Syrische Flüchtlinge im Bekaa-Tal kämpfen ums Überleben

von Sabine Kirchner/LKO, 18.10.2013

In diesen Tagen verwandelte der erste Schnee des Jahres die Landschaft in eine weiße, glitzernde Pracht. Ein Anblick, der in uns Gedanken an gemütliche Abende vor dem Kamin oder ausgelassene Ski- und Rodelfahrten weckt.

Gedanken, die für die syrischen Flüchtlinge im Libanon geradezu grotesk wirken müssen. Der Kälte und Nässe des bevorstehenden Winters in ihren einfachen Unterkünften schutzlos ausgeliefert, werden die Menschen um ihre Gesundheit und ihr Überleben kämpfen müssen

Allgemeinmedizinerin Sabine Kirchner ist gerade aus dem Libanon zurückgekehrt, wo sie im Rahmen des humedica-Engagements medizinische Hilfe für betroffene Flüchtlinge leistete. Um Ihnen einen Eindruck der Verhältnisse am Ort zu vermitteln, hat die 54-jährige ihre Gedanken niedergeschrieben – auch der nahende Winter spielt dabei eine Rolle.

„Hinter den Hügeln des Anti-Libanon, dem Gebirgszug, der Syrien und den Libanon trennt, tobt seit nunmehr zweieinhalb Jahren ein schrecklicher Bürgerkrieg, der bisher über zwei Millionen Syrer in die angrenzenden Staaten fliehen ließ. 750.000 von ihnen kamen in den Libanon.

Mit mobilen Kliniken sichert humedica die medizinische Grundversorgung von rund 16.000 syrischen Flüchtlingen in der Bekaa-Ebene, um die libanesische Stadt Zahlé ab. Frauen leben dort allein mit ihren Kindern. Ihre Männer arbeiten in Syrien, kämpfen im Krieg, sitzen im Gefängnis oder sind längst tot.

Diese Menschen haben also nicht nur ihr gesamtes Hab und Gut, sondern auch oft mehrere Familienangehörige an den Krieg verloren. Manche von ihnen sind schon über ein Jahr hier. Täglich erreichen neue Flüchtlinge das Bekaa-Tal – immer mehr Zeltsiedlungen entstehen auf den Feldern. Selbst aus dem Norden Syriens fliehen die Menschen hierher.

Die Beschwerden unserer Patienten sind vielfältig. Eine 42-jährige Frau hat bei einem Bombeneinschlag ihr komplettes Gehör durch das Knalltrauma verloren. Der kleine Ali ist seit einem halben Jahr im Libanon. In letzter Minute konnte er aus einem brennenden Haus geborgen werden. An den Folgen seiner Rauchgasvergiftung leidet er noch heute.

Die 15-jährige Thoraya hat seit sechs Monaten Kopfschmerzen. Den ganzen Tag muss sie hart auf dem Feld arbeiten, um ihre Familie zu ernähren. Sie will zu ihren Freunden nach Syrien zurück. Sie erzählt mir, dass sie zu Hause auch die Schule besuchen konnte. Eigentlich weiß ich, dass ihr die Schmerztabletten nicht wirklich helfen können.

Einige Säuglinge und Kleinkinder sind schwer unterernährt. Viele Mütter können nicht stillen und besorgen für ihre Kinder Formulanahrung – doch die ist teuer. Geld haben die Flüchtlinge nicht, also muss das Pulver mit Wasser gestreckt werden, damit es länger reicht.

Durchfälle mit Wasserverlust, Infektionskrankheiten, Verletzungen und Hauterkrankungen, aber auch schwere Verbrennungen sind an der Tagesordnung. Denn gekocht wird vor dem Zelt am offenen Feuer. Tetanusimpfstoff gibt es nur am Monatsanfang.

Die 10-jährige Mariam zeigt mir eine große Narbe am Kopf. Diese sei vom Krieg, erklärt sie. Sie und ihr kleiner Bruder Nooh nässen nachts wieder ein. Die grausamen Bilder verfolgen die Kinder vor allem in der Dunkelheit – organisch sind beide völlig gesund.

Die junge Mutter Hudi hat vor vier Tagen ihr erstes Kind geboren. Blass und apathisch liegt sie auf ihrer Matratze. Der ganze Bauch ist steinhart. Erst nach drei Tagen wird sie im Krankenhaus behandelt. Wir geben ihr wiederholt Flüssigkeit und Antibiotika. Am kommenden Montag hat auch ihre ein Jahr ältere Schwester entbunden. Sie ist wohlauf und auch Hudi geht es langsam wieder besser.

Wir sehen mehrere Diabetikerkinder mit utopisch hohen Blutzuckerwerten. Die ersten beiden Apotheken die wir wegen des Insulins aufsuchen, haben keines mehr, in der dritten klappt es dann doch. Wir wollen eine Kühlbox organisieren, doch der Vater der erkrankten Kinder erklärt uns, dass sie in ihrem Lager nur nachts Strom hätten.

Auch in Zahlé hat der Herbst inzwischen Einzug gehalten, die Nächte sind deutlich kühler geworden. Das Bekaa-Tal ist eine Hochebene auf cirka 945 Metern Höhe. In wenigen Wochen wird es hier schneien. Die Flüchtlinge können nicht zurück. Um den anstehenden Winter zu überleben, benötigen sie dringend Decken und Heizöfen.

humedica verteilt eben diese Hilfsgüter an nicht registrierte Flüchtlinge – Menschen die aufgrund ihres Status häufig nicht von groß angelegten Verteilungen profitieren. Zusätzlich können dank der Unterstützung des Auswärtigen Amts der Bundesrepublik Deutschland regelmäßige Lebensmittelausgaben an bis zu 350 Familien realisiert werden. Maßnahmen, die den Winter zwar nicht aufhalten, vielleicht aber etwas erträglicher machen können.“

Liebe Freunde und Förderer, die Höhenlage des Bekaa-Tals bedingt besonders kalte und nasse Winter – eine Tatsache, der wir uns nicht verschließen dürfen. Bitte unterstützen Sie unsere Hilfsmaßnahmen im Libanon mit einer konkreten Spende und schenken Sie unschuldig in Not geratenen Menschen tröstende Wärme. Herzlichen Dank!

      humedica e. V.
      Stichwort „Syrische Flüchtlinge“
      Konto 47 47
      BLZ 734 500 00
      Sparkasse Kaufbeuren

Bitte helfen Sie mit einer sms: Stichwort DOC an die 8 11 90 senden und von den abgebuchten 5 Euro gehen 4,83 Euro in die humedica-Projektarbeit. Vielen Dank!

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