„Wir wissen nicht, wie das Pulverfass geladen ist!“

Schweizer Seismologe zu Besuch bei humedica

von Stefanie Huisgen, 07.08.2012

Es ist mitten in der Nacht. Der Klingelton seines Mobiltelefons reißt den Seismologen Prof. Dr. Max Wyss aus dem Schlaf. Per Kurzmittelung wird er darüber informiert, dass sich ein schweres Erdbeben zugetragen hat. Nur eine Stunde bleibt dem ausgewiesenen Experten, um aus den zunächst spärlichen Daten - Ort des Geschehens (Epizentrum), Tiefe des Bebens und Stärke der Erschütterungen (Magnitude) - seine Berechnungen anzustellen.

In etwa so spielt sich der Handlungsablauf des Erdbebenforschers ab, wenn sich in einer Region auf der Welt ein starkes Beben ereignet. Die Hauptaufgabe des pensionierten Hochschulprofessors besteht darin, innerhalb kürzester Zeit Angaben über die zu erwartende Anzahl an Todesopfern und Verletzten zu machen.

Interessiert verfolgen die humedica-Mitarbeiter den Vortrag des Schweizer Seismologen Prof. Dr. Max Wyss. Foto: humedica/Stefanie Huisgen

Aufgrund dieser Berechnungen ist es Hilfsorganisationen und Behörden möglich, im Katastrophenfall schnell und effizient zu handeln. Auch für humedica stellen die raschen Einschätzungen des Seismologen und seines Forscherteams eine wertvolle und wichtige Grundlage für die unmittelbare Einleitung von Hilfsmaßnahmen dar.

Eine Lehrstunde im Fach Geologie

Vor kurzem hat der Schweizer Wissenschaftler den Mitarbeitern von humedica bei seinem Besuch in Kaufbeuren in einem anschaulichen Vortrag seine Arbeitsweise erläutert. Dabei erklärte er, welche Faktoren für eine möglichst realistische Einschätzung der Erdbebenopfer eine wesentliche Rolle spielen: die Intensität der Erschütterung, die Bevölkerungsanzahl sowie die Beschaffenheit der Gebäude im Epizentrum und der näheren Umgebung.

Im vorhandenen Datensatz wird die Anfälligkeit der Bauwerke in sechs Stufen kategorisch erfasst, sodass im Zuge der Berechnungen berücksichtigt werden kann, ob es sich um Gebäude mit schwacher Bauweise (Kategorie A) oder starker Bauweise (Kategorie E) handelt. Besonders zu beachten ist in diesem Zusammenhang, dass in den sogenannten Schwellen- und Entwicklungsländern die meisten Menschen in statisch schwachen Unterkünften leben.

Da es sich bei den Zahlen und Daten um Annahmen bzw. Näherungswerte handelt, sind Fehlerquellen nicht auszuschließen, weshalb der Besuch des Unglücksortes für den Seismologen im Nachgang eines Erdbebens eine wünschenswerte Angelegenheit ist: „Wenn ich nach einem Erdbeben in das betroffene Gebiet reisen darf, kann ich sehen, was wirklich geschehen ist und meine Fehler korrigieren. Denn ich möchte aus jedem Beben etwas lernen, Fortschritte machen und schließlich bessere Ergebnisse liefern.“

Brennpunkte der Zukunft: Istanbul, San Francisco und der Himalaya

Im Hinblick auf die Vorhersage der Regionen, wo das Risiko eines Erdbebens in naher Zukunft besonders groß ist, zeichnete Prof. Dr. Wyss ein besorgniserregendes Bild. Insbesondere die beiden Millionenstädte Istanbul und San Francisco befinden sich auf tektonisch brenzligem Gebiet. Mit einem schweren Beben muss jederzeit gerechnet werden; exakte Angaben kann jedoch kein Wissenschaftler machen.

„Wir wissen nicht, wie das Pulverfass geladen ist. Wir wissen aber, dass es sich verändert hat!“ erläutert der Professor zur Wahrscheinlichkeit und Größenordnung eines Erdbebens in Istanbul. „Experten gehen allerdings davon aus, dass die Menschen, die heute in Istanbul wohnen, das Erdbeben noch erleben werden.“ Eine beängstigende Prognose, die Anlass zur Sorge gibt, wird die türkische Metropole an der nordanatolischen Verwerfungslinie derzeit doch von 12 Millionen Menschen bevölkert!

Anschaulich erläutert der pensionierte Wissenschaftler, dass sich die Erdbeben im Himalaya beständig gen Westen bewegen - auf eine dicht besiedelte Region in Nordindien. Foto: humedica/Stefanie Huisgen

Auch im Norden Indiens, am Fuße des Himalayas, sei in den kommenden Dekaden mit starken Erderschütterungen der Größenordnung 8,5 auf der Richterskala zu rechnen. In den vergangenen Jahrzehnten und Jahrhunderten hätten sich die Erdstöße Stück für Stück auf dieses Gebiet zubewegt. „Es handelt sich hier zwar nicht um eine Megastadt, aber um eine Region mit hoher Bevölkerungsdichte. Bei einem schweren Beben ist möglicherweise mit einer Million Toter und Verletzter zu rechnen.“

Ruhelos im Ruhestand

Für ein schnelles und effizientes Handeln im Katastrophenfall sind die Berechnungen des Schweizer Seismologen auch für humedica von unschätzbarem Wert. Dabei kann Professor Wyss, der 35 Jahre lang in den USA tätig war, auf ein ausgewiesenes Forschungsteam mit Experten aus Westeuropa, Russland, USA, Japan, Asien sowie Südamerika zurückgreifen.

Vor elf Jahren gründete er gemeinsam mit internationalen Kollegen die World Agency of Planetary Monitoring and Earthquake Risk Reduction (WAPMERR), eine Organisation, die sich auf die Berechnung von Opferzahlen nach einem Erdbeben spezialisiert hat und mit ihrem Fachwissen die Planung der diversen Rettungsmaßnahmen erleichtern will. Diese Dienstleistung stellt die Forschungsmannschaft um den Genfer Wissenschaftler humedica kostenlos zur Verfügung und verhilft dadurch zu einem schnellen Überblick und vereinfachter Einsatzplanung im Ernstfall.

Die Leidenschaft für die Seismologie ist es, die den pensionierten Erdbebenforscher auch im Ruhestand nicht loslässt und anspornt, weiter im Dienst der Wissenschaft tätig zu sein. Doch nicht nur das: „Ich hatte ein gutes Leben und auch wenn ich jetzt im Ruhestand bin, möchte ich etwas von meiner Expertise weitergeben und nützlich sein.“

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