Letzte Ausfahrt Kollo

von Ruth Bücker/SRI, 20.07.2012

Miriam Börjesson ist eine starke, eine engagierte Frau. Im vergangenen Jahr verließ sie mit ihrem Mann Nils und drei Kindern ihr Heimatland Schweden, um als Team die Projektleitung in Niger zu übernehmen. Das Städtchen Kollo, im Süden des westafrikanischen Staates gelegen, ist neue Heimat der fünf Nordlichter.

Hier leistet humedica seit 2005 medizinische Hilfe, im Januar 2009 wurde eine kleine Klinik eröffnet. Nach einem Jahr oft trauriger und harter, aber auch erfüllender und erfreulicher Arbeit war die ausgebildete Krankenschwester zu Besuch in Kaufbeuren. Wir sprachen mit ihr über ihren Alltag, Herausforderungen und besondere Begegnungen.

Als Landeskoordinatorin sei ihr Alltag ein sehr ereignisreicher und aufgrund der Vielfältigkeit der Aufgaben kaum als solcher zu bezeichnen. Angefangen bei dem Personalmanagement zieht sich ihr Tätigkeitsbereich über die Beschaffung und Einsetzung von Hilfsgütern, über Buchhaltung, Marketing und Trainingsausübung bis hin zu der Arbeit als Krankenschwester und als Ansprechpartnerin und gute Seele für ehrenamtliche Einsatzkräfte aus Deutschland.

Herausforderungen lauern bei diesem breit gefächerten Arbeitsfeld hinter fast jeder Ecke. Auch die Unterschiede zu ihrem Heimatland Schweden sind stets offensichtlich: „Ich hab erst vor wenigen Tagen einen Report von UNICEF gelesen“, erzählt Miriam. „Laut der Studie ist das weltweit beste Land für eine Mutter Schweden. Mit den schwierigsten und widrigsten Umständen dagegen haben Mütter in Niger zu kämpfen.

Niger gehört zu den weltweit ärmsten Ländern und jedes Jahr ist sowohl für die Familie aus dem europäischen Norden, als auch für die Einheimischen herausfordernd: Schwierige klimatische und daraus resultierend landwirtschaftliche Verhältnisse, fehlender Regen, gefräßige Heuschrecken, die es auf die magere Ernte abgesehen haben; die Liste ist durchaus verlängerbar.

Bereits im Jahr 2005 suchte eine große Hungersnot die Menschen in Niger heim. Fünf Jahre später gingen die Not und die Lebensmittelknappheit abermals weit über das reguläre Maß hinaus und die Menschen litten Hunger. Und seit vergangenem Herbst kämpfen die Menschen in Niger erneut gegen den akuten Hunger an“, ergänzt Miriam.

Einheimisches Personal der humedica-Klinik untersucht täglich bis zu 100 Patienten, stellt den Grad der Unterernährung fest und versorgt die Patienten dementsprechend. Foto: humedica/Tanja Osterried

Viele der Familien hätten sich bereits bei den vorangegangenen Hungerkatastrophen hoch verschuldet, um die horrend angestiegenen Preise für ein wenig Getreide zahlen zu können. Die abermals angespannte Lage ließ den Menschen keine Zeit, wieder Fuß zu fassen und die Kredite zurückzuzahlen. Ein Umstand, der die Last auf den Schultern vieler Nigrer in der aktuellen Situation zusätzlich verstärkt.

Entsprechend hoch ist die Anzahl der Patienten in der humedica-Klinik und derer, die aufgrund Unterernährung für das Ernährungsprogramm registriert werden: „Wenn wir morgens die Kliniktore öffnen, warten bereits zwischen 150 und 200 Patienten darauf, von einem unserer Ärzte behandelt zu werden. Wir haben insgesamt 40 lokale Mitarbeiter, die gemeinsam mit Ehrenamtlichen aus Deutschland die medizinische Versorgung übernehmen und uns Europäern darüber hinaus viele Dinge über die Kultur, Bräuche und Traditionen näher bringen können.

Außerdem wurden 160 Mädchen und Jungen unter fünf Jahren in dem Ernährungsprogramm von humedica aufgenommen. Im Vergleich dazu hatten wir im gesamten vergangenen Jahr nicht mehr als 60 Kinder registrieren müssen. Die Anzahl der schwangeren oder stillenden Frauen ist noch dramatischer angestiegen: von 30 registrierten Frauen im vergangenen Jahr auf 199 zum aktuellen Zeitpunkt.

Im Programm registriert zu sein, bedeutet für die Kinder eine regelmäßige Versorgung mit speziell abgestimmter, nährstoffreicher Nahrung. Gleichzeitig eine gezielte medizinische Betreuung und, falls nötig, Behandlung. Abhängig vom Grad der Unterernährung bedarf es einer stationären Aufnahme, mitunter sogar einer Sondenernährung, bis sich der Zustand wieder stabilisiert hat.

Schwangere und stillende Frauen, die an Mangel- oder Unterernährung leiden, bekommen in der humedica-Klinik einen nährstoffreichen Brei zum direkten Verzehr und zusätzliche Rationen zum Mitnehmen. Trotz dieser vielfältigen Hilfsmaßnahmen ist Miriam Börjesson nahezu täglich mit großem Leid konfrontiert:

Es ist schwer zu akzeptieren, wenn eine Mutter mit einem stark unterernährten Kind zu uns kommt und uns während der Behandlung erzählt, dass sie fünf weitere Kinder ernähren muss. Obwohl wir wissen, dass diese Frau mit ihren Kindern einen größeren Bedarf hat, können wir sie nicht stärker unterstützen. Wir sind gezwungen, uns auf die extremsten Fälle zu konzentrieren.

Eine Initiative geht von den Bürgermeistern der nigrischen Städte aus. In Zusammenarbeit mit den Vereinten Nationen wurde ein Programm entwickelt, das Männer sechs Tage mit Arbeiten zugunsten ihrer Städte beschäftigt. Am siebten Tag erhalten sie dafür 25 Kilogramm Reis für sich und ihre Familien. „Im Vergleich zur Hungersnot 2005 haben wir eine sehr positive Entwicklung“, schildert Miriam Börjesson. „Es ist mehr als ein Hoffnungsschimmer, dass die nigrische Regierung internationale Organisationen um Hilfe gebeten hat und die Unterstützung koordiniert zu Menschen in Not kommt.

Hoffnungsschimmer zeigen sich auch im Alltag immer wieder: sei es in der Zusammenarbeit mit den einheimischen Kollegen oder in einer besonderen Begegnung mit einem Patienten. Wie sich Miriam Börjesson in Niger einleben musste, welches Schicksal sie am meisten beeindruckte und warum sie ihre Arbeit liebt, verraten wir in einem spannenden zweiten Teil. Bald.

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