Die Gewissheit, das Richtige zu tun

von Hanna Bonnyai/RBU, 20.11.2012

Die Ärztin Hanna Bonnyai war vier Wochen in verschiedenen Regionen des Libanons tätig und brachte medizinische Versorgung zu syrischen Flüchtlingen. Sie erlebte Gastfreundschaft, Fröhlichkeit, Lachen, Ungewissheit, Traurigkeit, Verwunderung - alles, was das Leben ausmacht. Und auch in schwierigen Situationen war sie stets sicher, sich mit dem Einsatz richtig entschieden zu haben.

„Neben den Erwachsenen, die Zweifel und unberechtigte Gewissenbisse plagen, stoßen wir leider auch bei den Kindern oft auf psychosomatische Symptome. Eines Tages führt uns ein Dorfältester an eine Zementbank gleich neben der Straße. Zu uns setzen sich Mutter und Tochter. Noor ist zehn Jahre alt. Seit zwei Monaten hat sie Bauchschmerzen, erbricht und hat Durchfall. Ich bitte die Mutter und andere, die das sehr interessant finden, zu gehen, da ich mit der Übersetzerin und Noor allein sein möchte.

Ich frage sie, wo sie lieber ist, im Libanon oder in Syrien. „Syrien, zu Hause“, lautet die Antwort. „Weil dort habe ich meine Freunde.“ Ich frage sie, was sie in Syrien im Fernsehen gesehen hat. „Viel Schlimmes.“ Und was sie in Echt gesehen hat. „Sie haben meinen Nachbarn erschossen. Ich war dabei. Sein Blut spritzte überall hin. Auch auf mich. Ich war voll mit Blut.

Ich musste schwer schlucken und konnte und will mir die Situation nicht weiter ausmalen. Welch ein Trauma dieses Mädchen erlitten hat. Starr blickt sie während meiner Fragen vor sich hin. Dann guckt sie mich an und lächelt verlegen

Ich frage sie noch, wie sie schläft. „Manchmal wache ich nachts auf, weil ich schlimme Träume habe.“ Auf meine Frage, wie sie mit der gesamten Situation umgehe, lautet die Antwort: „Manchmal rede ich mit meiner Mutter, und manchmal weine ich sehr viel.“ Ich bin sprachlos. Ich kann sie einfach nur in den Arm nehmen, und ihr sagen, dass sie hier sicher ist. Und doch weiß ich, dass sie es nicht ist.

Der Mutter erkläre ich, dass die Symptome ihre Gründe in dem Erlebten haben. Und wieder kann ich nicht mehr machen. Ich komme mir so hilflos vor. Zum Schluss können wir dem Mädchen zumindest noch eine kleine Freude bereiten: Sie hat nur Sandalen an, obwohl es in den Bergen schon merklich kälter ist als in Beirut. Und so übergibt mein Koordinator gefütterte rosa Stiefel an Noor.

Seine neunjährige Tochter hatte ihm diese gegeben, mit einem besonderen Auftrag: „Ich möchte, dass ein Flüchtlingskind meine Stiefel bekommt. Ich habe noch ein anderes Paar, und ich habe sie nicht so nötig wie vielleicht ein anderes Mädchen, das geflohen ist.

Noor fängt vor Freude an zu weinen. Vom Dorfältesten erfahren wir, wieso wir Noor auf dieser Bank untersucht haben: die Familie lebt in einem Stall mit Tieren. Sie können sich die Miete einer Wohnung nicht leisten.

Während ich mit der Übersetzerin die Patienten befrage und behandle, unterhält sich unser Koordinator oft mit den Männern. Hier erzählen sie ihm über den Krieg, über das Erlebte, über ihre Wünsche und Hoffnungen. Manchmal behandeln wir auch junge Männer mit Schusswunden.

In der letzten Woche meines Einsatzes treffen wir ein Geschwisterpaar. Daheim waren ihre Eltern wohlhabend, da sie eine Fabrik für arabische Süßigkeiten besaßen. Nun sind sie Flüchtlinge und wohnen in einer Wohnung mit anderen geflohenen Familien. Aber zumindest können sie das Schulgeld für ihre Tochter aufbringen.

Sie und ihr wenige Jahre älterer Bruder wurden angeschossen. Beide wurden dabei von Kugeln direkt in ihre linken Oberschenkel getroffen. Noch in Syrien wurden sie operiert und kamen danach in den Libanon. Die Narben sind reizlos, das Gangbild und der Bewegungsumfang in Hüfte und Knie sind fast regelgerecht, die Röntgenbilder zeigen mir zufriedenstellende Ergebnisse. Dennoch: die Narben der Einschüsse bleiben. Vor allem die in der Seele.

Eine provisorische Einrichtung ist für den Moment ausreichend. Der bevorstehende Winter wird hingegen neue Herausforderungen mit sich bringen. Foto: humedica/Wolfgang Groß

Die vier Wochen im Libanon waren gefüllt: mit Leid und Freud, mit Tränen und Lachen, mit Angst und Hoffnung. Und trotz des Leides, der Tränen und der Angst: ich werde die Zeit vermissen. Ich habe Kinder aus tiefstem Herzen lachen und sich über die einfachsten Dinge freuen sehen, wie ich lange kein Kind mehr in Deutschland erlebt habe.

Ich habe mich sehr gefreut wenn ich sah, wie wir manchmal mit unserer bloßen Anwesenheit den Flüchtlingen etwas von ihrer Menschenwürde zurückgeben konnten. Ich habe mich trotz der manchmal brenzligen Umstände von Gott behütet gefühlt. Ich habe das volle Leben erlebt.

Ich werde den Libanon vermissen: Trablous (wie Tripoli auf Arabisch heißt), Shawarma (den „arabischen Döner“), die Berge, die Herzlichkeit der Flüchtlinge, die uns trotz ihrer Armut immer einen viel zu süßen Tee oder Kaffee anboten. Meinen Koordinator mit seiner Familie, meine Kollegen und meine Übersetzer.

Es war eine Zeit, die reich an neuen Erfahrungen war und mir wieder neu gezeigt hat, wie gesegnet wir Deutschen sind: mit Wohlstand, Freiheit, Sicherheit und Frieden.“

Um diese wertvolle Arbeit weiterhin leisten zu können, brauchen wir Ihre Hilfe. Bitte unterstützen Sie unsere Hilfsmaßnahmen im Libanon und auch in Syrien weiterhin mit Ihren Spenden. Vielen Dank!

      humedica e. V.
      Stichwort „Syrische Flüchtlinge
      Konto 47 47
      BLZ 734 500 00
      Sparkasse Kaufbeuren

Auch mit einer kleinen sms für Menschen in Not Großes erreichen: Stichwort DOC an die 8 11 90 senden und von den abgebuchten 5 Euro gehen 4,83 Euro in die humedica-Projektarbeit.

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