...aber sie schaffen es trotzdem, zu lachen

von Heidi Zach, 09.01.2012

Was es bedeutet, zu helfen, welche Gedanken während und nach einem Einsatz bei den ehrenamtlichen humedica-Hilfskräften aufkommen und über Fragen, die andere und man selbst sich stellt, schreibt die junge Ärztin Heidi Zach, die ihren Urlaub für eine Tätigkeit in Äthiopiens Süden verwendete.

Die Ärztin Heidi Zach war ehrenamtlich in Äthiopien tätig. Die Frage danach, warum sie all die Strapazen auf sich nimmt, stellte sich ihr nie. Foto: humedica

„Ich durfte im November bei meinem ersten Einsatz mit humedica im 70 Kilometer von Dollo Ado entfernten Flüchtlingscamp Melkadida mitarbeiten. Wenn ich zu Hause gefragt werde „Wie war es? Erzähl doch mal kurz!“, war und ist es bis jetzt schwer, die Erlebnisse in Worte zu fassen.

Es war einfach unbeschreiblich und überwältigend. Man hat das Gefühl, in diesen wenigen Wochen beinahe sinnvollere Arbeit getan zu haben, als in all den vergangenen Jahren zusammen.

Mich erstaunen auch immer wieder Fragen wie „Was? Katastrophenhilfe? Welche Katastrophe gibt´s denn gerade in Afrika?“ Unfassbar, wie schnelllebig unsere Zeit ist und wie man sich an die Schreckensnachrichten gewöhnt. Wirklich bewusst wird einem das Elend, das man ja eigentlich aus dem Fernsehen zu kennen meint, aber natürlich trotzdem erst, wenn man es real sieht, hört, fühlt, riecht... mit allen Sinnen erlebt.

Ich bekam bei der Anreise das Gefühl, dass Äthiopien doch scheinbar ein sehr grünes Land ist, aber je weiter es in Richtung Dollo Ado ging und damit in den Süden, desto trockener, verbrannter und brauner wurde die Landschaft.

Nichtsdestotrotz hatte die mittlerweile um drei Jahre verspätete Regenzeit eingesetzt und brachte - wobei zwar ursprünglich sehnlichst erwartet - vor allem viele Probleme in der Versorgung der Flüchtlinge mit sich. Zusätzlich zu dem ohnehin bereits widerfahrenen Elend, wurden die Straßen immer wieder durch sintflutartige Regenfälle und dadurch plötzlich neu entstandene, reißende Ströme blockiert.

Erst blieb jahrelang die Regenzeit aus, dann verursachten schwerste Regenfälle Überschwemmungen, welche die Lage der Flüchtlinge zusätzlich erschwerte. Foto: humedica/Heidi Zach

Dadurch waren wir einige Male schlichtweg nicht in der Lage, die dringend benötigte Hilfe im Lager zu leisten. Wenn ich Zuhause im Stau stehe und zu spät zur Arbeit komme, was passiert? Gar nichts! Es gibt Kollegen, die meine Arbeit ohne weiteres übernehmen könnten. Wenn unser medizinisches Team allerdings nicht zu den Flüchtlingen kommt, sterben vermutlich Menschen, die auf unsere Hilfe dringend angewiesen sind.

An diesen glücklicherweise sehr wenigen, zwangsweise arbeitsfreien Tagen konnten wir das Elend im Camp nur erahnen. Aus Erzählungen erfuhren wir später, dass viele Behausungen oder Zelte unter Wasser standen und sogar einige Menschen ertrunken waren.

An den Tagen danach konnte man noch die schrecklichen Spuren des Regens im und rund um das Camp sehen. Wir umfuhren eingestürzte Brücken, die größere Hilfslieferungen mit Lastwagen in nächster Zeit beinahe unmöglich machen würden, sowie Matsch und Schlamm im Camp, soweit das Auge reichte.

Kein Matsch, den man von Zuhause kennt, sondern aufgrund der schrecklichen hygienischen Zustände, unter anderem durch fehlende oder randvolle Latrinen, ein Meer von Krankheitserregern, das durch die Zelte lief.

Glücklicherweise waren aber diese Tage nicht die Regel und wir konnten fast täglich nach der anderthalb Stunden dauernden Fahrt meist gegen 8.30 Uhr mit der Arbeit im Lager beginnen.

Dabei arbeiteten wir einerseits im Gesundheitszentrum, einer in Kooperation mit ARRA betriebenen Krankenstation, andererseits in unserem humedica-Gesundheitsposten am entgegen gesetzten Ende des Lagers. Knapp 100 Patienten konnten dabei pro Tag behandelt werden. Meist kleine Kinder und Babys, aber auch Erwachsene, sowie alte und gebrechliche Frauen und Männer.

