"Ich werde es vermissen."

Projektkoordinatorin Heidi Nicklin erzählt von ihrer Zeit in Kisoro

von Stefanie Huisgen, Heidi Nicklin, 09.11.2012

Viereinhalb Monate leitete Heidi Nicklin das Flüchtlingsprojekt von humedica in Uganda und sorgte mit ihrem Einsatz dafür, dass die ehrenamtlichen Ärzte, Krankenpfleger- oder schwestern und Medizinstudenten vergleichsweise optimale Arbeitsbedinungen vorfanden.

Bevor sie in ihre Wahlheimat Schottland zurückkehrt, hat sie in der Kaufbeurer Zentrale vorbeigeschaut und im Interview berichtet, welche Erinnerungen sie von ihrer Zeit im Herzen Afrikas mitnimmt, welchen Herausforderungen sie sich stellen musste und wie die Zusammenarbeit in ständig wechselnden Einsatzteams funktionierte.

Liebe Heidi, Du bist vor ein paar Tagen aus Uganda zurückgekehrt. Mit welchen Gedanken und Gefühlen hast Du Kisoro hinter Dir gelassen?

Ich war richtig gerne dort, es hat viel Spaß gemacht und ich werde es vermissen. Es ist ein gutes Projekt, ein schönes Land und es hat mir gut gefallen - eines der besten Projekte, das ich je gemacht habe.

Die Menschen waren sehr nett und es herrschte ein freundlicher Umgang miteinander. Im Augenblick freue ich mich zwar auf Zuhause, aber es sind positive Erinnerungen, die ich mitnehme, und wenn ich die Augen zumache, sehe ich die wunderschöne Landschaft vor mir.

Welche Aufgaben haben Deine Koordinatorentätigkeit in Uganda geprägt?

Meine Haupttätigkeit bestand darin, alles so zu organisieren, dass die medizinischen Teams arbeiten konnten, sie einen Arbeitsplatz hatten, die Patienten da waren, Medikamente zur Verfügung hatten - kurzum, dass das Hilfssystem im Gange war.

Außerdem habe ich mich um die Verteilung von sogenannten Non-Food-Items (Artikel des täglichen Gebrauchs) gekümmert. Zunächst mussten die Güter eingekauft werden und anschließend in Zusammenarbeit mit dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) eine vernünftige Verteilung koordiniert werden.

Worin bestand für Dich die größte Herausforderung?

Die größte Herausforderung für mich war dabei, die Arbeitsweise des Ugandischen Roten Kreuzes (URCS) mit den Erwartungen des Auswärtigen Amtes der Bundesrepublik Deutschland in Einklang zu bringen. Für eine transparente Abrechnung ist es notwendig, dem Auswärtigen Amt übersichtliche Listen zu geben, die einen vernünftigen Umgang mit Spendengeldern dokumentieren.

Die Realisierung solcher Listen kann sich allerdings in einem Camp, wo überall Schlamm ist, recht schwierig gestalten. Doch ich war selbst immer dabei und habe gesehen, dass das URCS ordentlich arbeitet, wenn nötig streng ist, sich nicht übers Ohr hauen lässt, aber eben nicht so ganz wie man es gerne in Deutschland hätte. Also dass ich das so aneinander geschafft habe, wie es geht, das war schon eine Herausforderung.

Wie hat sich Dein Arbeitsalltag gestaltet?

Unser Ziel war es, den Gesundheitsposten in Bunagana (Anm.: Grenzstadt zur Demokratischen Republik Kongo mit hoher Flüchtlingsanzahl) mit Medikamenten und medizinischem Personal zu unterstützen. Wir sind von montags bis samstags jeden Morgen um neun Uhr früh losgefahren und haben um halb zehn mit der Arbeit anfangen. Der Tag beginnt in Uganda erst um diese Zeit, da es morgens sehr kalt ist.

An den Markttagen arbeiteten wir in der Regel bis 17 Uhr, weil dann viele Menschen zu uns kamen. An anderen Tagen konnten wir auch etwas früher die Heimfahrt antreten, während wir samstags ohnehin nur bis 13 Uhr oder 14 Uhr behandelten.

Durchschnittlich konnten wir täglich zwischen 50 und 70 Patienten versorgen und haben unsere Arbeit erst beendet, wenn alle dran gekommen waren. Nie haben wir einen kranken Menschen unbehandelt nach Hause geschickt.

Unter den Flüchtlingen aus der Demokratischen Republik Kongo waren sehr viele Kinder. Welchen Eindruck hattest Du davon, wie die Mädchen und Jungen diese Extremsituation verkraftet haben?

