Nicht immer helfen die Tabletten gegen das Leiden

von Volker Baumann, 10.04.2013

Die politischen Spannungen sind seit November vergangenen Jahres im Libanon deutlich angestiegen. Täglich kommt es im Norden des Landes um die Stadt Tripoli zu Kämpfen. Die libanesische Armee versucht vergeblich, einzugreifen. Die Zahl der Toten infolge der Schießereien wird meist verschwiegen, um die einheimische Bevölkerung nicht weiter zu beunruhigen.

Im weltberühmten Bekaa-Tal, das schon vor den Römern von den mächtigen Herrschern der Welt besucht wurde, ist davon nur wenig zu merken. Doch der Zustrom syrischer Flüchtlinge hinterlässt auch hier seine Spuren. Allein in der letzten Märzwoche haben sich über 5.000 Neuankömmlinge bei dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) im Bekaa-Tal gemeldet. Wie viele tatsächlich in den Libanon geflohen sind, weiß keiner genau.

Die bis zur ersten Aprilwoche gemeldeten über 400.000 syrischen Flüchtlinge für den gesamten Libanon sind weniger als die Hälfte der in den vergangenen zwei Jahren tatsächlich in das Land geflohenen Nachbarn. Ihre Gesamtzahl wird auf etwa 900.000 geschätzt – nicht mitgerechnet die über 100.000 Menschen, die bereits in den Vorjahren im Libanon als Erntehelfer das Brot für ihre Familien in ihrer Heimat verdient haben.

Die stetig schwierige Situation ist nur schwer zu handhaben, und so wurde die Entscheidung von humedica, nach dem Einsatz vom Herbst 2012 die medizinische Arbeit im Bekaa-Tal wieder aufzunehmen, von UNHCR sehr begrüßt. Erleichtert wurde der Start durch die Hilfe unseres libanesischen Partners „Heart for Lebanon“.

In der letzten Märzwoche wurde die Arbeit von den humedica-Medizinern mit ihren Übersetzern in Zahlé, der Hauptstadt des Bekaa, aufgenommen. Bereits am ersten Tag wurden 81 Patienten betreut, über die Hälfte von ihnen Jugendliche unter 18 Jahren. Nach acht Einsatztagen waren es insgesamt 645 Patienten, wie die genau geführte Statistik der ehrenamtlichen Einsatzkraft Saskia Hankel aufweist.

Zum Glück ist der allgemeine Gesundheitszustand der Flüchtlinge besser als es nach dem langen, kalten und schneereichen Winter zu erwarten war. Ein Mädchen hatte Scharlach, drei Patienten waren von der seltenen Krankheit Leishmanosie befallen, ferner ein Verdacht auf Tuberkulose und die ernsten Folgen einer Kriegsverletzung eines Mannes, der ins Krankenhaus eingeliefert werden musste. Sonst die üblichen Atemwegsbeschwerden, Parasitenbefall, Schmerzen aller Art und verschiedene andere Befunde.

Kaum zu erfassen sind die seelischen Nöte. Eine Frau hatte gerade am Vortag erfahren, dass ihr Mann in Syrien ums Leben gekommen war. Benommen „schwebte“ sie in das Behandlungszelt. Lange nahmen sich die beiden Ärztinnen Elke Göhre und Rotraut Lorenz Zeit für die Patientin. Das war wirkungsvoller als Tabletten, leider ohne den Schmerz wesentlich mildern zu können.

Unbehandelt kann Scharlach im schlimmsten Fall zu schweren Folgeerkrankungen führen. Diesem Mädchen konnten die Mediziner mit der Gabe von Antibiotika helfen. Foto: humedica/Volker Baumann

Die vielen Kinder zwischen fünf und zwölf Jahren schienen von den Umständen glücklicherweise weniger beeindruckt zu sein. Die Jungen tobten zwischen den eng gestellten Zelten, rauften, spielten mit ihren Jojos. Ihre Schwestern betreuten die jüngeren Geschwister, die Frauen holten Wasser und kochten. Die Männer tranken Tee, unterhielten sich. Eine Schule dürfen nur wenige Jugendliche besuchen. Wie ihre Zukunft nach Ende des Bürgerkriegs aussehen wird, ist nur zu erahnen.

Wie wertvoll und geschätzt die Arbeit von humedica ist, betonen fast alle Flüchtlinge. „Dass ihr wiedergekommen seid… Danke oder „Shukran“ – wie es im Arabischen heißt!“ Die ärztliche Betreuung des vergangenen Jahres ist nicht vergessen. Ebenso wenig die Verteilung von Lebensmittelpaketen, mit denen die neu angekommenen Flüchtlinge damals die Zeit bis zur Versorgung durch die UNHCR überbrücken konnten.

Jetzt steht die medizinische Versorgung vorerst wieder im Fokus. Das erste Team ist durch ein zweites abgelöst worden. Heidi Nicklin hat die Koordination für die nächsten zwei Monate übernommen.

Sie wird in der Zeit kaum zur Ruhe kommen; doch das ist ihr von vielen bereits getätigten Einsätzen in anderen Ländern bekannt. Das ist die andere Seite des „Paris des Nahen Ostens“, wie der Libanon oder Beirut früher genannt wurden. Umso wichtiger ist die Rückkehr ins Bekaa-Tal.

Bitte unterstützen Sie mit einer gezielten Spende die syrischen Flüchtlinge, die im Nachbarland Libanon auf Hilfe angewiesen sind. Vielen Dank!

      humedica e. V.
      Stichwort „Syrische Flüchtlinge
      Konto 47 47
      BLZ 734 500 00
      Sparkasse Kaufbeuren

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