschen konnten die deutschen Ärzte helfen. Etlichen rettete der schnelle Einsatz der Mediziner das Leben, während andere größere Hilfsorganisationen erst vier Tage später vor Ort sein konnten.

Die Ärztin traf auch fast zwei Wochen nach der Katastrophe noch auf Menschen, die sich mit gebrochenen Gliedmaßen herumschleppten, ohne bislang ärztliche Hilfe gefunden zu haben. Besonders erschütternd war der Fall eines Mannes, den das Team zehn Tage nach der Katastrophe auf einer Tour durch die zerstörte Region fand. Dem Mann war während des Taifuns eine Palme auf den Rücken gefallen, was ihn halsabwärts lähmte.

Seine Blase, die sich nicht mehr entleeren ließ, war riesig angeschwollen. Bis zu 50 Kilometer sind die Ärzte aus der Stadt Tacloban heraus gefahren, um Menschen in ihren Trümmern aufzusuchen und zu behandeln. Dies wurde möglich, weil die Aufräumarbeiten voranschritten und Straßen nach und nach wieder befahrbar waren.

Sobald bekannt wurde, dass medizinische Hilfe vor Ort war, sammelten sich die Patienten. Immer wieder sah das humedica-Team auch Tote, bei denen jede Hilfe zu spät kam. Besonders berührt hat Dr. Margrit Wille ein Bild: Eine Mutter lag tot auf dem Boden, ihre ebenfalls tote Tochter hatte sie zwischen den Beinen versucht zu schützen.

An einem Tag kamen Kinder zu ihr, die drei Stunden gelaufen waren, um bei den Ärzten Medikamente für eine Gemeindeschwester abzuholen. Als sie ihre Tabletten freudestrahlend in Händen hielten, eilten sie die drei Stunden zurück in ihr Heimatdorf.

Brüche, Weichteilverletzungen, total verdreckte Wunden, zum Teil infiziert, hat das humedica-Team versorgt. „Wir haben von morgens bis zum Einbruch der Dunkelheit gearbeitet“, so Dr. Wille. Weil es kein Licht gab, musste die Arbeit am Ende eines jeden Tages unterbrochen werden.

Am Abend ging es zurück in ein intaktes Haus, das eine Familie zur Verfügung gestellt hatte. „Dort haben wir uns dann mit Keksen und Wasser für den nächsten Einsatztag gestärkt.“ Am nächsten Tag holte das Elend das Ärzteteam erneut ein. Angesichts der großen Not schickte humedica weitere Einsatzgruppen aus Deutschland auf die Philippinen.

Am 14. November konnte die Organisation in Kooperation mit der Airbus-Stiftung und Philippine Airlines einen neuen A321-Airbus neben Hilfsgütern auch mit einem dritten Einsatzteam bestücken, der vor einem Überführungsflug nach Manila stand. In Tacloban selbst konnten die Helfer bereits nach fünf Tagen das private "Mother of Mercy"-Krankenhaus im Herzen der Stadt übernehmen, das zumindest im Erdgeschoss noch funktionsfähig war.

Rund 80 Prozent der Gebäude in der Provinzhauptstadt sind dem Erdboden gleich gemacht. In der Klinik können nun auch Operationen durchgeführt und Patienten aufgenommen werden. „Manche Patienten waren wie abwesend“, schildert Margrit Wille die täglichen Behandlungen. "Viele waren von schwerem Leid betroffen."

Wie sie all ihre Erlebnisse aus Tacloban verarbeiten kann? „Wir haben im Team harmonisch zusammen gearbeitet und nach der Arbeit über das Erlebte gesprochen“, fasst sie ihre Erfahrungen zusammen. "Zum anderen haben sich die Menschen unheimlich gefreut, dass wir aus Deutschland gekommen sind.“

Immer wieder hätten sie gefragt, warum wir ihnen helfen. „Wir lieben euch, haben wir geantwortet.“ Bei den Filipinos habe sie eine große Dankbarkeit für ihre Arbeit erlebt. Das helfe über die Strapazen des Einsatzes hinweg. Mit Dr. Wille sind die ersten beiden Ärzteteams aus Tacloban zurückgekehrt, die von zwei Folgeteams abgelöst wurden.

Dass so ein kleines Werk wie humedica so viel Großes in einer dramatischen Katastrophe bewirken kann, fasziniert die mittelhessische Ärztin. Sie hofft, dass sich Viele auch durch Spenden an diesem humanitären Einsatz beteiligen.

Auch humedica bittet weiterhin um konkrete Spenden für den Katastropheneinsatz auf den Philippinen. Vielen Dank!

      humedica e. V.
      Stichwort "Taifun Philippinen"
      Konto 47 47
      BLZ 734 500 00
      Sparkasse Kaufbeuren

humedica bedankt sich ausdrücklich bei allen Förderern, Partnern und Unterstützern der Katastrophenhilfe auf den Philippinen. Besonderer Dank gilt der Scandinavian Children's Mission, BILD HILFT e. V. "Ein Herz für Kinder", stars4kids - Stiftung Profifußballer helfen Kindern, Apotheker helfen e. V. und der Spendenaktion der Abendzeitung München "Münchner helfen".

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