„Irgendwo zwischen Schweden und dem Tschad“

Interview mit Miriam Börjesson

von Miriam Börjesson, Damaris Walter, 26.11.2012

Miriam, vielen Dank, dass Du Dir die wertvolle Zeit nimmst, uns ein paar Fragen zu beantworten! Du und Dein Mann, ihr seid ja mehr oder weniger beide aus Schweden, seit September 2011 lebt und arbeitet ihr nun aber mitten in Afrika, im Niger, aufgrund des Hungerhilfeprojekts von humedica, das ihr bis heute dort koordiniert.

War das nicht ein enormer Schritt, all den Komfort und die Sicherheit zurückzulassen und ein neues Leben in einer ganz anderen Kultur zu beginnen?

Ja; es ist etwas komplett anderes, es sind zwei verschiedene Welten. Schweden ist eines der reichsten Länder der Welt und Niger eines der ärmsten. Im Juni las ich einen Bericht auf der Homepage von Unicef in dem stand, dass Schweden das beste Land für eine Mutter sei, dort mit ihren Kindern zu leben und Niger sei das schwierigste.

Welche Beweggründe veranlassten Euch schlussendlich in den Niger zu gehen?

Zuvor arbeiteten wir bereits vier Jahre lang für ein SIDA (Schwedische Agentur für internationale Entwicklungszusammenarbeit)-unterstütztes Projekt im Niger und wir begannen das Land wirklich zu lieben. Es war zwar nicht einfach, aber die Menschen waren alle so herzlich und recht bald konnten wir viele gute Freundschaften knüpfen. Persönliches Kümmern und die Arbeit mit Menschen ist eben auch Teil des Auftrags von humanitärer Hilfe.

Welche Herausforderungen und Schwierigkeiten hattet ihr erwartet und welche kamen dann tatsächlich auf Euch zu, als ihr in ein Land kamt, in dem die Kultur und Mentalität der Menschen derart anders ist?

Ich bin die ersten 21 Jahre meines Lebens im Tschad aufgewachsen, somit war es für mich eigentlich dann sogar schwieriger in Schweden zu leben. Die größte Herausforderung im Niger war für uns aber, dass die Kinder so sehr unter der Armut in dem Land leiden müssen, das kann man kaum mit ansehen.

Eure eigenen Kinder sind von schwedischer Mentalität geprägt, wachsen aber im Niger auf, mitten in Afrika. Vielleicht kennst Du den Begriff „Third Culture Kids“, der Menschen beschreibt, die in einer anderen Kultur aufwachsen, als sie herkommen; oft fühlen sie sich dadurch zwischen zwei Welten und kennen ihre eigene Identität nicht. Siehst Du Deine Familie in diesem Zwiespalt, besonders Eure Kinder?

Ja, ich habe schon von dem Begriff und der Problematik gehört. Ich bin, wie bereits kurz erwähnt, im Tschad groß geworden und ich erinnere mich noch gut daran, als ich zehn Jahre alt war und mir einmal die Frage gestellt wurde, wo mein Zuhause sei und ich antwortete: „Im Flugzeug irgendwo zwischen Schweden und dem Tschad.

Unsere Kinder sind bestens integriert, sie lieben ihre Schule hier im Niger und haben viele Freunde. Sie selbst sagen sogar, dass es im Niger angenehmer sei zur Schule zu gehen, weil es im Unterricht hier ruhiger sei als in Schweden. Aufgrund der schlechten Sicherheitslage können wir die Kinder nicht alleine hinausgehen lassen. Sogar mein Mann und ich können abends nicht einfach ausgehen. Das ist manchmal echt schwer, vor allem für unsere Tochter, die jetzt zwölf Jahre alt ist.

Unsere Kinder sind gewöhnt an die andere Sprache, die andere Hautfarbe und die andere Kultur; es ist völlig normal für sie. Auch wenn wir woanders sind, passen sie sich schnell und mühelos an. Zudem sprechen sie die drei Sprachen Schwedisch, Englisch und Französisch fließend.

Was bedeutet „Heimat“ für Dich persönlich, wie würdest du das Wort für dich selbst definieren?

Heimat ist da, wo deine Familie ist. Ich denke, es ist einfacher, wenn man seine Familie bei sich hat. Wir sind ein Paar und wir haben unsere Kinder bei uns.

In meiner Kindheit und Jugendzeit war meine Heimat der Tschad. Als ich dann plante, in Schweden zu heiraten, realisierte ich, dass ich zwar meine eigene biologische Familie dort in Schweden habe, aber die Familie in meinem Herzen, mit der ich aufgewachsen bin, im Tschad ist, und nicht zu meiner Hochzeit kommen kann. Letzten Endes mussten wir unsere Hochzeit also ohne meine Familie aus dem Tschad feiern.

War oder ist es schwer, an die Menschen im Niger heranzukommen und mit ihnen zu kooperieren, aufgrund von kulturellen Differenzen, Mentalitäten und Umständen, oder schätzen sie sich einfach glücklich Hilfe zu bekommen, ungeachtet wo und von wem sie kommt?

Nein, es war nicht schwer, uns ihnen anzunähern, weil die Menschen im Niger sehr freundlich und herzlich sind. Wir haben so viele tiefe Freundschaften gewonnen. Das Schwierigste im Niger ist für uns, dass Frauen nicht die gleichen Rechte und die gleiche Stellung haben, wie die Männer. Und das ist etwas, was man täglich zu spüren bekommt und mit dem man einfach zu leben lernen muss. Nicht nur, aber auch besonders in diesem Zusammenhang merkt man auch, dass die Nigrer sehr stolze Menschen sind.

Was sind die offensichtlichsten und wichtigsten Unterschiede zwischen dem Niger und Schweden? Was empfindest Du als Vor- und Nachteile beider Kulturen?

Schweden ist eines der reichsten Länder und Niger eines der ärmsten; das allein sagt schon eine Menge aus. Was unschätzbar Positives am Leben in Schweden (im Gegensatz zum Niger) ist, dass die Frauen und Kinder den gleichen Wert haben wie die Männer.

Des Weiteren ist in Schweden schön, dass man, wenn man Hilfe braucht, weiß, woher man sie bekommen und an wen man sich wenden kann. Aber in Schweden sind wir Menschen sehr auf uns selbst bezogen, egoistisch und egozentrisch. Wir sind nie zufrieden oder dankbar für das, was wir haben.

Der Niger ist ein sehr fremdenfreundliches Land, hier wird den Gästen und Besuchern nur das Beste gegeben. Sie haben auch großen Respekt vor älteren Menschen, was man von Europäern nicht allgemein behaupten könnte. Außerdem haben sie die Zeit - in Schweden haben wir nur die Uhr.

Könntet ihr euch vorstellen, Euer gesamtes Leben dort zu verbringen? Was vermisst ihr am meisten?

Ja, wir können uns gut vorstellen hier für immer zu leben. Ich denke, was wir am meisten vermissen, sind unsere Familien. Und außerdem die Freiheit, nach sechs Uhr abends noch das Haus verlassen zu können. Die Kinder können sich nicht frei bewegen und als Frau muss man sehr darauf achten, wie man sich kleidet. Nach einer gewissen Zeit hier wird es allerdings Teil des eigenen Lebens und man denkt nicht weiter darüber nach, sondern lässt sich auf das Leben ein, wie es hier eben ist.

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