Liebe und Trauer inmitten der Trümmer

von Margret Müller/RBU, 20.08.2012

Das gesamte Wochenende behandelte das humedica-Team im Norden des Iran Betroffene der schweren Erdbeben, die sich vor etwas mehr als einer Woche ereigneten. Bis zu 130 Patienten werden an einem Tag durch so genannte mobile Kliniken erreicht und versorgt. Neben der konkreten Hilfe und medizinischer Behandlung ist es aber immer wieder auch die Nähe und Fürsorge, die den Menschen helfen kann, wie humedica-Koordinatorin Margret Müller berichtet.

„Es ist immer etwas eigenartig, in ein neues Dorf für einen medizinischen Einsatz zu fahren. Wie wird die Lage sein? Wie leben die Menschen gerade? Was haben sie überlebt? Wie sind sie jetzt versorgt? Welche und wie schlimme Verletzungen haben sie? Wie ist die Stimmung im Dorf?

Bei zu geringer Flüssigkeitsaufnahme und unter Umständen gleichzeitig auftretender Durchfallerkrankungen, müssen die Patienten mit Infusionen stabilisiert werden. Hier humedica-Helfer Klaud Ruhrmann. Foto: humedica

Von dem Dorf Damenabad ist nicht viel geblieben, außer einem großen Lehmberg. Die Menschen leben, wie überall, in Zelten. Meist füllen zwölf Personen eine dieser Notunterkünfte. Das Bild, das sich uns als erstes bietet, sind im Schatten der Trümmer sitzende Männergruppen, ruhig miteinander sprechende Frauen und herumtollende Kindern.

Diese lockere, liebevolle Umgangsweise der Dorfbewohner inmitten der Trümmer berührt mich sehr. Ein anderes Bild und einen völlig anderen zweiten Eindruck hingegen bekommen wir im persönlichen Gespräch.

Viele unsere Patienten brechen in Tränen aus. Die komplette Aufmerksamkeit für ihr persönliches Befinden zu bekommen, scheint bei ihnen viele Dämme der Tapferkeit brechen zu lassen. Und unsere Behandlungen bieten ihnen einen geschützten Raum, in dem sie fühlen, dass Trauern und Weinen erlaubt ist.

Das Erdbeben hat tiefe, schmerzhafte psychische und physische Spuren hinterlassen. Äußerlich sind Brüche, Verbrennungen, Prellungen, starke Blutergüsse, offene und infizierte Wunden, Augenentzündungen und Verätzungen zu versorgen. Tief sind aber auch die Verletzungen der Seele, die durch das Trauma verursacht wurden.

Wir behandeln eine Frau, die nicht mehr aufhören kann zu weinen. Ihr Schwiegersohn ist unter Trümmern gestorben und damit ist auch für sie eine Welt zusammengebrochen - abgesehen von ihrer bis zu den schweren Erdbeben existierenden materiellen Welt.

Einige Patienten waren bis zu einem Tag verschüttet. Ein weiterer Mann, Garcum, verlor sein einen Monat altes Baby, brach sich die Wirbelsäule und seinen Körper prägen zahlreiche offene Wunden. Genesende Ruhe kann er sich nicht wirklich gönnen. Die Tochter will seine Zuneigung und Aufmerksamkeit, seine Familie müsste versorgt und das von Steinen komplett deformierte Auto müsste wieder fahrbar gemacht werden.

Von Garcums Haus ist nichts geblieben. Aber lächelnd, höflich und zuvorkommend ist er die gesamte Zeit in unserer Nähe, achtet darauf, dass wir Tee und Melone haben und sorgt sich unnötigerweise beinahe mehr um uns, als um sich selbst.

Als wir durch das Dorf laufen, fällt mir ein Mann mit seinem intensiven Blick auf. Sein Sohn ist direkt an seiner Seite. Der Junge sei der einzige, der sich vor dem Erdbeben in Sicherheit bringen konnte, erzählt der Vater. Er selbst sei gerade von Arbeit gekommen und konnte nur hilflos beobachten, wie seine Familie von dem einstürzenden Haus verschüttet wurde.

Eines seiner Kinder starb sofort. Seine Frau war unter den Haustrümmern begraben, konnte aber glücklicherweise gerettet werden. Ein weiterer Sohn und seine Tochter sind im Krankenhaus. Seine Herde und somit seine Lebensgrundlage hat er zum Großteil verloren. Jetzt leben sie in einem Zelt mit zwölf Personen und fahren in die Stadt Ahar, um zu duschen und die Toilette zu benutzen.

Er hofft, durch den Verkauf seiner Felder etwas Geld für den Bau eines neuen Hauses zu bekommen. Vor allem, da der bevorstehende Winter in der bergigen Gegend des Landes sehr hart und lang ist. Davor hat er am meisten Angst, auch weil er überzeugt ist, dass sich dann keiner mehr um seine Familie und das Erdbeben sorgt.“

humedica plant neben der aktuellen Not- und Katastrophenhilfe bereits mittelfristige Hilfestellung für die Menschen im Norden des Iran. Bitte helfen Sie uns mit Ihrer Spende, den Betroffenen neben der medizinischen Versorgung und der Hilfsgüterverteilungen die Sicherheit zu geben, dass sie in wenigen Wochen nicht vergessen sein werden. Vielen Dank!

      humedica e. V.
      Stichwort „Erdbebenhilfe Iran
      Konto 47 47
      BLZ 734 500 00
      Sparkasse Kaufbeuren

Auch mit einer kleinen sms können Sie Großes bewirken: Stichwort DOC an die 8 11 90 senden und von den abgebuchten 5 Euro tragen Sie mit 4,83 dazu bei, ein Leben maßgeblich zu verändern.

Neben den humedica-Helfern und Ihnen, liebe Freunde und Spender, gilt unser direkter Dank dem Auswärtigen Amt der Bundesrepublik Deutschland und action medeor e. V. für die Unterstützung.

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