Kinder sind Kinder, wenn man sie beschäftigt, vergessen sie alles um sich herum. Kinder leben ja für den Moment und wenn man ihnen Aufmerksamkeit schenkt, lächeln sie immer. Leider konnte ich mich nicht mit ihnen unterhalten, um wirklich zu erfahren, was in ihren kleinen Köpfchen und Herzchen vor sich ging. Sie müssen von Zuhause flüchten, befinden sich plötzlich in dieser Lagersituation, da wäre es schön gewesen, wenn es eine Organisation gegeben hätte, die sich speziell mit den Kindern beschäftigt hätte.

Welche Situation wird Dir in besonderer Erinnerung bleiben?

Eigentlich gibt es zwei. Einmal ein Moment, als das Projekt noch in der Anfangsphase war. Da war ich gemeinsam mit der ersten Assistenzkoordinatorin zu Besuch im Flüchtlingscamp Nyakabande, als es einen großen Zustrom von Neuankömmlingen gab.

Innerhalb von zwei Tagen hatte sich die Anzahl nahezu verdoppelt auf 12.000 Menschen, alles war sehr geballt, und es herrschte eine dementsprechende Atmosphäre. Das fand ich schon sehr beeindruckend, und obwohl es nicht gerade eine positive Erinnerung ist, bleibt sie mir doch im Gedächtnis.

Die andere Situation ist hingegen absolut positiv. Als ich eines Tages in einen Behandlungsraum des Gesundheitszentrums in Nyakabande lief, stieß ich auf eine Frau, die nur 20 Minuten zuvor ihr Kind geboren hatte. Dieses kleine Baby war so süß.

Da ich nicht wollte, dass die Frau so kurz nach der Entbindung den Weg zurück ins Camp zu Fuß zurücklegen muss, was in der Kultur durchaus üblich ist, habe ich die Mutter gemeinsam mit ihrem Neugeborenen und einer Freundin mit dem Auto gefahren.

Während Deiner Zeit als Koordinatorin hast Du häufig wechselnde Teamzusammensetzungen miterlebt. Wie hast Du diese personelle Dynamik empfunden?

Alle Einsatzkräfte, die gekommen sind, waren absolut teamfähig und konnten sich gut anpassen. Es gab keine Schwierigkeiten und hat viel Spaß gemacht. Allerdings waren außer uns humedica-Menschen noch sechs weitere Personen in dem Gästehaus unseres Partners untergebracht, sehr nette ehrenamtliche Ärzte und Studenten aus den Niederlanden, die unser Partnerkrankenhaus unterstützten. Daher blieb uns kaum Zeit, den Arbeitsalltag in entspannter Atmosphäre als Team, etwa beim Abendessen, noch mal Revue passieren zu lassen. Das fehlte mir schon etwas.

Andererseits hatte unser Arzt Gabriel Labitzke dadurch die Möglichkeit, abends ebenfalls ins Mutolere-Krankenhaus zu gehen und dort den jungen Ärzten bei der Diagnose zu helfen. Das empfand ich deutlich wichtiger als die Einberufung einer offiziellen Besprechungsrunde.

Wie haben sich Deine Arbeit und Lebensumstände in Uganda von Deinen bisherigen Einsatzorten (Äthiopien, Simbabwe, Sri Lanka, Pakistan, die Philippinen) unterschieden?

Gemessen an den Wohn- und Lebensumständen war Uganda wirklich sehr, sehr schön und gemütlich. Es kam mir auch sehr entgegen, dass ich zu keinem Zeitpunkt alleine war, so wie in meinem Pakistan-Einsatz. Es war von den äußeren Umständen her fast das Einfachste, was ich erlebt habe, ähnlich wie in Simbabwe.

Man musste keine besonderen Sicherheitsvorkehrungen einhalten, es war eine touristische Gegend und somit gab es Restaurants, in die man an den freien Tagen Essen gehen konnte. Außerdem war es eine wunderschöne Gegend mit einer tollen Landschaft.

Du bist in Asien aufgewachsen, hast lange in Deutschland gearbeitet und lebst nun in Schottland. Fällt es Dir leicht, Dich an eine neue Umgebung zu gewöhnen?

Ich habe keine Probleme, mich an eine neue Umgebung zu gewöhnen und es geht auch immer recht schnell. Ich sehe, was mir gefällt, und auch, was mir nicht gefällt, bin aber zu sehr Europäerin, um mich lange Zeit im außereuropäischen Ausland aufzuhalten. Dafür schätze ich unsere Vielfalt zu sehr.

Allerdings liebe ich es, andere Länder kennen zu lernen und zu erfahren, wie andere Menschen leben. Das Klima in Kisoro war jedoch absolut angenehm, das hätte ich gerne immer (lacht).

Worauf freust Du Dich bei Deiner Rückkehr nach Hause am meisten?

Auf meine eigene Küche, meine eigene Dusche und mein Bett.

Liebe Heidi, vielen Dank für Deine Unterstützung und dass Du Dir für das Gespräch Zeit genommen hast. Wir wünschen Dir eine gesegnete Zeit und freuen uns auf kommende Einsätze.

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