Von der Katastrophe zur Krise - ein langer Weg

von Raphael Marcus, 10.02.2012

Ende Januar 2012 wurde die Hungersnot in Somalia von den Vereinten Nationen für beendet erklärt. Diese Aussage, die durch Nachrichten und Medien insgesamt als bedeutend wahrgenommen wird, beruht auf Kriterien, deren Werte sich durch Recherchen, Messungen und statistische Berechnungen zusammenstellen lassen. Sehr wohl sind diese Zahlen richtig - doch die Aussage selber täuscht und verbirgt einiges.

Wenn Schätzungen zufolge allein in Somalia 350.000 akut unterernährte Kindern noch von der Hungersnot betroffen sind: Wie kann diese für beedent erklärt werden? Foto: humedica/Katja Weber

Gemäß der Vereinten Nationen (UN) ist von einer Hungersnot (entspricht Phase 5 der Integrated Food Security Phase Classification IPC) dann die Sprache, wenn über 20 Prozent der Haushalte einer Region extreme Nahrungsmittelknappheit erfahren, über 30 Prozent der Menschen unterernährt sind und von 10.000 Menschen pro Tag zwei sterben.

In Somalia sind zurzeit 2,3 Millionen Menschen vom Hunger betroffen - am ganzen Horn von Afrika sind es noch fast 10 Millionen Kinder, Frauen und Männer! In Somalia selber wird die Zahl der noch akut unterernährten Kinder auf 350.000 geschätzt!

Letztendlich geht es um eine Degradierung der Hungersnot zu einer humanitären Notsituation (IPC Phase 4), die weiterhin täglich Leben kostet und auslöscht. Abgesehen davon darf man nicht vergessen, dass eine Hungersnot wie wir sie erleb(t)en, weitere katastrophale Folgen nach sich zieht. Ob Flüchtlingsnot, Cholera-Epidemien, Verlust von Ausbildungsjahren, wirtschaftliche Verluste oder anderes.

Man hat also trotz Aussagen der UN keinen Grund, optimistisch zu sein und schon gar nicht sollte man sich auf die Schulter klopfen. Man kann höchstens behaupten, geholfen zu haben und dass sich die Situation seit vergangenem Sommer vielleicht verbessert hat - dafür sind humedica und andere Organisationen ja überhaupt vor Ort.

Doch die Arbeit ist längst nicht erledigt und eine weitere positive Prognose wäre gewagt, wenn nicht gar fahrlässig. Vor allem wenn man bedenkt, dass seit kurzem dem Internationalen Roten Kreuz und weiteren lokalen und internationalen Organisationen ein aktives Helfen in Somalia von der Al-Shabaab untersagt wurde.

Anhaltende Dürre ist zwar ein bedeutender, aber dennoch nur einer von mehreren Ursachen für eine Hungersnot. Foto: humedica/Katja Weber

Eine Hungersnot entwickelt sich im Laufe von Jahren, in denen unter anderem die Lebensmittelproduktion und Organisation der Dürre vernachlässigt werden, Konflikte entstehen und trotz Warnungen nicht gehandelt wird. So etwas hat langfristigere Auswirkungen und kann Regionen um Jahre zurückwerfen.

Sobald die Not da ist, ist es wichtig zu wissen, dass man wenigstens ein bisschen Zeit und nicht nur ein knappes halbes Jahr braucht, um die Ereignisse abzufangen.

Es zählt auch weiterhin, die Mythen über Hungersnöte zu zerbrechen und zu verstehen, das zum Beispiel mehr Ernte nicht gleich weniger Not bedeutet. Eine Nahrungsmittelknappheit ist nicht die Folge von zu wenig Nahrung auf der Welt. Vielmehr liegen die Ursachen in einer schlechten Verteilung und horrenden Preise.

Weiterhin darf man nicht vergessen, dass man für eine ausgewogene und gesunde Ernährung verschiedene Nährstoffe braucht, die nicht immer vorhanden sind.

Hunger entsteht auch nicht nur durch Naturkatastrophen oder Dürren. Konflikte führen auch zu Hunger und seit 1992 haben sich die Fälle der durch menschliches Vergehen ausgebrochenen Hungersnöte verdoppelt.

Der Konflikt am Horn von Afrika brodelt bereits seit zwei Jahrzehnten und auch da ist kein Ende in Sicht. Bald sollen schon fast 17.000 Soldaten der AMISOM (African Union Mission in Somalia) in Somalia stationiert werden und gemeinsam mit äthiopischen und kenianischen Truppen einen Kampf gegen Al-Shabaab führen.

Am wichtigsten ist es allerdings zu verstehen, dass durch Hunger eine ganze Gesellschaft über Jahre hinweg geschädigt bleibt. Trauma, bleibende Gesundheitsschwächen und ein allgemeiner Rückschlag der Entwicklung sind nur einige Beispiele.

Wenn die aktive Hilfe für die hungernde Bevölkerung untersagt wird, wer soll den Menschen dann noch helfen? Foto: humedica/Katja Weber

Hungernde Kinder lernen nicht und entwickeln sich schlecht. Einer Studie aus Guatemala zufolge verdienen Jungs, die während ihrer ersten drei Lebensjahre verstärkt ergänzende Nahrungsmittel erhalten haben, schlussendlich ein beinahe doppelt so hohes Gehalt wie die Kontrollgruppe (siehe hierzu: Hoddinott J, Maluccio JA, Behrman JR, Flores R, Martorell R.: "Effect of a nutritional intervention during early childhood on economic productivity in Guatemalan adults." The Lancet. 2008. Feb. 2; 371 (9610): 411-6).

In zwei Monaten erleben wir am Horn von Afrika die nächste Regenzeit - ob mit Regen oder nicht - und dementsprechend werden wir auch im Sommer im Stande sein, ein weiteres Fazit abzugeben. Ein Ende der schlechten Lage ist aber nicht in Sicht und die Menschen in diesen Ländern werden noch lange auf Hilfe von außen angewiesen sein.

Doch vielleicht schafft es die Welt, ebenso wie die Hungersnot auch die Notsituation zu besiegen und herunterzustufen. Wir hätten es aber selbst dann immer noch mit einer Nahrungskrise (IPC Phase 3) zu tun, deren Kriterien ebenfalls schlimm und sehr besorgniserregend wären.

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      Sparkasse Kaufbeuren

Anmerkung: Raphael Marcus ist Projektsachbearbeiter für die Hilfsmaßnahmen am Horn von Afrika. Der gebürtige Schweizer studierte und arbeitete bei einer Hilfsorganisation in Israel, bevor er im Sommer 2011 seine Arbeit bei humedica begann.

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