„Ich bekomme weit mehr, als ich gebe“

von Sonja Küster/RBU, 13.02.2012

Sonja Küster nutzt ihren Urlaub nicht für Reisen in ein Erholungsgebiet. Stattdessen reist sie in Länder wie Mosambik, Uganda oder in den Sudan, um in Gefängnissen medizinisch zu helfen. Die junge Ärztin ist bewegt von den Eindrücken, die sie während ihrer drei Einsätze in Haftanstalten gesammelt hat. Sonjas kleine Reportage gewährt uns einen spannenden Einblick in eine besondere Form der Hilfe.

Behandlunsgplatz im innenhof eines Gefängnisses: bereits zum dritten Mal war Sonja Küster für die Insassen tätig. Foto: humedica/Sonja Küster

“Rrrrums. Mit einem lauten Scheppern fällt das große Metalltor des Zentralgefängnisses von Uganda hinter uns in Schloss. Es ist der erste Arbeitstag unseres zweiwöchigen Einsatzes in dem ostafrikanischen Land.

Ausgestattet mit unseren Medikamentenkoffern und medizinischem Equipment warten wir auf den Gefängnisdirektor. Die uniformierten „Officers“ schauen teils freundlich, teils verschlossen. Ich spüre Beklommenheit. Wie trostlos und bedrückend die Atmosphäre in afrikanischen Gefängnissen ist, hatte ich wieder vergessen.

Prison is a depressed place“, heißt es in der allgemeinen Information von PFI (Prison Fellowship International, eine internationale Organisation, die sich für die Verbesserung von Haftbedingungen einsetzt und mit der humedica kooperiert). Wie wahr.

Nach der offiziellen Begrüßung durch den Direktor und der Kontrolle unseres Gepäcks, werden wir zu den Räumen geführt, wo wir die Gefangenen untersuchen und ihnen Medikamente aushändigen können. Es kann losgehen.

Ich habe mittlerweile bereits an drei Einsätzen von humedica und PFI teilgenommen. Krankheiten, Tagesrhythmus, Arbeitsalltag und Schwierigkeiten sind in jedem Land ähnlich, und doch ist jeder Einsatz immer wieder anders.

Durch die Arbeit in den Gefängnissen bekommt man einen Einblick in die Gesellschaft, Geschichte, Politik, in das Rechtssystem und die wirtschaftliche Lage eines Landes, der einem sonst verborgen bleibt. Offiziell dürfen wir Gefangene nicht nach dem Grund ihrer Inhaftierung fragen. Wenn sie aber von sich aus berichten, hören wir zu - und ihre Geschichten erzählen viel.

Vielleicht sitzt dieser junge Mann wegen eines schweren Vergehens im Gefängnis. Vielleicht auch nur wegen einer - nach unseren Maßstäben - harmlosen Meinungsverschiedenheit. Wichtig ist in erster Linie, dass er medizinische Hilfe bekommt. Foto: humedica/Sonja Küster

Wir treffen Frauen und Männer, die wegen Mordes oder Gewalttaten zum Tode verurteilt sind. Junge Männer sind wegen diverser tätlicher Delikte lebenslang inhaftiert. Andere hatten einfach nur Streit mit einem Nachbarn, der sie dann verleumdet hat. Oder die Personen sind auf unbestimmte Zeit im Gefängnis - die Hintergründe sind nicht selten Diskriminierung.

Viele Einzelheiten und Schicksale erfahren wir auch aus den Erzählungen von den lokalen Mitarbeitern der Prison Fellowship-Gruppen des jeweiligen Landes, die manchmal schon jahrelang in Gefängnisse gehen, um die Häftlinge dort zu besuchen.

Mitunter gibt es in den Gefängnissen eine medizinische Versorgung für die Insassen, es sind Ärzte und Schwestern angestellt. Teilweise ist dies aber auch nicht der Fall. Warum dann trotz der Festanstellungen die Gefangenen bei uns Schlange stehen, mit wochen- oder monatelang nicht behandelten Haut-, Augen-, Harnwegserkrankungen oder infizierten Wunden, bleibt unklar wie so vieles, aber verstehen müssen wir nicht alles. Wir wollen helfen.

Oft werde ich von Bekannten und Freunden nach der Nachhaltigkeit eines zweiwöchigen Hilfseinsatzes gefragt. Diese Frage möchte ich offen lassen; meine Hoffnung ist, dass unsere Einsätze erste Schritte auf einem Weg sind, den dann andere weitergehen.

Ich weiß allerdings, dass diese Einsätze für mich persönlich mehr als nachhaltig sind. Mir unvergessen bleibt, wie eine Gruppe von Gefangenen in Uganda trotz ihrer schwierigen Situation in einem Raum gesungen und getanzt haben vor Freude und Zuversicht, die sie aus ihrem Glauben zogen.

Und ich werde die Frauen nicht vergessen, die in ihrem Gefängnis eine kleine Gemeinde gegründet haben. Manche von ihnen sind schon 20 Jahre im Gefängnis und sie kümmern sich liebevoll um andere Mitgefangene und brachten uns eine Freundlichkeit und Wärme entgegen, die ich in dieser Form selten erlebt habe.

Und vor kurzem erreichte mich die Nachricht, dass eine zum Tod verurteilte Frau begnadigt wurde, was mich unglaublich froh gemacht hat.

Mit manchen Mitarbeitern von PFI hat sich eine enge Freundschaft entwickelt und wir stehen heute noch in Kontakt. Mit Spenden können wir ermöglichen, dass Kindern von inhaftierten Eltern mit unseren Geldern die Schulgebühr gezahlt wird und sie eine Möglichkeit haben, aus der Perspektivlosigkeit auszubrechen.

Die Ausgabe von Medikamenten in einem sudanesischen Gefängnis. Medikamente, für deren Besorgung wir auf Ihre Spenden angewiesen sind. Foto: humedica/Sonja Küster

Nachhaltig sind auch die Freundschaften innerhalb des humedica-Teams, die sich während der Einsätze ergeben. Es sind wunderbare und besondere Menschen, die ich dort kennengelernt habe.

Und, was machst du dieses Jahr in Deinem Urlaub?“, wurde ich vor kurzem von einer Kollegin gefragt. Als ich von meinem geplanten PFI-Einsatz mit humedica erzählte, meinte sie: „Das würde ich nicht machen, ich will doch etwas von meinem Urlaub haben.

Ich auch. Und ich bekomme jedes Mal weit mehr als das, was ich an Zeit, Kraft und Geld investiert habe.“

Unsere ehrenamtlichen Mediziner, die an einem Einsatz in Gefängnissen teilnehmen, tragen die anfallenden Reisekosten selber. Für benötigte medizinische Utensilien wie beispielsweise Zahnarztbesteck oder Medikamente fehlen aber oft die zweckgebundenen Spenden.

Bitte helfen Sie uns mit Ihrer Spende bei der Arbeit in den Gefängnissen, in denen die Insassen häufig ohne Verurteilung oder wegen geringfügiger Vergehen jahrelang inhaftiert sind.
      humedica e. V.
      Stichwort „PFI
      Konto 47 47
      BLZ 734 500 00
      Sparkasse Kaufbeuren

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