„Mut ist, nicht nur anzufangen, sondern auch weiter zu machen“

Interview mit Raphael Marcus

von Raphael Marcus, Damaris Walter, 19.11.2012

Lieber Raphael, mit Deinem komplexen Hintergrund, Deinen vielen Wurzeln und wechselnden Wohnorten hast Du eine Identität, die noch deutlich stärker als bei typischen „Third Culture Kids“ aus verschiedenen kulturellen Prägungen und Einflüssen besteht. Viele eindrückliche Erlebnisse und zusätzlich noch jede Menge Einsatzerfahrung in der humanitären Hilfe machen Dich heute als Menschen aus.

Einerseits in der Schweiz, zum anderen in Israel aufgewachsen, bist Du als jüdisches Kind in einem Elternhaus groß geworden, in dem vier Sprachen gesprochen wurden und Dir nun sozusagen drei Nationalitäten anheften.

Wo fühlst Du Dich Zuhause?

Ich glaube, dass ich mich überall Zuhause fühlen kann und ich denke, dass ich kein Problem habe mich wohl zu fühlen, egal wo.

Doch es gibt Orte, die in mir ein weiteres Gefühl auslösen - das Gefühl, einer von vielen zu sein, die ähnlich aufgewachsen sind, die mich verstehen, meine Entfaltung akzeptieren und sich nicht anstrengen müssen, es mir zu gewähren, mich meine Tradition vollkommen ausleben zu lassen.

Ich kann aber auch sehr leicht ohne dieses Gefühl leben - es gibt eben Vor- und Nachteile in allen Belangen des Lebens.

Ist denn „Zuhause“ an einen Ort gebunden? Was macht für Dich Heimat aus?

Ich glaube, dass diese Frage nur mit Hilfe anderer Menschen zu beantworten ist. Das heißt, es liegt nicht nur an mir zu sagen, wo meine Heimat ist; sondern auch die Heimat selbst muss das genau so akzeptieren. Generell ist in meinen Augen die Identität eines Menschen eher davon abhängig, wie andere mich sehen und nicht, wie ich mich selbst sehe. Die Heimat ist der Ort, mit dem man sich persönlich am besten identifizieren kann und dazu gehört eben auch, dass sich die Heimat mit Dir identifiziert und Deine persönliche Geschichte als Teil ihrer eigenen ansieht.

Was hat Dich nach Deutschland gebracht?

Ich bin wegen humedica hier und denke, dass ich auch in Zukunft dort sein werde, wo ich meine Hilfe für andere gut umsetzen kann. Wäre die humedica-Hauptzentrale in Timbuktu, müsstest Du mich heute dort interviewen. Wo es mich auch hinziehen wird: Ich bin nach so vielen Jahren in Israel bereits zu verwöhnt, um mir noch vorstellen zu können, dauerhaft an einem Ort zu leben, wo nicht immer die Sonne scheint und die Menschen laut sind…

Kann man sich zu verschiedenen Lebensabschnitten an verschiedenen Orten ganz Zuhause fühlen? Kann sich das Heimatgefühl an einen neuen Lebensraum anpassen oder im Laufe der Zeit verändern?

Ich bin da selbst noch etwas unerfahren, aber ich kann mir gut vorstellen, dass sich durch gewisse persönliche Schicksale, oder mit der Gründung einer eigenen Familie Vieles ändern kann, auch das Heimatgefühl.

Beschäftigt einen als „Third Culture Kid“ und Dich ganz persönlich die Frage nach Heimat und der eigenen Identität tatsächlich immer wieder, oder ist es so „normal“, dass man es nicht hinterfragt, weil man eine feste Landes- und Kulturzugehörigkeit schlichtweg nicht kennt?

Ich denke, das Gegenteil ist der Fall. Denn ich habe durchaus eine Zugehörigkeit, aber sie stört mich selbst eigentlich nicht. Egal, wo ich bin, ich komme zurecht und fühle mich wohl. Ich denke oft, dass die anderen diese Frage weitaus mehr beschäftigt als mich.

Dein Vater, geboren in Paris, aufgewachsen in Berlin; deine Mutter, geboren in Prag, seit ihrer Jugend in London zu Hause; nach elf Jahren in England ziehen sie in die Schweiz, wo Du zur Welt kommst und 14 Jahre lebst, bis Du mit Deiner Familie nach Israel ziehst. Inwieweit beeinflusst diese berechtigte Identitäts- oder Zugehörigkeitsfrage Dein tägliches Leben?

Klar, ich bin ein Produkt dieser etwas abgefahrenen Geschichte - ich sehe darin aber nur sehr wenige Nachteile, verglichen mit den vielen Vorteilen, und die sind ein Teil von mir geworden.

Worin siehst Du die Vorteile eines Lebens als multikultureller Weltenbürger im Vergleich?

Es würde mir schwer fallen, sagen zu müssen, welche Vorteile dadurch entstanden sind, weil ich Weltenbürger bin und welche ich durch die tolle Erziehung meiner Eltern auf meinen Weg mitbekommen habe - diese beiden Komponenten haben mich anpassungsfähiger, humaner, offener und sprachgewandter gemacht und mir gezeigt, dass in jedem Menschen sehr viel mehr steckt, als man sich oft vorstellen kann. Der Nachteil: Nun ja, manchmal wünschte ich mir, meine Sorgen wären auf ein einziges kleines Dorf, das mich umgibt, begrenzt …

Denkst Du, dass durch intensive Auslandsaufenthalte, prägende kulturelle Erfahrungen und wechselnde Wohnorte ähnliche Lebenssituationen entstehen können, wie sie auch „Third Culture Kids“ kennen?

Klar, das ist heute so einfach wie noch nie! Aber es braucht Mut, und das ist etwas, das bei „Third Culture Kids“ oft schon in ihrer Persönlichkeit verankert ist. Mut, nicht nur anzufangen, sondern auch weiter zu machen und zu lernen, dass man Zeit hat, vieles zu erleben, zu lernen und mehrere ganz verschiedene Lebensabschnitte zu durchleben.

Vielen Dank, lieber Raphael, für Deine Zeit und den Einblick, den Du uns hier in Deine Persönlichkeit gewährst! Wir wünschen Dir, dass Du da ankommst, wo Du Dich am wohlsten fühlst. Wir wünschen Dir weiterhin alles Gute und hoffen, dass Du humedica noch lange Deine Heimat nennen wirst.

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