"Umso schöner daher die zahlreichen Momente, in denen man Menschen in Melkadida trotz ihres Elends lachen und sogar scherzen sieht." Foto: humedica/Heidi Zach

Bei mindestens 40 Grad im Zelt, massenhaft Fliegen und schwerstkranken Patienten, stellte sich trotzdem niemals die Frage „Warum tue ich das?“. Vielmehr kam immer öfter die Frage auf: „Wie könnte man das eigentlich nicht tun?

Unheimlich viele, teils stark geschwächte Patienten und sehr viele Säuglinge kamen mit Infekten der Atemswege, Durchfall, hohem Fieber, Wurmbefall und schrecklichen Hautinfektionen zu uns - meist sogar mit allem auf einmal.

Einer etwas zu empathischen Erfahrung zufolge wurde mir selbst bewusst, wie schrecklich sich diese Bronchitis, die nahezu jedes Kind im Camp meist als Vorstadium einer Lungenentzündung hatte, anfühlen kann. Dabei hatte ich ein Dach über dem Kopf, genug zu Essen und vor allem sofortigen Zugang zu meiner Reiseapotheke.

Wie sich ein Patient in Melkadida fühlt, der nicht annähernd ähnliche Vorraussetzungen hat, konnte ich nur erahnen. Ein Albtraum, aus dem es ohne Behandlung oft kein Erwachen gibt. Unglaublich, aber eine handvoll Antibiotika sind in vielen Fällen lebensrettend.

Meningitis, Pertussis (Keuchhusten), Tetanus und vor allem Tuberkulose in Kombination mit Mangelernährung waren die Erkrankungen, bei denen wir uns leider auch immer wieder unserer Grenzen bewusst wurden. Und dabei sahen wir nur die Personen, die es zu uns schafften.

Diese höchst ansteckenden Erkrankungen und auch deren Management in einem Camp, in dem eine Großfamilie teilweise in einem einzigen Zelt auf engstem Raum zusammen lebt, erschien manchmal wie der Kampf gegen Windmühlen. Und in Melkadida weht ein starker Sturm.

Die wahrhaften Helden sind in Heidis Augen die zehntausende Menschen, die in Melkadida leben. Foto: humedica

Aber Hindernisse sind da, um überwunden zu werden und ich denke, wir konnten und können sehr, sehr vielen Menschen helfen, die ansonsten nicht einmal den Funken einer Chance gehabt hätten.

Umso schöner daher die zahlreichen Momente, in denen man Menschen in Melkadida trotz ihres Elends lachen und sogar scherzen sieht. Kinder, die uns zuwinken und sich freuen, wenn man den Gruß erwidert. Menschen, die extra zu uns kommen, um sich von Herzen zu bedanken, dass ihre Kinder nach zwei Tagen Zuwendung und Antibiotika über den Berg sind. Zärtliche Gesten zwischen Geschwistern, die sich einfach um einander kümmern.

Rührende Momente, die in Erinnerung bleiben und die Frage aufkommen lassen, wer eigentlich die wahrhaftigen Helden dieser Geschichte sind.

Immer wieder war ich dankbar, „nur als Ärztin“, als kleiner Teil eines tollen Teams im Einsatz gewesen zu sein. Ich konnte mich darauf konzentrieren zu helfen soweit ich konnte. Ich bin mir dabei absolut bewusst, dass dies schlichtweg unmöglich gewesen wäre, hätte nicht ein ungemein ausdauerndes Team von Koordinatoren auf mehreren Kontinenten beständig und unaufhaltsam dafür Sorge getragen, dass dieses Projekt läuft. Dafür Danke!

Insgesamt wird man sich in so einem Einsatz plötzlich bewusst, was für ein kleines, glückliches Würmchen man doch ist und welchen Jackpot unsereins schon vor der Geburt, quasi als Vorschuss für das Leben, gewonnen hat. In diesem Sinne hoffe ich, noch viele Möglichkeiten zu bekommen, zumindest einen Teil zurückgeben zu können.“

Es gibt kaum noch mehr zu sagen, außer der Bitte, bei diesen Hilfsmaßnahmen am Horn von Afrika an unserer Seite zu stehen. Vielen Dank.

      humedica e. V.
      Stichwort „Hungerhilfe Afrika
      Konto 47 47
      BLZ 734 500 00
      Sparkasse Kaufbeuren

Sicher, schnell und einfach ist auch die Möglichkeit der Unterstützung durch das Senden einer sms: Textmitteilung mit Stichwort DOC an die 8 11 90. Von den damit gespendeten 5,- Euro fließen 4,83 direkt in die humedica-Katastrophenhilfe.

Insgesamt wird man sich in so einem Einsatz plötzlich bewusst, was für ein kleines, glückliches Würmchen man doch ist und welchen Jackpot unsereins schon vor der Geburt, quasi als Vorschuss fürs Leben, gewonnen hat. Foto: humedica/Nicole Steinert

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